Archiv nach Kategorie "Erinnerungskultur"

Bad Movies: The Debt.

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Mai 26, 2009 von idiotery

So, apparently Helen Mirren will be the star of the remake. That she will outdo Gila Almagor is not a given – the problem with the original version of “The Debt“ lies less with the acting, but very much with the writing. The idea is compelling: An Eichmann-style abduction gone wrong, the failure hidden to save face. But when the failure threatens to come to light, some 30 years later, it is time to kill the Nazi again. That is an interesting, if somewhat farfetched premise. It doesn‘t hold.
The dialogues, if an informed judgement can be based on subtitles, sound like clichés, there is never any sense of the contradictory nature of the fight at the heart of this movie.

This is a trashy movie. And why wouldn‘t it be? Tarantino currently makes a lot of hoop-la with a trashy movie on Nazis. The trash-factor isn‘t what makes this movie annoying, it is its alleged seriousness. Gila Almagor does a good job of representing a woman ashamed of her fame, but the final act of “The Debt“ is pure farce. What‘s worse is that it is farce that takes itself seriously.The most devastating (self-)revelation of (about) the movie comes with Edgar Selge‘s admission that he agreed to do this movie as an act of reconciliation, ultimately asking for forgiveness – not for his acting, but for German history. In German there is a saying: The opposite of good is well-meant. Edgar Selge‘s acting is not so much a cause for embarrasment as it is for pity – to consider a contribution to this movie a contribution to the reconciliation between Jews and Germans is to overestimate a well-meaning movie that has very little to say.

The confrontation between the descendants of victims and perpetrators is reduced to a staring contest between evil and discomfort.It turns ugly when evil takes to action and the Israeli agents fail to be evil enough to respond in kind. Instead, they turn to storytelling that saves their reputation and the Nazi‘s life. So they turn themselves into heroes, but the heroic act never took place. It could have been an interesting exposition, exploring heroism and its content, but instead the movie sends its actors, 30 years older and in fear of their reputation, on what looks like a wild goose chase and plays out as a farce in an old people‘s home. They all die in the end.

The Trivialisation of War Crimes Trials.

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Mai 22, 2009 von idiotery

Is it a scene from the next Tomb Raider-installment? No, it‘s news! Popstars, if you want them: Angelina Jolie and Luis Moreno Ocampo looking seriously serious on the occasion of Ms Jolie‘s visit to the ICC. The photo comes via Melbourne‘s The Age‘s Lifestyle section, which is already somewhat worrying: War Crimes prosecution as a lifestyle-choice.
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Of course, commitment to justice is open to celebrities and campaigns such as the one to stop the situation in Darfur, fruitless as they might be despite raising awareness, rely on celebrities. But everything is wrong about this picture. You can almost hear Moreno Ocampo saying “Yes, yes, serious matter, these war crimes“ to which Angelina Jolie nods her head and puts on exactly the expression she has here. And they’re both thinking, “Image, it‘s all about image, how do we look? Is my expression concerned enough? Do I look cool next to this modern icon? Don‘t I look cool next to this modern icon?“ And just who is the icon here? Moreno Ocampo quite possibly sees himself as one – and would be delighted to find out that (if) Angelina Jolie agrees.

But the attraction of War Crimes Trials as a means to achieve justice remains, as of now, just a promise. Some reports have Jolie down as a witness in the trial against Lubanga, and it would be indeed interesting to hear how she would qualify. Expert witness? Well, if moral outrage at abhorrent behaviour alone would be enough to qualify to serve justice, we‘d all be not only witnesses, but judges! It is way too early to make much of Moreno Ocampo‘s track record, but he certainly knows how to put himself in the spotlight. He‘s far out-Del Ponte-ing Carla Del Ponte, yet the merits of this approach seem questionable. As it is, there is hardly any public understanding of the limits and limitations of international criminal prosecutions – and the self-serving popularisation hardly contributes to furthering this understanding. This, then, is probably what‘s so seriously wrong with this picture: The image appears so familiar, so easy to understand that we can easily believe that not only do we understand the crimes under investigation under international criminal law, but also how to bring them to justice and thus bring justice to the places in which those crimes occurred. Of this we should be very sceptical.

Heimat, kalt.

