6 Million Germans

Veröffentlicht in ьгышл am Februar 14, 2009 von idiotery

Der Song, keine Frage, ist großartig. Er steht in einer Tradition großer, erzählender Folk-Songs, “And The Band Played Waltzing Matilda”, vielleicht, “Thousands Are Sailing” oder “A Pair Of Brown Eyes”, “Shipbuilding” womöglich, oder “Ironmasters”. Gut, das sind halt meine Bezugspunkte, Daniel Kahn mag sich eher (auch) in einer Tradition mit Bertolt Brecht und/oder Tom Waits sehen – was nicht schlimm ist, auch dieser Schuh passt. In “6 Million Germans” erzählt Daniel Kahn die Geschichte von Abba Kovners Racheplan, dem Plan, 6 Millionen Deutsche als Vergeltung für die getöteten Juden Europas umzubringen. Es ist eine Geschichte, die erzählt werden soll und sie findet in dieser Form auch eine würdige Repräsentation. Dennoch begegne ich diesem Phänomen mit Skepsis. Dass Daniel Kahn auf der Bühne steht und nach dem Song sagt, “Hm, das Lied kommt in Deutschland immer besonders gut an – ein seltsames, selbsthassendes Volk” ist das eine. Dass sich, wie beim Konzert im Grünen Salon an der Volksbühne, genügend Leute diverser Herkunft finden, die die Faust reckend “6 Million Germans” skandieren, ist das andere. 

 

Daniel Kahn hat diesen Song vermutlich in Deutschland geschrieben, im Booklet zur CD jedenfalls wird “Macht kaputt was euch kaputt macht” zitiert. Es spricht natürlich auch nichts dagegen, diesen Song in Deutschland zu schreiben oder aufzuführen, aber es mutet andererseits schon befremdlich an: Meine erste Begegnung mit dem Song war auf einer Ausstellungseröffnung in der Oranienburger Straße, Fotos aus Israel, aus den besetzten Gebieten, israelische Soldaten, mitten in Berlin. Dazu ein “junger” Amerikaner, der alternierend zwischen jiddisch, englisch und deutsch dann  irgendwann diesen Song über 6 Millionen tote Deutsche sang. Um mal ein Bon Mot, das derzeit die Runde macht, zu paraphrasieren: Er ist Jude, er darf das. Klar, man darf das dürfen. Aber spielt es nicht, jedenfalls hier in Berlin, einer Distanzierung zu, die vielleicht deutlich weniger akzeptabel ist? Wir können hier “6 Million Germans” rufen und uns damit selbst reinwaschen – wir sind aufgeklärt, wir gehören nicht dazu. Aber wir gehören dazu. Und so hat es etwas seltsam schulterklopfendes, aber auch einfach nur etwas seltsames, diesen Song so zu hören. Es wirkt, aber es wirkt auch irgendwie aufgesetzt. Vielleicht ist es auch nur ein erfolgreiches Spiel mit meiner Erwartungshaltung, das ich dem Songschreiber und seinem Publikum ein wenig übel nehme.

History is what happens when you’re somewhere else

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Februar 2, 2009 von idiotery

Wenn man in der Mitte Europas lebt, dann ist Geschichte nicht zwangsläufig das, was passiert, während man selber woanders ist. Manchmal ist Geschichte auch genau das, was man gerade selbst erlebt. Die Gegenwart wird Geschichte durch reinen Zeitablauf, aber erst, wenn sie aufgeschrieben wird, entsteht aus ihr „Geschichte“. Mit der Historisierung der jüngeren Vergangenheit wird das Umfeld der eigenen Erinnerungen Geschichte, wird Vergangenes eingeordnet und gedeutet, das im eigenen Leben noch nachwirkt. Es ist besonders spannend, dieses aus der Außenansicht nachzuverfolgen, also zu sehen, was andere von der Zeit, die man selbst durchlebt hat, für wichtig halten. Nun ist Paul Hockenos‘ „Joschka Fischer and the Making of the Berlin Republic“ keine Schilderung des Lebens im Deutschland (West) der 1980er Jahre, sondern möchte eine „alternative“ Geschichte Nachkriegsdeutschlands sein (Westdeutschlands, auch wenn der Klappentext das eher voraussetzt, als deutlich macht). Aber die Konzentration auf Joschka Fischer und das Werden der „Berliner Republik“ machen dieses Buch nicht zu einer „normalen“ Fischer-Biographie für eine internationale Leserschaft, sondern tatsächlich schwerpunktmäßig zu einer Darstellung westdeutscher Geschichte der 1960er, 1970er und 1980er Jahre. Darin ist das Buch am Nachhaltigsten, in der Schilderung der Debatten und Hintergründe, die Joschka Fischer prägten und die er zum Teil mitgestaltete. Das selbstgesteckte Ziel, das facettenreiche Bild eines Deutschlands, das mit seiner Vergangenheit in stetiger Auseinandersetzung lebt (Hockenos formuliert es im Vorwort etwas anders), erreicht das Buch hier in vollem Umfang – als Leser, der sich den Ereignissen schon aus anderem Blickwinkel genähert hat, mag man einzelne Punkte vermissen, anderes anders bewerten – aber in erster Linie ist man beeindruckt, wie plastisch gerade die Diskussionen der 1960er und ihre schiefe Perspektive auf ein in sich zerrissenes Deutschland werden, wie daraus Entscheidungen und Entwicklungen werden, die eine Gegenwart, an die jedenfalls ich sehr konkrete und bewusste Erinnerungen habe, beeinflussten. Ob es dadurch verständlich wird, wie es war in den 1970ern Kind in Westdeutschland zu sein? Wie es war in den 1980ern Kind und Jugendlicher in Westdeutschland zu sein? Das Buch verfolgt ein ganz anderes Ziel, von daher sind dies eher Fragen, die sich anlässlich der Lektüre stellen: Wie macht man eigentlich verständlich, wie das war? Und war das so „anders“ als ein Aufwachsen in anderen (westlichen) Ländern? Mein Überzeugung ist eindeutig: Es war anders. Es muss einfach anders gewesen sein. Hier war die Frontlinie im Kalten Krieg, hier war die Kontinuität zum in den 1970er endgültig als epocheprägenden Verbrechen des 20. Jahrhunderts, hier war die Rote Armee Fraktion, die in ihrer Bedeutung für linke Politik (und Alltagsleben) vergleichbare Organisationen in anderen Ländern um ein weites überragte. Diese Themen sind auch zentral in Hockenos‘ Schilderung des Werdens der „Berliner Republik“, die ja zunächst eine „Bonner Republik“ war bzw. werden musste. Als zusätzliches Thema kommt – für die Orientierung an einem Politiker der Grünen nahezu zwangsläufig – die Anti-Atomkraft-Bewegung hinzu, die in Deutschland noch heute einen anderen Stellenwert hat, als in anderen Ländern. Der erste Regen nach Tschernobyl fiel auf die erstmalig (jedenfalls nach „neuer“ Zeitrechnung) durchgeführte Großveranstaltung „Rhein in Flammen“ (in Bonn), doch damals wußte man noch nicht, das Tschernobyl überhaupt stattgefunden hatte. Tschernobyl ist ein Wendepunkt auch in Hockenos‘ Buch, zumal sich hier die Frage nach den Grenzen von Fischers „Realo“-Politik stellte: Eine Politik, die ihn zwar mit an die Macht in Hessen gebracht hatte, ihn aber gerade nun auch machtlos aussehen liess. Hockenos‘ Umgang mit dem Idealismus der Grünen und ihrem frühen Radikalismus ist kritisch-distanziert. Man mag auch daran erkennen, wie „deutsch“ diese Entwicklung mindestens in ihren Nuancen war. Denn weder war 1968, das bei Hockenos zurecht unmittelbarer Wegbereiter für die Grünen war, ein deutsches Phänomen, noch war (ist) es die Anti-Atkomkraft-Bewegung. Aber Hockenos scheint seine Leser doch immer wieder behutsam daran erinnern zu wollen, dass es gute Gründe gibt, den Radikalismus, der die deutschen Grünen hervorgebracht hat und der sie zunächst auszeichnete, nicht so ernst zu nehmen. Nicht zuletzt weil es seine Überwindung durch jemanden wie Joschka Fischer ist, die die Politikfähigkeit der Grünen im realpolitischen Sinne ermöglichte: Ohne die Überwindung des Radikalismus durch den Ex-Radikalen Fischer gäbe es Hockenos‘ Buch nicht, hätte es Joschka Fischer als den mit Sicherheit faszinierendsten Außenminister der Bundesrepublik so nicht gegeben. Wenn man sich dennoch bisweilen eine etwas andere Akzentsetzung als Leser wünscht, dann am ehesten auf Grund differierender persönlicher (politischer) Präferenzen. Der Qualität des Buches tut dies keinen Abbruch.

