Täterforschung ist eine seltsame Beschäftigung, wie auch eine Anmerkung am Ende des ersten Panels des zweiten Tages der Konferenz denn dahin geht, dass doch zu fragen sei, ob es in einigen Jahren einen Forschungsbereich geben müsse, der darauf schaut, was diese Art von Forschung mit den Forschern mache. Anlass war das Bild einer Massenerschießung, das Harald Welzer zu Beginn seines Vortrages über „Referenzrahmen“ in der Täterforschung minutenlang an die Wand warf. Welzer rechtfertigt dies mit den Worten, man müsse die Bilder zeigen, da man sonst nicht verstehen könne, was die Täter sahen, aber die Frage ist natürlich, ob sich das überhaupt jemals „sehen“ lässt – die Faszination des Grauens spielt bei der Holocaust- oder Völkermord-Forschung vermutlich insgesamt durchaus eine Rolle. Nun muss nicht des einen „Doom“-Session des anderen Völkermordforschung sein, aber das Abstumpfen gegenüber, das Technisieren von Gewalttaten, deren Zerlegung in Einzelhandlungen, rationalisierbare gar, ist notwendiger Bestandteil solcher Arbeit. Das Bewusstsein von dem Leid, das hier hervorgerufen wurde, mag ursprüngliche Antriebsfeder sein, aber es muss sogar in den Hintergrund treten, will man die eigentliche Arbeit überhaupt leisten. Man beansprucht, die Bilder und ihre Wirkung erklären zu können, das heißt aber auch, erklären zu können, wie es zu den realen Situationen kam, die auf den Bildern nur wiedergegeben werden und unsere Reaktion darauf, sowohl auf die abgebildeten Tatsachen, wie auch die Abbildung als solche. Das ist viel – und es ist vermutlich gar kein Zufall, dass der zweite Tag der Tagung sehr im Zeichen der Frage stand, was uns die Bilder vom Grauen und von den Täter sagen oder auch nicht sagen, wie (und ob) sie eingesetzt werden (können).
Solche Fragen zogen sich nicht nur durch Welzers Vortrag, der darauf insistiert, dass das einzige, was an Massenverbrechen wie dem Holocaust unerklärlich oder unvorstellbar sei, das Ergebnis sei. Jeder einzelne Schritt dorthin sei erklärbar, gerade auch in seiner schrittweisen Alltäglichkeit: Die „großen moralischen Bauchschmerzen“, die angesichts des Ergebnisses ja eher in sprachloser Verständnislosigkeit bestehen mögen, hätten sich bei den Beteiligten kaum eingestellt, da es die schrittweise Überwindung kleiner moralischer Bedenken gewesen sei, die den eigentlichen Zivilisationsbruch ermöglicht habe: Was 1941 geschehen konnte, war 1933 unvorstellbar, jedenfalls ist das die Prämisse, die zurückführt zu der von Overy bereits gestellten, aber vielleicht anders beantworteten Frage, ob denn jeder von uns potentiell zum Täter werden kann. Welzer geht davon aus, dass die Möglichkeit, zum Täter werden zu können, nicht zuletzt davon abhängt, ob die Kapazitäten vorhanden sind, zu erkennen, dass der eigene Referenzrahmen durch äußere Einwirkung/Entwicklung verschoben, ob Handlungen, die zuvor unvorstellbar erschienen, irgendwann als legitim anerkannt werden.