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am März 12, 2009 von idiotery

So also wird’s gemacht: Man schreibt einen Mythos her, behauptet, ihn zu erschüttern und kleistert einige hübsche Anekdoten, die mal das eine, mal das andere belegen können, zwischen zwei Buchdeckel. Bringt man’s bei einem halbwegs renommierten Verlag raus, hat man einen zumindest (zunächst) ernstgenommenen Beitrag zu einer zeit- und erinnerungsgeschichtlichen Debatte. Soweit die, hm, Praxis. Ich weiss nun nicht einmal, wie ernst der Beitrag, den Andreas Kossert mit seinem “mythoserschütternden” Buch “Kalte Heimat” zur Erinnerung an die und zur Geschichte der Vertriebenen nach 1945 leistet, in Fachkreisen genommen wird. Ich weiss noch nicht mal, wie ernst der “ausgewiesene Kenner des östlichen Mitteleuropa” insgesamt genommen wird. Aber ich erkenne ein ärgerliches Buch, wenn ich eines lese.

 

Die Geschichte der Integration der Vertriebenen in die (west-)deutsche Gesellschaft nach 1945 wird gemeinhin als Erfolgsgeschichte verstanden: Eine Geschichte nicht ohne Probleme, aber eine Geschichte, in der diese Probleme gemeistert wurden. Laut Klappentext ist es nun an Kossert, diesen Narrativ zu erschüttern, als Mythos zu entlarven. Seine Methode stellt er hilfreicherweise selbst dar: In einem hübschen Satz (der interessanterweise auf der nächsten Seite im Grunde auch noch widerlegt wird) gegen Ende des ersten Drittels des Buches beklagt Kossert, dass man “auf die Frage nach unschönen Szenen zwischen Einheimischen und Vertriebenen” von Vertriebenen “zumeist abwiegelnde Antworten” erhalte (S. 135 – auf S. 136 bejubelt Kossert dann die Detailfülle der Erzählungen von Vertriebenen, während die Einheimischen auffallend häufig davon gesprochen haben sollen, dass “davon” heute niemand mehr etwas wissen wolle). Das ist Kosserts Perspektive: Es muss schlimm gewesen sein, erzähle also, warum und wie es mit den Einheimischen schlimm war. Kosserts Ausgangspunkt ist klar: Vertreibungen sind immer Unrecht, die Vertreibung der Deutschen aus dem ehemaligen deutschen Osten war eine von vielen. In der Tat wird der deutsche Völkermord an den Juden Europas zwar geflissentlich und schuldbewusst erwähnt, aber “Vertreibung, Deportation und Vernichtung” gehen in einer Schilderung von Vertreibungen geradezu unter. Doch geht es darum noch nicht einmal: Ob Kossert hier nun aufrechnet, Opfernarrative gleichsetzt, relativiert, was auch immer – es ist letztlich nicht entscheidend. Ein solcher Vorwurf kann dem Versuch, die deutsche Opferperspektive auch einnehmen zu wollen, immer gemacht werden, wie diesem Vorwurf auch immer die schlichte “Wahrheit” entgegengehalten werden kann, dass es deutsche Opfer aber nun mal gegeben hat. Wichtiger erscheint etwas anderes: Kossert hat das Material, die Geschichte der Integration der Vertriebenen als Geschichte der Modernisierung der deutschen Gesellschaft durch die Integration und die Vertriebenen zu schreiben (vgl. S. 121). Aber dann wäre sein schöner Klappentext dahin gewesen.

 

Wie ein tabubrechender Enthüller verkündet Kossert, dass es die “Stunde Null” für die deutsche Gesellschaft “in Wahrheit” 1945 gar nicht gegeben habe (S. 49). Man ist versucht zu sagen: Sapperlot! Hat es nicht? Ja, dann… Es sind solche Kindereien, die dieses Buch zu einem Ärgernis machen. Dass die “Stunde Null” wenig mehr als eine, wenn auch prägnante, Metapher ist, sollte man einem Historiker nicht erklären müssen. Und seitenlang auszubreiten, dass die Vertriebenen nicht mit offenen Armen empfangen wurden, auch und gerade in den noch teilweise intakten ländlichen Gesellschaftsstrukturen in Westfalen oder Bayern, ist letztlich wenig erkenntnisfördernd. Mal wurden die Vertriebenen als rückständig, mal als zu fortschrittlich empfunden: Kossert interessiert nicht dieses widersprüchliche Phänomen, sondern die darin gleichbleibend zum Ausdruck kommende Ablehnung der Neuankömmlinge. Alles schreibt Kossert auf seinen letzten Satz hin: “In dieser Welt war kein Platz für sie [die Vertriebenen].” Dabei demonstriert er damit nur, wie wenig er das Phänomen der “Integration der Vertriebenen” verstanden hat. Der Zwang, sich einen neuen Platz suchen zu müssen, war Folge des Verlustes ihres angestammten Platzes in der Welt. Aber es gab diesen Platz, und sie haben ihn gefunden, mag er sie auch nicht willkommen geheissen haben, mögen sie ihn auch nicht gemocht haben.