Täterforschung im globalen Kontext, letzter Tag

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Januar 29, 2009 von idiotery

Der letzte Tag dieser wohlmeinenden Konferenz steht im Zeichen der Erziehung, Täterforschung als Grundlage präventiver Erziehung, so ungefähr muss man sich das wohl vorstellen. Was es im Einzelnen damit auf sich hat, muss an dieser Stelle unergründet bleiben, da ich lediglich an der Abschlussdiskussion teilgenommen habe, die in ihrer Planlosigkeit nach dem ganzen planvoll-durchdachten Historiker- und Soziologenkram der letzten Tage zwar in klassischer Weise „erfrischend“ war, aber letztlich doch in erster Linie bloss zeigte, dass niemand so wirklich wusste, was für ein Fazit aus dieser Konferenz nun zu ziehen sein sollte (das stolze Schlusswort des Veranstalters – Bundeszentrale für politische Bildung – lautete dann, wenn auch nicht wortwörtlich: Am Ende stehen Fragen, keine Antworten. Und das ist gut so.) und dass es nicht immer Erkenntnisse abwirft, wenn man Künstler nach ihrer Kunst fragt.

Aber der Reihe nach. Schon bei der Auswahl der Teilnehmer der Abschlussveranstaltung ist kaum ein Konzept zu entdecken. Zum Thema „Des Künstlers Blick – ein Beitrag zur Staatsbürgerkunde?“ (natürlich auf englisch im Original, denn man ist ja international: The Artist’s Perception -  a Contribution to Citizenship Education – man sieht, schlechte Übersetzungen gehen in beide Richtungen) sollten Romouald Karmakar, Christoph Mayer chm., Thomas Medicus und Sandra Nuy diskutieren – und in der Tat kam in Ansätzen auch irgendwann eine Diskussion zustande, nur ist es nicht leicht, zu rekonstruieren, worüber eigentlich. Man fing jedenfalls recht einfallslos mit zusammenhanglosen Fragen an die einzelnen Teilnehmer, abwechselnd gestellt von Thomas Krüger (bpb) und Claus Christian Malzahn (spiegel online), an. Da stellte sich hauptsächlich heraus, dass Thomas Medicus ein Buch geschrieben hat, das vor einigen Jahren gelobt wurde, aber heute nicht mehr besonders interessant wirkt, dass Sandra Nuy Walter Benjamin und George Tabori zitieren, sowie die Handlung von Dani Levys Hitler-Film aus dem Stehgreif schildern kann, dass Christoph Mayer chm. ein Künstler ist, der Kunst in erster Linie als Kunst begriffen sehen will und dass Romouald Karmakar also als nächstes einen Film über das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101 macht. Nichts davon ist erstmal besonders interessant, doch im Gespräch zwischen Claus Christian Malzahn und Christoph Mayer chm. deutet sich an, dass es hier doch Diskussionspotential geben könnte – wobei das die Frage noch nicht beantwortet, ob das gut oder schlecht ist: Die beispielsweise am Beispiel von Guido Knopps „Geschichtspornographie“ als fraglos bedenklich aufgefasste Strategie, Täter und Opfer gleichermaßen zu Wort kommen zu lassen, wird bei Mayer zentrales Anliegen. In seinem Kunstprojekt „Audioweg Gusen“ (http://audioweg.gusen.org/) sollen alle Stimmen, die Gegenwart und Vergangenheit dieses seltsamen Ortes Gusen (wo Wohnhäuser auf dem Gelände eines ehemaligen KZ stehen und auch bewohnt sind) ausmachen, gleichberechtigt nebeneinander stehen, denn sie seien gleichberechtigt, machten sie doch in ihrer Summe die Vielstimmigkeit des Ortes aus. Auf die Frage Malzahns, ob aber denn den Stimmen der Opfer nicht das größere Gewicht gebühre, antwortet Mayer mit einem zunächst entwaffnenden: Warum? Den Opfern würde zwar das größere Gewicht gegeben, in Spielbergs Shoa-Archiv gäbe es beispielsweise mehrere Zehntausend Opfer-Stimmen, aber keine einzige von Soldaten (Mayer spricht in der Tat von Soldaten, nicht von Tätern). Damit würde zwar den Opfer mehr Gewicht gegeben, aber sei das auch richtig?

