„Einzig das Knirschen der Hanfseile wird noch zu hören sein. Und das gleichgültige ferne Rauschen des Meeres.“

Das besonders Schöne an diesen letzten Sätzen eines wirklich lesenswerten, schönen Buches ist das Futur. Beide Sätze kommen am Anfang des Kapitels bereits vor, da noch im Präsens. Der Tempuswechsel führt hier – trotz Wechsel in die Zukunft – zur Betonung der Vergänglichkeit, ist doch hier längst klar, dass es für den hier Handelnden keine Zukunft geben wird.

Was treibt einen älteren Herrn, schütteres Haar, erfolglos versuchend, gepflegt zu wirken, dazu, seinen Ehrenanstecker aus der UdSSR im Jahre 2010 durch Norddeutschland zu tragen? Ein Statussymbol, das erkennbar keinen Wert mehr hat – gelingt die Integration so wenig? Woran hält man sich da fest, an der Parallelgesellschaft? Der Historie? Dem Wissen, wenigstens einmal zu den Gewinnern gehört zu haben? Wobei es sich im konkreten Fall kaum um ein Symbol des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg handeln dürfte, jedenfalls kein selbst erlangtes, schon aus Altersgründen nicht. Passend dazu fährt der Zug auf meiner Reise durch das verschneite Nordostdeutschland auch an einem alten Schriftzug vorbei, der seinerseits aus anderen Zeiten stammt: Berlin ruft die Jugend.unbenannt2.jpg

„Wir sind Jochen Distelmeyer“ sagt Jochen Distelmeyer im Laufe des Konzerts. „Und das nächste Stück heißt:“ Weiter im Text. Ein Konzert, das in gewisser Weise in den 90ern stattfindet – Distelmeyer ignoriert das Rauchverbot, im Publikum wird das Rauchverbot ignoriert, Hauptsache, die Gitarre produziert ein lautes Feedback. Das Publikum besteht zu gefühlten 80 Prozent aus Männern, eine neue „Fanbase“ hat das Solo-Album dem Eindruck nach nicht erschlossen. Es sind dennoch nicht nur die „alten Hits“, die für Begeisterung sorgen – dafür sind gute Distelmeyer-Songs einfach zu „gut“.

Wenn einmal die Geschichte des deutschsprachigen Abschiedsliedes geschrieben worden ist, dann ist „Nur mit Dir“ darin entweder ein Ehrenplatz eingeräumt worden – oder es ist ein Werk geworden, das seiner Aufgabe nicht gerecht wurde. Distelmeyer hat viele großartige, bewegende Songs geschrieben, aber mit „Nur mit dir“ hat er sichergestellt, dass die Zeit nach Blumfeld nicht nur seine Frank Black-Phase ist, sondern eher seine Robbie Williams-Zeit. „Nur mit dir“ ist vielleicht nicht „Angels“, aber schon „Eternity“ – und dann gibt es da ja auch noch „Murmel“. Die beiden Songs alleine rechtfertigen dieses Konzert, rechtfertigen den Eintrittspreis, die Anreise, die Wartezeit. Allerdings nicht die T-Shirt-Preise: 20 €? Junger Mann, das wäre selbst dann nicht gerechtfertigt, wenn Ihnen was total Flottes eingefallen wäre. Für 10 € hätte ich das „heavy“ World Trade Center gekauft, aber nicht für das Doppelte. So bleibt ein Konzert, das auch bei Distelmeyer wohl Spuren hinterlassen mag, denn die letzte Zugabe („Old Nobody“) wirkte wie eine _wirkliche_ Zugabe, wie ein Tribut an die Begeisterung, die Songs wie „Status: Quo Vadis“ und „Pro Familia“ entfachten. Und eben auch „Murmel“ und „Nur mit dir“: Die neuen Stampfer bringen uns nicht weiter, wer hat das Taschentuch?
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Trotzdem: Eine Fussnote zur Geschichte von Blumfeld wird die Existenz als Individuum bleiben, wenn der eigentliche Kulminationspunkt so etwas wie „Pro Familia“ bleibt. Verjüngt sich eigentlich im Fluchtpunkt. Regen oder nicht. Mein eigenes T-Shirt: Die Welle von „Nowhere“. Die 90er, die Wohlfahrtsausschüsse, der Gedanke, es könnte anders kommen können. Jetzt bleibt: Dancing Barefoot. Und mehr Gitarrenwechsel als Sonic Youth, Distelmeyer wechselt ca. nach jedem Lied die Gitarre. Weil: Warum nicht.