 

Das Ärgerlichste an diesem Buch ist, das es ständig behauptet, etwas zu sein, das es nicht ist. Nämlich eine Darstellung der Geschichte der Vertriebenen (in Westdeutschland) nach 1945. Vielmehr ist es eine Anklage der westdeutschen Gesellschaft, in der die Vertriebenen nicht willkommen waren. Kossert schreibt eine Geschichte, die ihm nicht gefällt, weil er gerne eine andere gehabt hätte. Letzteres ist ihm nicht vorzuwerfen, dass er aber ersteres als Verfehlung der westdeutschen Gesellschaft und jener, die an der Berechtigung zweifeln, die Vertreibung der Deutschen als eine ethnische Säuberung unter beklagenswert vielen zu begreifen, ist es schon. Darunter leidet auch Kosserts Genauigkeit (mit der es allem Eindruck nach eh nicht so weit her ist): Er behauptet, dass solche Kritiker der Erinnerung der Vertreibung der Deutschen als Unrecht bestreiten, diese sei Unrecht (S. 346). Das Zitat, das er zum Beleg anführt, sagt aber etwas anderes: Nämlich, dass diese Kategorie (Unrecht) im Zusammenhang mit der Vertreibung der Deutschen nicht die Passende sei. Dies aber ist genau der Punkt, den es gilt zu erinnern: Vor der Vertreibung der Deutschen aus dem ehemaligen Ostdeutschland liegt ein Bruch, „der Zivilisationsbruch”, der jedenfalls die Einordnung der folgenden Vertreibungen in eine so traditionelle Kategorie wie “Unrecht” fraglich macht. Das ändert am Opferstatus der Vertriebenen nichts, aber es stellt das Unterfangen, ihre Geschichte als Opfergeschichte zu schreiben, in Frage.

Wie schwer ist es eigentlich, (eine) interessante Geschichte gut zu erzählen?

Veröffentlicht in Erinnerungskultur, Museen am Februar 23, 2009 von idiotery

Dass Museumsgestaltung eine eigene Kunst ist, dürfte inzwischen klar sein. Es mag sein, dass man in den 1960ern noch dachte, ach, wenn das Thema nur spannend genug ist, dann geht alles von ganz allein. Aber die 1960er sind vorbei. Die 1980er übrigens auch. Geht man in das Haus am Checkpoint Charlie in Berlin, besteht zumindest vorübergehend die Gefahr, dass man das vergisst. Nach einem gut in Erinnerung gebliebenen Besuch in diesem Museum ca. 1985/7, war ich vor etwa zwei Jahren das letzte Mal da. Dafür hatte ich durch Zufall kürzlich das zweifelhafte Vergnügen, mich mit den vom Museum benutzten Texten ein wenig zu beschäftigen.

 

Das Museum entsprang streng anti-kommunistischer Privatinitiative und öffnete schon kurz nach dem Mauerbau. Solange die Mauer stand, war es Museum, Mahnmal und Ausdruck von Kampfeswillen in einem. Selbst auf Wikipedia erfährt man, dass das Museum nicht den besten Ruf hat, aber es ist zweifellos ein wichtiger Anlaufpunkt, um ein Gefühl für die Existenz Berlins als langjährig geteilter Stadt zu bekommen. Und sei es nur der Örtlichkeit wegen – Checkpoint Charlie, vom Museum gerne als „bedeutendster Platz der freien Welt“ bezeichnet.

 

Das Museum präsentiert ein Sammelsurium an Exponaten, Geschichten und Anekdoten, die nicht zuletzt davon zusammengehalten werden, dass der Gründer des Museums, dessen Namen man in (gefühlt) jedem fünften Erläuterungstext um die Ohren gehauen bekommt, sie für wichtig hielt. Aber genau daran liegt auch das Problem: Eine wirkliche Unterscheidung zwischen wichtigen Informationen, die helfen, die Erfahrung des Kalten Kriegs einzuordnen und womöglich sogar zum Verständnis der Geschichte beitragen können – und solchen, die bestenfalls Unterhaltungswert haben, findet nicht statt. Statt dessen schmeißt man alles in einen großen Topf („Menschenrechtsverletzungen“) und usurpiert zwischen Picassos Guernica und Gerhard Löwenthal alles, was sich nicht mehr wehren kann. Alles wird da dann gleich gemacht: Guernica zeigt angeblich nur das Gesicht des Grauens und „könnte“ genausogut „Dresden“ oder „Hiroshima“ heißen. Ob man diese Tatsache überwertet, wenn man betont, dass der Erläuterungstext zu Guernica keinen Hinweis darauf gibt, wer für die Zerstörung der spanischen Stadt verantwortlich war (ist)?