Mayer beharrt als Künstler auf der Interpretierbarkeit der Kunst, des Kunstwerkes, was als Künstlerposition natürlich zunächst unangreifbar ist, in der Diskussion über die Funktion von Kunst aber mangelnde Reflexion offenbart: Denn die Stimmen der Täter brauchen weniger Repräsentanten, weniger Repräsentation als die der Opfer. Selbst die Stimmen der Opfer, die wir noch hörbar machen können/konnten, stehen ja für eine Mehrzahl stimmlos gewordener Getöteter: Anders als die Welt der Täter, die fortbesteht, ist das jüdische Leben Ost-Europas eine untergegangen Welt, von der die Überlebenden nur noch in der Vergangenheitsform berichten können. Diese Welt existiert nicht mehr. Die Stimmen, die Mayer hörbar macht, sprechen also aus und von unterschiedlichen Welten – wäre dies nicht so, wäre auch Mayers Faszination vermutlich geringer, sein Antrieb dieses Projekt zu unternehmen, weniger entschlossen. Dennoch ist das Beharren der Künstler auf der Freiheit des künstlerischen Umgangs mit der Vergangenheit ein Anliegen, das Mayer beispielsweise mit Karmakar teilt, der sein 101-Projekt auch erstmal „machen“ will, bevor er beantworten will, warum. Das steht im Einklang mit der Kritik, die er an der Erinnerungskultur und –pädagogik äußert, in der er zu viel vorgefertigte Interpretationen entdeckt. Er hätte sich beispielsweise für das eigene Abitur im Unterricht mehr Originalmaterial und weniger vom Lehrer aufbereitetes gewünscht. Die Gedenkkultur in Deutschland ist nach Karmakar in schlechtem, weil standardisiertem Zustand, selbst jene, denen das Gedenken gewidmet sein soll, wendeten sich, wie jüngst im Bundestag geschehen, ab. Die Pointe ist fraglos gelungen, doch die Skepsis gegenüber der Analyse bleibt: Es ist doch sehr fraglich, ob das Originalmaterial tatsächlich so viel besser geeignet wäre,  das Geschehene verständlich zu machen. Andererseits ist vielleicht genau das das falsche Ziel? So empörte sich Medicus über den „Zwang der Vorstellbarkeit“, der Vergegenwärtigung, der sich etwa dort zeige, wo man versuche, die Erfahrung Theresienstadt durch Nachbau erlebbar zu machen. So naheliegend der Gedanke, so fraglich, was daraus folgen soll: Wenn die Tagung eins gezeigt hat im Laufe ihrer drei Tage, dann, dass man trefflich darüber streiten kann, was wie erklärbar und damit auch vorstellbar ist, aber auch, dass vieles, was sich hinter „Unvorstellbarem“ verbirgt, nur allzu nah und vergegenwärtigbar ist. Das gilt in erster Linie für die Täter und ihre Taten, ihre Alltäglichkeit und ihr Fortwirken, und kaum jemals für die Opfer und ihre vernichtete Welt. Aber gerade deswegen ist der unter dem „Zwang der Vorstellbarkeit“ stehende Weg der Vergangenheit in die Zukunft vielleicht der bessere Weg.

Täterforschung im globalen Kontext, zweiter Tag

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Januar 29, 2009 von idiotery

Täterforschung ist eine seltsame Beschäftigung, wie auch eine Anmerkung am Ende des ersten Panels des zweiten Tages der Konferenz denn dahin geht, dass doch zu fragen sei, ob es in einigen Jahren einen Forschungsbereich geben müsse, der darauf schaut, was diese Art von Forschung mit den Forschern mache. Anlass war das Bild einer Massenerschießung, das Harald Welzer zu Beginn seines Vortrages über „Referenzrahmen“ in der Täterforschung minutenlang an die Wand warf. Welzer rechtfertigt dies mit den Worten, man müsse die Bilder zeigen, da man sonst nicht verstehen könne, was die Täter sahen, aber die Frage ist natürlich, ob sich das überhaupt jemals „sehen“ lässt – die Faszination des Grauens spielt bei der Holocaust- oder Völkermord-Forschung vermutlich insgesamt durchaus eine Rolle. Nun muss nicht des einen „Doom“-Session des anderen Völkermordforschung sein, aber das Abstumpfen gegenüber, das Technisieren von Gewalttaten, deren Zerlegung in Einzelhandlungen, rationalisierbare gar, ist notwendiger Bestandteil solcher Arbeit. Das Bewusstsein von dem Leid, das hier hervorgerufen wurde, mag ursprüngliche Antriebsfeder sein, aber es muss sogar in den Hintergrund treten, will man die eigentliche Arbeit überhaupt leisten. Man beansprucht, die Bilder und ihre Wirkung erklären zu können, das heißt aber auch, erklären zu können, wie es zu den realen Situationen kam, die auf den Bildern nur wiedergegeben werden und unsere Reaktion darauf, sowohl auf die abgebildeten Tatsachen, wie auch die Abbildung als solche. Das ist viel – und es ist vermutlich gar kein Zufall, dass der zweite Tag der Tagung sehr im Zeichen der Frage stand, was uns die Bilder vom Grauen und von den Täter sagen oder auch nicht sagen, wie (und ob) sie eingesetzt werden (können).

Solche Fragen zogen sich nicht nur durch Welzers Vortrag, der darauf insistiert, dass das einzige, was an Massenverbrechen wie dem Holocaust unerklärlich oder unvorstellbar sei, das Ergebnis sei. Jeder einzelne Schritt dorthin sei erklärbar, gerade auch in seiner schrittweisen Alltäglichkeit: Die „großen moralischen Bauchschmerzen“, die angesichts des Ergebnisses ja eher in sprachloser Verständnislosigkeit bestehen mögen, hätten sich bei den Beteiligten kaum eingestellt, da es die schrittweise Überwindung kleiner moralischer Bedenken gewesen sei, die den eigentlichen Zivilisationsbruch ermöglicht habe: Was 1941 geschehen konnte, war 1933 unvorstellbar, jedenfalls ist das die Prämisse, die zurückführt zu der von Overy bereits gestellten, aber vielleicht anders beantworteten Frage, ob denn jeder von uns potentiell zum Täter werden kann. Welzer geht davon aus, dass die Möglichkeit, zum Täter werden zu können, nicht zuletzt davon abhängt, ob die Kapazitäten vorhanden sind, zu erkennen, dass der eigene Referenzrahmen durch äußere Einwirkung/Entwicklung verschoben, ob Handlungen, die zuvor unvorstellbar erschienen, irgendwann als legitim anerkannt werden.