The adventure of music is a dialogue between artist and audience. The artists performs, the audience appreciates. But what if the artists performs an act of self-loathing that distracts the audience from the music? Well, then – somebody has a problem.
I‘ve been following the art of Mark Eitzel since, um, 1994. I‘ve been a fan. I‘ve travelled to places as „exotic“ as Brussels and Frankfurt and Bochum just to see him perform. I also saw him in actual cities like Köln and Berlin. Unfortunately, he wasn‘t up to it in Berlin, at least not this time around. He walked onto the stage like someone who didn‘t want to be there. It is understandable, in a way: The stage of the somewhat pretentious Café Zapata is not where Mark Eitzel should be performing. He should be performing at the Berlin equivalent of Brussels‘ La Botanique – whatever that might be. But he‘s not, and there are reasons. One reason is: He‘s grown old, but refuses to acknowledge that. That‘s the saddest thing about his performance: His voice brings shivers down your (my) spine as he hits those sad and lonely notes, but when he makes those lame and tiring comments about sexual encounters, you can‘t help but think – all that self-deprecating humor really lost its shine. But the songs still shine. Kathleen is ever present, with „Why won‘t you stay“ being an early highlight of the set. Yet there is no confidence in Eitzel‘s moves, sometimes sitting down a chair to sing – which might be what lead him here, a sad performance to about 70 to 80 people in an „alternative“ venue instead of a full house with a suitable stage. His songs shine, his voice is compelling. He goes from belting out to caressing the low notes effortlessly and when you get the chance to listen, you know that lives can be changed by these songs.
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But just as he gets distracted by random noises from the audience, he distracts the audience from his songs, constantly explaining how badly he sucks. In previous shows, he would stop a song like „The thorn in my side is gone“ when something didn‘t seem or feel right. And start again and deliver a heartbreaking rendition. This time, he goes through the motions, wastes the song and can‘t leave the stage quickly enough. At one point, he put gaffer tape over his eyes and mouth, promising it would improve the show. It, quite naturally, didn‘t. So in the end, he needs to respond to my shouted request to „respect your audience“, which certainly seemed to strike a note with Marc Capelle who tried his best to keep Eitzel on track the whole night. Indeed, Eitzel did respond by saying that he respected his audiences, but that there were some „fuckers“ here who he wishes would just go and leave. Objectively speaking, it‘s hard to tell who those people could‘ve been. There did not appear to be anyone there that night who didn‘t want to be there and wasn‘t prepared to enjoy and appreciate the art of Mark Eitzel. With the exception of Eitzel himself.

Diese Musikrichtung hat den Hass und die Verachtung, die beispielsweise der leider verstorbene Steven Wells über sie ausschüttete, vollauf verdient. Dieser in Harmoniesucht ertrinkende Wunsch, nirgendwo anzuecken, der doch das Recht auf Traurigkeit verteidigen zu wollen scheint, das fordert den Widerspruch zurecht heraus. Solcherlei zuckersüße Lieblingsmusik hat ca. keine Daseinsberechtigung. Aber man kann sich ja nicht immer mit solchen prinzipiellen Dingen aufhalten, man muss auch mal auf‘s „Herz“ hören.ohnetitel4.jpg
Das „Herz“ sagt schon manchmal seltsame Dinge. „Ja, Lloyd, ich bin jetzt bereit, mir das Herz brechen zu lassen.“ „Eine Woche in einer verstaubten Bibliothek, darauf wartend, dass die Worte mich anspringen.“ „Lass uns dieses Land verlassen, ich gebe zu, ich langweile mich so mit mir.“ Dazu adrett aussehen, ein kleines bisschen Schüchternheit zum Kokettieren. Das Absurde ist, dass dies alles letztlich sogar wirklich gefallen kann, selbst wenn es von Vornherein auch auf nichts anderes ausgerichtet war. Den wahren Herzschmerz gibt es hier nicht, über den wird nur gesungen. Aber das schon schön. Twee as Camera Obscura. Twee as Fuck.

Das mit dem Singen bekommt sie hin. SIe sieht gut aus, auf der Bühne. Sie hat Ausstrahlung. Sie geht gut mit Worten um. Aber: Reicht das? Genau da liegt das Problem. Die aktuelle „Schall-Novelle“ „Corpus Delicti“, die Juli Zeh zusammen mit Slut auf Tonträger und auch die Bühnen der Republik bringt, ist genauso gut wie sie gut gemeint ist und heutzutage sollte bekannt sein, dass dies Gegensätze sind.

Das Gute ist: Aus „Corpus Delicti“ spricht eine kompromisslose Haltung, die uns allen gut täte. Aber die Umsetzung dieser Haltung ist von einer gewissen Beliebigkeit, die kaum mitreisst. Irgendwann in der Oberstufe hat vermutlich jeder zweite Gymnasiast, der was auf seine künstlerische Ader gab, mit der ordentlich betroffenen Vertonung von literarischen Texten experimentiert. Und das ist das Schlechte: „Corpus Delicti“ ist nicht an allen Stellen weit genug davon entfernt, einen solchen Eindruck zu machen. Ob das die bedeutungsschwangeren Pausen, die nur leidlich originellen Klangwelten, oder auch die doch bisweilen klischeehafte Verbindung von Wort und Ton sind – vieles ist so offensichtlich gut gemeint, dass es doch schade ist, dass es nicht besser ist.
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Denn das Zusammenspiel auf der Bühne, die jedenfalls in Berlin durchaus merkbaren technischen Probleme mal außen vor, zwischen Slut und Juli Zeh funktioniert schon. Es entstehen vereinzelte Momente, in denen angedeutet wird, was hätte sein können. Einige Songs funktionieren, vielleicht könnten sie sogar für sich stehen. Aber selbst als Slutgutfinder fällt es leicht zu sagen, dass die Songs jetzt keine wesentlich bemerkenswerte Erweiterung des Slut‘schen Oeuvres darstellen. So dass das Experiment insgesamt zwar sicherlich feuilletonkompatibel, aber leider nicht überzeugend ist