 

Die Stärken des Museums liegen darin, einzelne Fluchtgeschichten vor dem Vergessen zu bewahren, auch insgesamt eine Atmosphäre zu bewahren, die vorzustellen heute vielleicht schwerfällt. Gerade darin liegt aber auch die Schwäche: Eine Kontextualisierung, in der Vergangenheit tatsächlich Vergangenheit ist, findet kaum statt, vielmehr wirkt das Museum 2007 nicht wirklich anders als 1987: Den, der sich davon beeindrucken lässt, wie „heiss“ der Kalte Krieg in Berlin sein konnte, wird das Museum, das sich zwar „Mauermuseum“ nennt, aber eigentlich eher „Fluchtmuseum“ ist, heute noch beeindrucken, atmet es doch den Geist dieser Zeit. Wer aber den Kalten Krieg selbst kontextualisiert sehen, die Entwicklung nicht nur als Siegergeschichte erleben will, findet im Haus am Checkpoint Charlie nur Anekdoten, in deren Mittelpunkt viel zu oft der Gründer des Hauses steht.

 

Das ist in höchstem Maße bedauerlich, ja, wenn man die vom Museum verwendeten Texte losgelöst von den Exponaten, zu deren Erläuterung sie dienen sollen, betrachten muss, sogar extrem ärgerlich. Denn wie spannend ist diese Geschichte der geteilten Stadt, der Außenstelle der „freien Welt“ und der Versuche, sie von der anderen Seite zu erreichen, eigentlich? Und wie relevant ist sie heute überhaupt noch? Die erste Frage ist leicht zu beantworten: Sehr. Und einen leichten Eindruck davon bekommt man im Haus am Checkpoint Charlie schon vermittelt. Die zweite Frage ist für das Haus dagegen zu hoch. Um diese anzugehen, müßte sich die Ausstellung davon verabschieden, die wesentlichen Bestandteile der Geschichte als bekannt vorauszusetzen – was vor zwanzig Jahren vielleicht noch ging, ist heute Ausdruck der eigenen Geschichtlichkeit. Das Haus am Checkpoint Charlie hat in seiner derzeitigen Form den Gehalt eines Wachsfigurenkabinetts und so mag es passend sein, dass sich der Besuch von Madame Tussauds ohne weiteres mit einem Besuch im Mauerfigurenkabinett verbinden läßt. Nur wenige Minuten Fußweg verbinden die beiden Einrichtungen.

Berlinale: Defamation

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Februar 17, 2009 von idiotery