Die Frage ist halt, wie solche Referenzrahmenverschiebungen vor sich gehen, wer da an was schiebt. Wie Michael Wildt die „Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung“ beschreibt (seinen Vortrag hätte auch jeder andere auf der Grundlage von Wildts Buch halten können, wobei unangenehm auffiel, dass Wildt auf Englisch sprach: Angesichts von Simultandolmetschern war das nicht notwendig und sein Englisch, obwohl gut, ist einfach nicht so gut wie sein Deutsch), wirkt der Akt der Tat konstituierend für das Kollektiv und erst durch die Zustimmung durch protestloses Zuschauen zu dieser Tat dieses Kollektivs – was in letzter Konsequenz zu einem Tätervolk führt, dessen Beitrag zum Gesamtergebnis nur noch durch Abstufungen zu unterscheiden ist, aber die Möglichkeit, „unbeteiligt“ oder „unschuldig“ zu sein, fällt endgültig weg.  Ein ähnliche Frage – was noch Beteiligung oder schon (eigene) Tat ist – stellt Wendy Lower im Hinblick auf die „Kollaboration“ in Ost-Europa: Wie notwendig war die Anwesenheit der Deutschen/Nazis für den Holocaust etwa in der Ukraine oder in Litauen? Nicht nur, aber besonders dort wurde das soziale Phänomen Holocaust im Wege der Arbeitsteilung erledigt, und die einheimische Bevölkerung übte bei der Vernichtung „ihrer“ Juden vielfältigste Rollen aus, die vom Koch (der den Erschießungskommandos die Stärkung in der Pause zwischen Massenerschießungen zubereitete) bis zu den Totengräber und Sammlern, die zwischen den Erschossenen nach Wertgegenständen zur weiteren Verwendung suchten, reichte – und vieles dazwischen (dass die Brutalität der Einheimischen die der Deutschen bisweilen übertraf, ist gut dokumentiert).

Solche Rollen sind zum Teil selbst gewählt, selbst zugeschrieben, sie dokumentieren auch in der Rückschau eine Distanzierung vom Geschehen, die in der Bezeichnung der Opfer als „unsere Juden“ durch einige der einheimischen Täter, in deutlicher Spannung zur andererseits kaum bestreitbaren Nähe steht. Aber Widersprüchlichkeit ist ja kein seltenes Phänomen, was die Zusammenhänge und Ereignisse des Holocaust betrifft. Wie Elizabeth Harvey zeigt, ist es gerade die Rolle der Frauen, die hier Sterotypen in Frage stellt. Wie sehr, sieht man ja auch an der Diskussion um „Der Vorleser“, der nicht zuletzt deswegen auf Ablehnung stößt, da er sich des Themas annimmt, dass eben nicht alle Täter hässlich und auf den ersten Blick abscheulich waren.

 

Die Bilder, die wir uns, die uns gemacht werden, von Tätern, werden heutzutage – jedenfalls in Deutschland – nicht unwesentlich von Guido Knopps Geschichtsmaschine bestimmt, von Wulf Kansteiner in einem durchaus unterhaltsamen, aber nicht bis in die letzte Konsequenz überzeugenden Vortrag als „Geschichtspornographie“ bezeichnet. Kansteiner hat die Repräsentation des Holocaust und der Täter des Holocaust im deutschen Fernsehen von den 1960ern bis in die 1980er auf der Grundlage (nur) des ZDF-Programms untersucht und sich dabei (wohl nicht unwichtig) alleine auf eigenständige Sendungen beschränkt (d.h. Magazin- oder Nachrichtenbeiträge fanden keine Berücksichtigung). Das schränkt die Verallgemeinerungsfähigkeit seiner Ergebnisse/Thesen natürlich bereits nicht unwesentlich ein, aber auch in diesem Rahmen scheint die These, dass es Bilderverbot im Hinblick auf die Täter gegeben habe, das der Distanzierung der – in der Gesellschaft ja fraglos vorhandenen – Täter (und damit der Gesellschaft) von den Taten gedient habe und habe dienen sollen, zumindest fragwürdig, wenn, wie Kansteiner auch einräumt, ja durchaus andere Gründe auch nicht unwesentlich gewesen sein können. Dass andererseits gerade der „Durchbrecher“ des konstatierten Bilderverbots, Guido Knopp, Täter und Opfer gleichermaßen als tragische Mitspieler eines tragischen Geschehens inszeniert, dürfte als These weniger Widerspruch hervorrufen, wobei sich Kansteiner von Welzer direkt sagen lassen musste, dass schon in dem ausgewählten Bildmaterial auch Kansteiner vielleicht nicht genau genug hingeschaut habe, da er als Beispiel für den als tragischen Teilhaber inszenierten Täter jemanden ausgesucht habe, der tatsächlich im positiven Sinne aktiv geworden sei. Die Frage, die Kansteiner zurückgab, ist allerdings, ob es darauf ankommt, denn der „normale“ Zuschauer erfährt solcherlei Differenzierung von Knopp schließlich auch nicht.

Der Vorleser – bald im Kino

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Januar 27, 2009 von idiotery

Das lustige Spiel (siehe weiter unten irgendwo) kann also weitergehen. Anläßlich des Films klettern Leute aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit und schreiben Sätze wie „Nur, weil in dem Roman einmal das Wort „Verbrecher(in)“ vorkommt, aendert das noch lange nichts daran, dass die Gesamtheit der Erzaehlung ziemlich viel Verstaendnis fuer eben jene erzeugt.“ Was, wie wohl auch Richard Overy, Universitätsprofessor für Geschichte in Exeter, erkannt hat, den Kern der Sache nicht treffen dürfte. Overy erwähnte in seiner Keynote bei der Konferenz „Perpetrator Research in a Global Context“ die in der Tat recht kraftvolle Szene aus der aktuellen Verfilmung von Schlinks Roman, in der im Prozess die KZ-Aufseherin Hanna erklären muss, wie sie bei der Selektion an der Rampe vorging – und ob sie denn wisse, was ihre Handlungen dort für eine Bedeutung gehabt haben. Und – hilflos – antwortet sie, dass es doch hätte sein müssen, fragt den Richter, was er denn getan hätte. Dem Richter bleibt die Antwort erspart und es ist an Overy daran zu erinnern, dass die naheliegende Antwort, auf die wir uns heute zurückziehen („ich wäre gar nicht in die Situation gekommen“) kein tauglicher Ausgangspunkt für Täterforschung ist. Denn es ist eben doch sehr die Frage, ob bzw. bis wann die Dynamik der Situation potentiellen Täter/innen diesen Ausweg offenlässt. Es ist beeindruckend, diese Analyse Overys in Bezug zu dieser Szene in „Der Vorleser“ zu setzen – denn es vergehen nur einige kurze Sekunden, in denen der Richter etwas unsicher auf seinem Stuhl sitzt, das Publikum sich aufrichtet, die Anwort, die Reaktion erwartend… Und dann Zeuge wird, wie die Täterin den Richter aus der Verantwortung entlässt, in dem sie selbst fragt, ob sie denn vielleicht niemals zu Siemens hätte gehen sollen (von wo aus sie sich dann zur KZ-Aufseherin verbesserte).