Die Frage ist halt, wie solche Referenzrahmenverschiebungen vor sich gehen, wer da an was schiebt. Wie Michael Wildt die „Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung“ beschreibt (seinen Vortrag hätte auch jeder andere auf der Grundlage von Wildts Buch halten können, wobei unangenehm auffiel, dass Wildt auf Englisch sprach: Angesichts von Simultandolmetschern war das nicht notwendig und sein Englisch, obwohl gut, ist einfach nicht so gut wie sein Deutsch), wirkt der Akt der Tat konstituierend für das Kollektiv und erst durch die Zustimmung durch protestloses Zuschauen zu dieser Tat dieses Kollektivs – was in letzter Konsequenz zu einem Tätervolk führt, dessen Beitrag zum Gesamtergebnis nur noch durch Abstufungen zu unterscheiden ist, aber die Möglichkeit, „unbeteiligt“ oder „unschuldig“ zu sein, fällt endgültig weg. Ein ähnliche Frage – was noch Beteiligung oder schon (eigene) Tat ist – stellt Wendy Lower im Hinblick auf die „Kollaboration“ in Ost-Europa: Wie notwendig war die Anwesenheit der Deutschen/Nazis für den Holocaust etwa in der Ukraine oder in Litauen? Nicht nur, aber besonders dort wurde das soziale Phänomen Holocaust im Wege der Arbeitsteilung erledigt, und die einheimische Bevölkerung übte bei der Vernichtung „ihrer“ Juden vielfältigste Rollen aus, die vom Koch (der den Erschießungskommandos die Stärkung in der Pause zwischen Massenerschießungen zubereitete) bis zu den Totengräber und Sammlern, die zwischen den Erschossenen nach Wertgegenständen zur weiteren Verwendung suchten, reichte – und vieles dazwischen (dass die Brutalität der Einheimischen die der Deutschen bisweilen übertraf, ist gut dokumentiert).
Solche Rollen sind zum Teil selbst gewählt, selbst zugeschrieben, sie dokumentieren auch in der Rückschau eine Distanzierung vom Geschehen, die in der Bezeichnung der Opfer als „unsere Juden“ durch einige der einheimischen Täter, in deutlicher Spannung zur andererseits kaum bestreitbaren Nähe steht. Aber Widersprüchlichkeit ist ja kein seltenes Phänomen, was die Zusammenhänge und Ereignisse des Holocaust betrifft. Wie Elizabeth Harvey zeigt, ist es gerade die Rolle der Frauen, die hier Sterotypen in Frage stellt. Wie sehr, sieht man ja auch an der Diskussion um „Der Vorleser“, der nicht zuletzt deswegen auf Ablehnung stößt, da er sich des Themas annimmt, dass eben nicht alle Täter hässlich und auf den ersten Blick abscheulich waren.
Die Bilder, die wir uns, die uns gemacht werden, von Tätern, werden heutzutage – jedenfalls in Deutschland – nicht unwesentlich von Guido Knopps Geschichtsmaschine bestimmt, von Wulf Kansteiner in einem durchaus unterhaltsamen, aber nicht bis in die letzte Konsequenz überzeugenden Vortrag als „Geschichtspornographie“ bezeichnet. Kansteiner hat die Repräsentation des Holocaust und der Täter des Holocaust im deutschen Fernsehen von den 1960ern bis in die 1980er auf der Grundlage (nur) des ZDF-Programms untersucht und sich dabei (wohl nicht unwichtig) alleine auf eigenständige Sendungen beschränkt (d.h. Magazin- oder Nachrichtenbeiträge fanden keine Berücksichtigung). Das schränkt die Verallgemeinerungsfähigkeit seiner Ergebnisse/Thesen natürlich bereits nicht unwesentlich ein, aber auch in diesem Rahmen scheint die These, dass es Bilderverbot im Hinblick auf die Täter gegeben habe, das der Distanzierung der – in der Gesellschaft ja fraglos vorhandenen – Täter (und damit der Gesellschaft) von den Taten gedient habe und habe dienen sollen, zumindest fragwürdig, wenn, wie Kansteiner auch einräumt, ja durchaus andere Gründe auch nicht unwesentlich gewesen sein können. Dass andererseits gerade der „Durchbrecher“ des konstatierten Bilderverbots, Guido Knopp, Täter und Opfer gleichermaßen als tragische Mitspieler eines tragischen Geschehens inszeniert, dürfte als These weniger Widerspruch hervorrufen, wobei sich Kansteiner von Welzer direkt sagen lassen musste, dass schon in dem ausgewählten Bildmaterial auch Kansteiner vielleicht nicht genau genug hingeschaut habe, da er als Beispiel für den als tragischen Teilhaber inszenierten Täter jemanden ausgesucht habe, der tatsächlich im positiven Sinne aktiv geworden sei. Die Frage, die Kansteiner zurückgab, ist allerdings, ob es darauf ankommt, denn der „normale“ Zuschauer erfährt solcherlei Differenzierung von Knopp schließlich auch nicht.