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Wie schwer ist es eigentlich, (eine) interessante Geschichte gut zu erzählen?

Veröffentlicht in Erinnerungskultur, Museen am Februar 23, 2009 von idiotery

Dass Museumsgestaltung eine eigene Kunst ist, dürfte inzwischen klar sein. Es mag sein, dass man in den 1960ern noch dachte, ach, wenn das Thema nur spannend genug ist, dann geht alles von ganz allein. Aber die 1960er sind vorbei. Die 1980er übrigens auch. Geht man in das Haus am Checkpoint Charlie in Berlin, besteht zumindest vorübergehend die Gefahr, dass man das vergisst. Nach einem gut in Erinnerung gebliebenen Besuch in diesem Museum ca. 1985/7, war ich vor etwa zwei Jahren das letzte Mal da. Dafür hatte ich durch Zufall kürzlich das zweifelhafte Vergnügen, mich mit den vom Museum benutzten Texten ein wenig zu beschäftigen.

 

Das Museum entsprang streng anti-kommunistischer Privatinitiative und öffnete schon kurz nach dem Mauerbau. Solange die Mauer stand, war es Museum, Mahnmal und Ausdruck von Kampfeswillen in einem. Selbst auf Wikipedia erfährt man, dass das Museum nicht den besten Ruf hat, aber es ist zweifellos ein wichtiger Anlaufpunkt, um ein Gefühl für die Existenz Berlins als langjährig geteilter Stadt zu bekommen. Und sei es nur der Örtlichkeit wegen – Checkpoint Charlie, vom Museum gerne als „bedeutendster Platz der freien Welt“ bezeichnet.

 

Das Museum präsentiert ein Sammelsurium an Exponaten, Geschichten und Anekdoten, die nicht zuletzt davon zusammengehalten werden, dass der Gründer des Museums, dessen Namen man in (gefühlt) jedem fünften Erläuterungstext um die Ohren gehauen bekommt, sie für wichtig hielt. Aber genau daran liegt auch das Problem: Eine wirkliche Unterscheidung zwischen wichtigen Informationen, die helfen, die Erfahrung des Kalten Kriegs einzuordnen und womöglich sogar zum Verständnis der Geschichte beitragen können – und solchen, die bestenfalls Unterhaltungswert haben, findet nicht statt. Statt dessen schmeißt man alles in einen großen Topf („Menschenrechtsverletzungen“) und usurpiert zwischen Picassos Guernica und Gerhard Löwenthal alles, was sich nicht mehr wehren kann. Alles wird da dann gleich gemacht: Guernica zeigt angeblich nur das Gesicht des Grauens und „könnte“ genausogut „Dresden“ oder „Hiroshima“ heißen. Ob man diese Tatsache überwertet, wenn man betont, dass der Erläuterungstext zu Guernica keinen Hinweis darauf gibt, wer für die Zerstörung der spanischen Stadt verantwortlich war (ist)?

 

Die Stärken des Museums liegen darin, einzelne Fluchtgeschichten vor dem Vergessen zu bewahren, auch insgesamt eine Atmosphäre zu bewahren, die vorzustellen heute vielleicht schwerfällt. Gerade darin liegt aber auch die Schwäche: Eine Kontextualisierung, in der Vergangenheit tatsächlich Vergangenheit ist, findet kaum statt, vielmehr wirkt das Museum 2007 nicht wirklich anders als 1987: Den, der sich davon beeindrucken lässt, wie „heiss“ der Kalte Krieg in Berlin sein konnte, wird das Museum, das sich zwar „Mauermuseum“ nennt, aber eigentlich eher „Fluchtmuseum“ ist, heute noch beeindrucken, atmet es doch den Geist dieser Zeit. Wer aber den Kalten Krieg selbst kontextualisiert sehen, die Entwicklung nicht nur als Siegergeschichte erleben will, findet im Haus am Checkpoint Charlie nur Anekdoten, in deren Mittelpunkt viel zu oft der Gründer des Hauses steht.

 

Das ist in höchstem Maße bedauerlich, ja, wenn man die vom Museum verwendeten Texte losgelöst von den Exponaten, zu deren Erläuterung sie dienen sollen, betrachten muss, sogar extrem ärgerlich. Denn wie spannend ist diese Geschichte der geteilten Stadt, der Außenstelle der „freien Welt“ und der Versuche, sie von der anderen Seite zu erreichen, eigentlich? Und wie relevant ist sie heute überhaupt noch? Die erste Frage ist leicht zu beantworten: Sehr. Und einen leichten Eindruck davon bekommt man im Haus am Checkpoint Charlie schon vermittelt. Die zweite Frage ist für das Haus dagegen zu hoch. Um diese anzugehen, müßte sich die Ausstellung davon verabschieden, die wesentlichen Bestandteile der Geschichte als bekannt vorauszusetzen – was vor zwanzig Jahren vielleicht noch ging, ist heute Ausdruck der eigenen Geschichtlichkeit. Das Haus am Checkpoint Charlie hat in seiner derzeitigen Form den Gehalt eines Wachsfigurenkabinetts und so mag es passend sein, dass sich der Besuch von Madame Tussauds ohne weiteres mit einem Besuch im Mauerfigurenkabinett verbinden läßt. Nur wenige Minuten Fußweg verbinden die beiden Einrichtungen.