 

Der Film hat Qualitäten, die das Buch nicht oder anders hat, und er hat Nachteile, die das Buch nicht hat, insbesondere in der englischen Fassung (deutsche Akzente nämlich, die aus englisch immer noch kein deutsch machen). Aber die entscheidende Diskussion, darüber ob hier Verständnis für Täter/innen verbreitet wird, kann an Buch und Film gleichermaßen geführt werden und allem Eindruck nach besteht die realistische Chance, dass sie von links aus mit der gleichen Einfältigkeit geführt werden wird, wie in der ersten Runde. Sätze wie „ Nur, weil in dem Roman einmal das Wort „Verbrecher(in)“ vorkommt, aendert das noch lange nichts daran, dass die Gesamtheit der Erzaehlung ziemlich viel Verstaendnis fuer eben jene erzeugt.“ kann auch derjenige, der ihn verbrochen hat, nicht ernstmeinen – zu offensichtlich kann es nicht von der Anzahl der Verwendung des Wortes abhängen, zumal diese auch noch falsch angegeben ist. Aber das „Schwelgen im deutschen Opfermythos“, das Schlink von solcher Stelle völlig kontrafaktisch – auch noch mit der literaturwissenschaftlich abgesegneten Freiheit, das Buch vom Autor lösen zu dürfen, allerdings eben auch Buch vom eigentlichen Inhalt lösend – vorgeworfen wird, kann auch den Film treffen, dessen nicht-deutsche Herkunft es der übelmeinenden Fraktion zwar schwerer machen wird, den Film in das eigene Konstrukt deutscher Nachkriegsidentitätsstiftung einzubauen, aber vermutlich wird das nicht das entscheidende Hindernis sein. Vielleicht auch passiert’s und man findet den Film plötzlich passend, das Buch dagegen immer noch pornographisch und ein Verständnis für die Täter erzwingend. Das Bestreben, sich selbst aus der Verantwortung zu stehlen, und sei es, in dem man die eigene Position innerhalb der deutschen Geschichte aus dieser versucht herauszulösen, rechtfertigt ja bekanntlich so einiges.

Täterforschung im globalen Kontext, erster Tag

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Januar 27, 2009 von idiotery

Es ist natürlich die Steilvorlage für die Lobeshymne auf das erfolgreiche Projekt der deutschen Vergangenheitsbearbeitung, am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz in der alten Reichshauptstadt Berlin eine internationale Konferenz zum Thema „Täterforschung im globalen Kontext“ abzuhalten. Innenminister Wolfgang Schäuble ließ sich in seiner Eröffnungsadresse folglich auch nicht lange bitten und hielt es für ein gutes Zeichen, eine solche Konferenz an einem solchen Tage zu starten, zeige es doch, dass man bei der notwendigen Erweiterung der Forschung auf die Täter die Opfer nicht vergesse. „Die Opfer mahnen uns, uns mit den Tätern zu befassen, doch darf dies die Opfer nicht in den Hintergrund drängen.“ So richtig dies ist, so problematisch mutet Schäubles Bogenschlag an, den er in seiner Rede vornahm, von den Opfern zum Widerstand gegen die Nazis und bis hin zum Widerstand gegen die DDR-Diktatur und deren Ende im November 1989, ein Jubiläum, das, wie Schäuble nicht vergaß, zu betonen, wir in diesem Jahr auch begehen werden. Daß ausgerechnet Schäuble wiederholt von der „offenen Gesellschaft“ Poppers und der freiheitlich verfassten demokratischen Ordnung der deutschen Gesellschaft (da wünscht man sich die FDGO doch zurück) spricht, ist natürlich nicht ohne Ironie. Daß er betont, dass reiner Verfassungspatriotismus alleine nicht ausreiche, die Gesellschaft gegen die Gefahren extremer Ideologien zu immunisieren, ist dagegen folgerichtig: Auf einer Veranstaltung zur Täterforschung redet er einem Wohlfühlpatriotismus als Kuschelgesellschaft aus Familie, freiheitlichem Miteinander und erfolgreicher Vergangenheitsbearbeitung das Wort, in dem Deutschland sich aus den Werten des Kreisauer Kreises speist, Sozialarbeiter gegen Nazis einsetzt und die Gefahr in extremen Ideologien gleich welcher Couleur allein besteht. Das ist so wenig überraschend, wie es letztlich bedauerlich ist, dass das umstrittene Paar FDGO/Verfassungspatriotismus zu Gunsten eines Wohlfühlpatriotismus überwunden werden kann und das deutsche Modell zum Erfolgsmodell der Bewahrung des Patriotismus als positiver Bezugsgröße selbst nach dem Zivilisationsbruch par excellence erhalten bleiben kann. Die Keynote von Richard Overy tut bei diesem Eröffnungsabend der von der Bundeszentrale für politischen Bildung veranstalteten Konferenz wenig, diesem entgegenzuwirken. Wie überhaupt die vergleichende Geschichtswissenschaft auf dem Grad zwischen Gleichmachen durch Vergleichen und Unterscheiden durch Vergleichen ihre Position noch kaum gefunden hat, nutzt Overy die Möglichkeit, sowohl Goldhagens Erklärungsansatz von dem „deutschen“ Wesen des Holocaust abzulehnen, als auch die Befürchtung, „wir“ alle hätten die Fähigkeit, Nazi zu sein in uns. Overy führt in die Täterforschung mit der richtigen Beobachtung, dass der Begriff des „perpetrators“ schrittweise an die Stelle des Begriffs „war criminal“ getreten sei, da viele der Taten mit dieser Stigmatisierung nur unzureichend erfassbar gewesen seien, insbesondere aber der Rolle der von Christopher Browning sogenannten „ordinary men“ nicht gerecht wurden. Der Schritt , zum Täter zu werden, sei kein Sprung auf der Karriereleiter (gewesen), eine These, die man in der Tat nicht ohne weiteres mit dem Schritt, zum Kriegsverbrecher zu werden, vergleichen kann – steht doch fest, dass es mindestens in der Sicht der 1940er Jahre, aber auch wohl heute noch, auf Siegerseite keine Kriegsverbrecher gibt. Das Modell der „negotiation“, das Overy anführt um die Täter-Werdung zu erklären, das Modell eines Dialoges zwischen inneren und äußeren Faktoren, um die eigenen Entscheidungen zu rationalisieren und zu rechtfertigen, gibt eine hübsche Blaupause ab, aber sie benennt die Faktoren nicht, die diesen Prozess begünstigen. Insofern bleibt Overy hinter den Thesen Jonathan Glovers (in dessen „Humanity – A Moral History of the 20th Century“) jedenfalls in diesem Vortrag weit zurück. Und tut dies mit dem – wie er selbst einräumt – provokanten Hinweis, das ja auch die von den Alliierten durchgeführten Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg Formen der „perpetration“, der Täter-Werdung seien. Overy betont zwar, dass das natürlich alles nicht deswegen alles irgendwie gleich oder ähnlich sei und auch, dass die Alliierten sicherlich niemals dazu gekommen wären, die gleiche Anzahl von Zivilisten, die bei den Luftangriffen getötet wurden, in Folge von Häuserkämpfen und Besetzung der Städte zu töten, aber die Bereitschaft zum Vergleichen, die mit der Notwendigkeit der Betonung der Unterschiede einhergeht, führt dann allem Eindruck nach doch (zu) schnell in die Beliebigkeit.

Dance Dance Dance

Veröffentlicht in ьгышл am Juli 23, 2008 von idiotery

 

I don’t “do” modern dance. That’s more appropriate than saying I don’t “get” modern dance, because art is supposed to appeal to you (or not), speak to you (or not), you don’t need to “get” it. So, by saying I don’t “do” modern dance I am trying to say that I don’t normally go and don’t normally have much of an opinion on it, consequently. However, I recently went. And except for the fact that it went on too long (same thing happens at most gigs I go to), I quite enjoyed it.

Three different pieces, the third of which only made me sure I was watching art, walking the fine line between chaos, contortion and choreography (it’s a better alliteration than it is a good description), and sometimes crossing that very line in all directions. Was the German premiere, though. And now for the other two.

First up was a piece called “Constant Speed”, set to what I thought was cinematic soundtracks from Hollywood’s Golden Age, but actually turned out to be music by Franz Lehar, classical composer of mainly operettas. It was just as fitting. Alternating between playful and athletic, ballet and sports, serious and almost comedian/slapstick-moves, the dancers formed an ever-changing sea of colours. Their moves were quite distinctively not always in synch, which, given that this was a rather high class performance by the renowned Rambert Dance Company, was rather odd. It got better as the piece progressed and didn’t detract from the overall pleasantness of the performance, but odd nevertheless.

The second piece was Swansong, apparently a classic of modern dance, first performed in 1987. Which was the piece’s strength and the piece’s problem. Whereas the other two pieces had scores of dancers appearing and constantly disappearing, this one featured only three (male) dancers, or, rather, performers. And they told the story of one man’s fight with the powers that be, represented by two men in army uniform. Held in interrogation, he is forced to confess but fights back at first, clinging to his chair that becomes his refuge and weapon, a weapon that ultimately he will die by. The two guards dance their threats in dialogue and synch. They reduce their victim to a man who wants to hold on to the clown nose they forced on him and experiences its loss as if a shield is taken away. Set to Eighties music and sometimes performed without music, the piece aims to be a statement on political prisoners. While probably more or less unchanged since the Eighties, right from the opening Guantanamo comes to mind. Again – the piece’s strength and its problem.

At the core, it is as dated as it actually is. It has nothing to say about the boundaries crossed since its original performance and while Guantanamo might be the reason why it is being performed again, it visually remains in the black and white world of torturer and victim. As a statement in the current days of blurred boundaries, this is something of a cliché. It is a powerful cliché and it might be that this is the piece’s strength. In the olden days, it might have been easier to just take it at face value and nod emphatically, “yes, bad, bad”, but these days it might spark dialogue, exactly because it feels lost in time.

Wie wurde, was wir sind?

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Juli 13, 2008 von idiotery

Was macht eigentlich HvN heute? Und fragt sich HCS manchmal, was das eigentlich war, damals, bei den 129a-Demos? Ist er auch bei der großen ZL-Demo in Bonn gewesen? Ich weiß noch, wir waren zusammen auf der 129a-Demo mit Einkesselung und Trara. Aber man ging irgendwie eher alleine, damals und vielleicht auch auf der ZL-Demo. Fragt sich Markus B. manchmal, wie er dazu kommen konnte, Loblieder auf das Leben des albanischen Volkes unter Enver H. zu singen? Und wir, die wir damals die Aktionen gegen den Ersten (Zweiten) Golfkrieg organisierten, haben wir uns im Zuge des Zweiten (Dritten) gefragt, ob die damalige Position wirklich die „Richtige“ war?

 

Es existierte schon damals kaum Dialog, jedenfalls keiner, der nachhaltig Eindruck hinterlassen hätte. HvN brachte den Spruch von den Polizisten, die ja keine Menschen seien. D. sprach davon, dass der Rechtsstaat sich dadurch auszeichne, dass er auch seinen Feinden das gleiche Recht angedeihen ließe. A. war irgendwie politisch und dann aktiv und dann nicht mehr. Viel war eher Haltung, denn reflektierte, begründbare Meinung. Auf der Demo anlässlich des Todes von Wolfgang Grams ging ich, mitgehend, in die „innere Emigration“ wenn die Freilassung von Christian Klar gefordert wurde, auf den Demos gegen den Golfkrieg – die Verwirrung bei der Zählung rührt daher, dass man darüber streiten kann, ob der Erste Golfkrieg der zwischen Iran und Irak war (so die heutige Zählung mancher), oder ob erst die Invasion Kuwaits den Ersten auslöste (und man im Übrigen auch fragen kann, ob, wenn letzteres der Fall ist, der „zweite“ Golfkrieg nicht vielmehr die Fortsetzung des „ersten“ ist und man dann nicht besser von überhaupt nur einem Golfkrieg sprechen sollte) – irritierten mich Parolen wie „Internationale Völkermordzentrale – U! S! A!“ nicht wenig, aber mehr noch amüsierte mich das Arbeitereinheitsfrontlied, gesungen völlig jenseits eines passenden Zusammenhangs und mutmaßlich ohne einen Arbeiter in Sichtweite. Was haben wir damals eigentlich gedacht? Wir haben nichts gemacht, was heute in besonders erheblicher Weise der Rechtfertigung bedürfte, mutwillige Oberflächenversiegelung eingeschlossen, aber was haben wir gedacht? Dass der Irak-Krieg nach der Invasion Kuwaits wirklich nur dem Öl diente? Was haben wir gedacht, als die Raketen auf Tel Aviv fielen? Haben wir gedacht, dass Wolfgang Grams unsere Solidarität verdient hatte? Warum? Wir haben den Stammheim-Mythos wahrgenommen, wir haben aber auch die Entführung der Landshut erlebt. Wir haben „Zusammenlegung“ gefordert, damit die politische Diskussion unter politischen Häftlingen fortgeführt werden sollte, obwohl sie eigentlich alle „raus mussten“. Doch haben wir auch gefragt, was denn eigentlich diskutiert werden sollte?

 

Wenn man den Golfkrieg nimmt, gegen den wir protestierten, den wir auf „Kein Blut für Öl“ herunterbrachen, haben wir das geglaubt? Und wie haben wir Saddam Hussein und sein Regime gesehen? Haben wir es überhaupt gesehen? Haben die, die „Internationale Völkermordzentrale – U! S! A!“ skandierten, Vietnam, Chile oder was auch immer zum Trotz, sich irgendwelche Gedanken über: das Leben der Menschen im Irak, insbesondere der Kurden, den Iran-Irak-Krieg, das Leben der Kuwaitis und (oder) die Situation für Israel gemacht? Oder haben wir einfach unsere so deutsche Haltung nach der Krieg die Wurzel allen Übels ist (was vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte auch äußerst verkürzt gedacht war) eingenommen und deswegen verlangt, Krieg dürfe nicht mit Krieg beantwortet werden? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr. Ich weiß, wie wir organisiert haben und teils schlechte, teils gute Lieder gesungen haben, Flugblätter verteilt haben und ich weiß auch, dass wir geredet haben. Aber eigentlich waren wir wohl eher einer Meinung, die ich im Detail kaum noch erinnere.

 

Hier steht noch ein Buch rum, das sich im Zusammenhang mit diesem Krieg auch der Frage widmet, ob es so was wie einen „linken Antisemitismus“ überhaupt gibt (Antwort: Nein, aber) und schildert, wie der Antisemitismusvorwurf und die Verlegung des Krieges „im Bewusstsein des ‚freien Westens’ nach Israel“ das Ende der Friedensbewegung bedeutet habe. Dass wir jedoch die Bedrohung Israels tatsächlich als entscheidend wahrgenommen hätten, erinnere ich nicht, während die Autoren des gerade zitierten Textes (Klaus Schönberger und Claus Koestler) offensichtlich auch nicht wirklich wahrnehmen wollten, dass die Bedrohung real (und mangels Kriegsbeteiligung Israels nicht gerade Zeichen von Saddam Husseins militärischer Berechenbarkeit), wenn auch kaum „exterministisch“ war. Man muss nur noch heute mal mit Israelis darüber sprechen, um zu sehen, dass diese Haltung jedenfalls problematisch ist.

 

Wenn man die RAF nimmt – und da bin ich gerade nur allzu offensichtlich von der Lektüre von Carolin Emckes „Stumme Gewalt“ beeindruckt – für die wir irgendwie irgendwo Position bezogen, nicht notwendig als Unterstützer, aber doch so, dass der Tod von Grams ein Skandal, der von Newrzella realisiertes Berufsrisiko war, was haben wir dort gesehen? Bis heute kann man sagen, dass manche darin jedenfalls die Utopie einer „gerechteren“ Gesellschaft gesehen haben, doch gerade deswegen müssen wir uns fragen, ob das gerechtfertigt war. Wie Carolin Emcke durchaus bedenkenswerterweise schreibt, wurde bisweilen die radikale Hingabe der RAF als moralische Haltung missverstanden und womöglich ist es uns nicht anders ergangen. Man muss gar nichts wirklich Bedauernswertes oder Falsches getan haben, um sich zu fragen, warum man früher so gehandelt hat, wie man es tat. Und ob man heute wieder so handeln würde.

 

Gewiss, man kann auch einfach an der eigenen Jugendlichkeit festhalten und in der Opposition zu Prada Meinhof, Peter Jürgen Boock und professioneller Historisierung das Rebellische behaupten. Aber die Widersprüche sind doch letztlich spannender: Rechtfertigungen, die ungeeignet sind, die damit gerechtfertigten Handlungen zu tragen, Aktionen, die trotz ihrer Selbstreferenzialität („müssen raus!“) in den größeren Zusammenhang ferner Befreiungskämpfe gestellt wurden, deren Gegner weder wir noch die Handelnden kannten. Projektionsflächen – brachten wir auf ihnen mehr unter als den Willen zur Opposition? Hatte die Haltung Hintergrund? Kann man heute, jemandem, der nicht dabei war, erklären, warum man sich seinerzeit mit guten Gründen so entschied?

Headless Hitler hurts noone

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Juli 7, 2008 von idiotery

 

Der Kopf ist ab. Und das Geschrei ist gross. In Deutschlands Internet-Foren wird diskutiert, was das Zeug hält. Wer weiß, vielleicht wird auch in Geschichtsleistungskursen oder im Deutschkurs diskutiert. Denn es geht um das deutsche Trauma, es geht um Hitler. Man darf beides nicht miteinander verwechseln, das zeigt schon die Art und Weise, wie diese Diskussion plötzlich losbrach. Da stürzte sich jemand mit den Worten „Nie wieder Krieg!” auf eine Wachsfigur von Hitler, riss ihr den Kopf ab – und das Medienereignis war da. Darf man den überhaupt ausstellen, so als Wachsfigur, den Hitler? Ist das nicht den Opfern des „Hitlerterrors” gegenüber respektlos? Und wird damit nicht die Gefahr eines Wallfahrtsorts für die Braune Jugend geschaffen? Hitler, in „Untergang-esker Menschlichkeits-Pose“ zwischen Brangelina und Günther Jauch – die ultimative Banalisierung des Bösen? Hitlers Quasi-Denkmal, ein Objekt der Belustigung? Alles schöne Fragen, die vor allem eins zeigen: Wenn man will, kann man auch ein Wachsfigurenkabinett als Ort der Bildung ernst nehmen. Das ist natürlich irgendwie schön, aber dann doch auch wieder nicht.

Für sich genommen ist es nicht mal falsch, auch an ein Wachsfigurenkabinett hohe inhaltliche Ansprüche zu stellen. Andererseits hat, wer die inhaltliche Auseinandersetzung mit Wachsfiguren sucht, schon verloren. Oder gewonnen, wenn es nur darum geht, den Stein des Anstoßes zu benennen – aber warum ist die Figur des Gröfaz denn überhaupt ein solcher? Eine Auflistung „bedeutender“ Deutscher (immerhin, eingebürgert haben wir ihn und die posthume Ausbürgerung will nicht gelingen) wäre ohne Hitler kaum vollständig, ob eine Ausstellung, deren Ziel es ist, Besucher dazu zu bekommen, sich reglose Wachsfiguren anzusehen, eine Hitler-Figur ausstellen sollte, ist sicherlich eine Frage, die mit „Nein“ beantworten kann. Aber wenn die Gründe für das „Nein“ „gut“ sein sollen, dann wird es schwierig: Madame Tussaud‘s in Berlin als möglicher Wallfahrtsort von Neo-Nazis? Ja, wie schön wäre das denn? Tägliche Aufmärsche von springerbestiefelten NeuNazis, nadelbestreifen ImmerwiederNazis oder hosenbeträgerten AltNazis wären, wenn denn dann tatsächlich mit ihnen zu rechnen sein sollte, immerhin ein schöner Kulminationspunkt und endlich mal Anlass für das Beschwören Weimarer Zeiten. Indes, die Gefahr erscheint gering. Ganz so sehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt, dass sie sich ein Wachsfigürchen als Treffpunkt aussuchen müssten, sind unsere Nazis wohl nicht. Und es dürfte der Mystifizierung Hitlers ja eher noch dienen, wollte man seine Ausstellung als Wachsfigur (natürlich mit Kontext! Kontext macht auch im Wachsfigurenkabinett nämlich den Unterschied) verbieten, was natürlich die einzige Alternative ist, wenn bei den Ausstellungsmachern die Abwägung zwischen der Attraktivität des vermeintlichen Tabu-Bruchs, den zu erwartenden Besucherzahlen und der Notwendigkeit einer Aufstellung einer Figur des ehemaligen Östereichers nicht gegen eine Aufstellung der berühmtesten Rotzbremse der deutschen Geschichte ausfällt.

Es gibt in Deutschland viele Verbote, nicht jedes hält der Überprüfung seiner Notwendigkeit stand – wobei es wiederum sehr auf den Standpunkt ankommt, welches Verbot es „erwischt“. Trotzdem werden Verbote überdurchschnittlich häufig für taugliche Reaktionen auf unerwünschte Phänomene gehalten – wenn man etwas schon nicht mag, dann muss man es doch wenigstens verbieten können. Was verboten wird, verschwindet allerdings nicht, schon gar nicht alleine des Verbots wegen. Hitler steht für einen auf ewig wesentlichen Teil deutscher Geschichte, eben nicht für „Hitlerterror“, sondern für deutschen Terror, Terror von Deutschen. Dass Deutsche Hitler nicht mögen, mag ja eine schöne Entwicklung sein, aber wir werden ihn nicht los. Und mit den Worten „Nie wieder Krieg“ gegen Hitler zu sein, zeigt vor allem, dass man nicht verstanden hat, dass die Deutschen so sehr für Hitler waren, dass es eines Krieges bedurfte, sie eines besseren zu belehren. Wer Hitler als Wachsfigur nicht aushalten kann, ist entweder durch deutschen Terror – und sei es mittelbar – zum Opfer geworden, durch die Ermordung oder Vertreibung von Familienmitgliedern oder andere eigene Betroffenheit. Oder es fehlt noch an der Akzeptanz der Tatsache, dass für den/die Deutsche/n Hitler und die ganzen anderen Täter, die keineswegs eine verschwindende Minderheit in der deutschen „Volksgemeinschaft“ darstell(t)en, Bestandteil der eigenen Geschichte sind, von der es keine Distanzierung gibt. Im ersteren Fall bedarf es keiner Kritik, nur des Appells an die Toleranz: Was könnte ein Verbot erreichen? Im letzteren Fall kann es heissen: Sich selbst dem Kollektiv entziehen zu wollen, wird nicht gelingen, genausowenig wie es seinerzeit gelang, sich dem Kollektiv der Opfer zu entziehen, wenn die Täter eine/n dazurechneten.

Hitler als Wachsfigur ist eine Wachsfigur. Es gibt keinen „unverkrampften“ Umgang mit Hitler, Wachsfigur oder nicht, aber der Angriff auf eine Wachsfigur ist nichtmal ein Stellvertreterkampf. Es ist lediglich eine leere Geste, die Inhalt haben will, und doch nur die eigene Verständnislosigkeit dokumentiert. Sie sagt: „Ich will nicht dazu gehören“ – aber von der Verantwortung befreit eine/n niemand, schon gar nicht der eigene Wille. Der kann nur helfen, der Verantwortung gerecht zu werden. Und die sagt: Ich gehöre dazu.

hatikva

Veröffentlicht in Hopeful am Juni 5, 2008 von idiotery

travel writing is an art in which i have no experience. but the question keeps getting asked: what did you make of it? the question is asked like it would not be asked, were we talking about italy, spain or greece – even though these countries apparently compare not too badly to israel, climatewise, that is. i‘m not big on southern europe, so i wouldn‘t know whether things that struck me about israel could be experienced in a similar fashion in those countries, though i do know that some have to be unique to the „holy land“. i‘m calling it the „holy land“ not because it is „holy“ to me, as i do not believe in such things, but in recognition of the unsurpassed importance this place holds for so many people. This land means so much to so many different people, for such different reasons – for me it is unique in that it is the one place i have read the most about without ever having been there. until recently, that is. i read about it out of interest fuelled by „guilt by association“, as m. would say, as well as – primarily – an interest fuelled by a deep rooted commitment to ideas of justice and a never-ending thirst for understanding how something like the holocaust could ever be allowed to take place (read my forthcoming book on the history of international law for an ever longer-winded take on that). well, yeah, right, but what was it like, then? enough of the excuses, get on with the show! 

coming into ben gurion-airport, i am surprised at how relaxed everything is. the differences to arriving in, say, germany or australia are there, but more subtle than i expected. i was prepared for an experience akin to my arrival in new york in october 2001, but no. the biscuit is taken by annoying ex-russians with german passports, not big guys with guns. sure, the percentage of jews is higher than at an arrivals hall in germany or australia, but come on, that in itself is hardly surprising. 

what do i see on my first visit to israel? the main thing i see is that i do not want it to be my last visit. true, i do not like haggling about prices and i‘m bigger on a bit of quiet than the majority in this place, but the feeling of a community searching for its place within the world and within itself is ever present here – and it makes for an unbelievably rich experience. questions remain unanswered, because they are not asked or there are no words to put them into. who/how do you ask what it feels like to live in a place where you cannot enter a restaurant without going through a security check? in israel, „our“ way of looking at things is put into question. not dramatically, but in a very subtle way. the experience of a bomb scare on our last night (streets are cleared, we have to move from our nice table on the porch to a place inside as a probably harmless suspicious object is blown up) is just an unsurprising confirmation of the clichés i expected, taken in stride by our local companions. not upsetting, more like, reassuring. we‘re in a young country. we‘re in a country that people have opinions on, like they don‘t have on, say, norway. nothing against norway, where i‘ve never been. in israel i see a diverse range of people on the people that i wouldn‘t expect to see in norway (i could be wrong). but mention the word „arab“ and it‘s likely to cause an uneasy feeling. this can be explained, yet it doesn‘t fit in with my expectations of how a society should function. then again, which society functions that way? in the end, the situation in israel is not only more extreme, but also more visible. we were on a trip to hebron with a great guy from b‘tselem and the conclusion we came to is that nowhere in this world does one get this unique combination of human rights abuses and the freedom to report about them. mindblowing!

 

so i leave israel after a packed week with the most diverse emotions, probably summed up nicely by my experience of the visit at the jabotinsky institute in sun-filled tel aviv. i am convinced that jabotinsky was one of the bad guys and that the settlers i do not agree with agree with him a lot. but i can‘t help but cry a little when his story is told and i can‘t help but laugh a lot when it‘s told through a rather hilarious multimedia-installation. never mind the „conversation“ his „son“ has with him, check out the presentation on illegal immigration in the 1930s! it‘s one of a kind.