Kurz nachdem Norman Finkelstein erklärt hat, wenn er Holocaust-Leugner sein soll, dann müsse er wohl verrrückt sein, sieht man ihn die Hand zum Hitler-Gruss erheben, was, so Finkelstein, im Grunde unbedeutend sei. Das ergäbe sich, so Finkelstein weiter, nicht zuletzt daraus, dass Yoav Shamir, der Macher von „Defamation“, dem Film, in dem diese etwas bizarre Episode zu sehen ist, aus einer Gesellschaft komme, in der sowieso jeder jeden Nazi nenne – Ben Gurion habe Jabotinsky Nazi genannt und Menachem Begin mit Hitler assoziiert, Begin wiederum habe Arafat mit Hitler assoziiert. Alles Belege für die These Finkelsteins, dass der gegenwärtige Antisemitismus sehr viel mit der Politik Israels zu tun habe, die den Holocaust missbrauche, um ihr eigenes Unrecht zu rechtfertigen. Finkelstein wirkt in dieser Sequenz, unabhängig davon, was man von seinen Worten halten mag, nicht wenig verrückt, was die von Finkelstein zuvor vorgetragene Argumentation, er könne nur ein Holocaust-Leugner sein, wenn er verrückt wäre, zumindest nicht in das beste Licht rückt. Aber im besten Licht erscheint in Yoav Shamirs Film sowieso kaum jemand. Die Frage, was Antisemitismus heute bedeute, wird hier von einem Israeli angegangen, der nach eigenen Angaben noch nie Antisemitismus erlebt hat, aber ständig darüber liest. Die Frage, was bedeutet Antisemitismus heute, was ist Antisemitismus heute wird damit aus einer Perspektive beleuchtet, auf die einzulassen sich lohnen kann, auch wenn sie weitaus lohnender hätte sein können. Der Film beleuchtet diese Frage ausschließlich im Verhältnis zwischen Israel und den USA, lediglich das heutige Polen und die Ukraine sowie Moskau als notwendige Nebenschauplätze finden ebenfalls Erwähnung. Dass ist bedauerlich, jedenfalls von hier aus gesehen. Vielleicht wäre es spannend, ebenfalls zu beleuchten, wie institutionalisiert (und vielleicht deswegen wenig reflektiert) deutsche Reaktionen/Abwehrmaßnahmen auf/gegen Antisemitismus sind. Im Ansatz bleibt Shamir aber eh auf der etwas plakativen Ebene, dass Antisemitismus das Gerücht über die Juden sei, findet man bei Shamir nicht reflektiert: Es geht nicht um Gerüchte, es geht um Fassbares. Eigentlich geht es auch gar nicht wirklich um Antisemitismus, sondern darum, was das Wissen um die Geschichte des Antisemitismus und seine Erfolge heute – vor allem: für Juden – bedeuten soll. Ist es das Perpetuum Mobile, das eine gut geölte Maschine wie die Anti-Defamation League am Laufen hält? Oder ist es einfach nur die Allzweckwaffe, mit der berechtigte Kritik an israelischer Politik diskreditiert wird? Das Problem am Film ist, dass Shamir die Antwort nicht geben kann, auch, weil sie ihn nicht wirklich interessiert. Statt dessen hat er einen Film gemacht, der vorgibt, etwas zu sein, dass er nicht ist: Eine Auseinandersetzung mit diesen Fragen. Das ist etwas, dass man dem Film und seinem Macher vorwerfen muss – nach Angaben des Innenministeriums der Bundesrepublik Deutschland wurden für das Jahr 2008 1089 antisemitische Straftaten, darunter 32 Gewalttaten mit 36 Verletzten registriert. Es ist unwahrscheinlich, dass alle diese Vorfälle ähnlichen Bagatellcharakter haben, wie jene Vorfälle, die Shamir in den Mittelpunkt seiner Auseinandersetzung mit der Anti-Defamation League in den USA stellt. Während es Shamir gelingt, die Arbeit der ADL als Lobby-Arbeit mit genau den Problemen und Lächerlichkeiten, die Lobby-Arbeit womöglich per se ausmacht, darzustellen, existiert diese – deutsche – Realität bei ihm nicht. Das mag als Anstoß für eine Diskussion in Israel unproblematisch sein: Seine stärksten Momente hat der Film in der Darstellung junger Israelis bei dem „March of the Living“, dem Besuch europäischer (polnischer) Konzentrationslager und der Vorbereitung darauf. Hier kann Shamir einen informierten Blick auf eine Realität werfen, der er mit seinen Mitteln gerecht werden kann. Insofern mag sein Film seinen Platz in einer Diskussion darüber, wie in Israel mit der Erinnerung an die Shoa umgegangen werden soll, haben. Darf man Shamir vorwerfen, dass er beansprucht mehr zu sein? Die Antwort ist ein simples: Ja. Finanziert mit europäischen (österreichischen und skandinavischen) Geldern steht der Film in der Gefahr, der Behauptung, Antisemitismus sei heutzutage kein wirkliches Problem mehr, sondern allenfalls Mittel, Kritik an israelischer Politik zu diskreditieren. Das wäre, hätte Shamir seinen Blick vielleicht etwas weniger beschränkt, ohne weiteres zu vermeiden gewesen. Aber, wie Shamir im Pressewaschzettel selbst sagt, es ging eher darum eine „heilige Kuh“ aufzurütteln, oder, wie er, in Kenntnis einer deutschen Redewendung vielleicht besser gesagt hätte, aufs Glatteis zu führen. Auf dem Glatteis rutscht Shamir letztlich aus – bei der Berlinale zeigte sich dies übrigens und übrigens nicht zum ersten Mal in der Frage und Antwort-Session nach der Vorführung: Er wird gefragt, ob dieser Film auch in Israel laufen könne, weil sich offensichtlich bei diversen Leuten, auch „aufgeklärten“ Berlinale-Besuchern, die Vorstellung hält, in Israel gebe es keine offene und kritische Diskussion über den Holocaust, Antisemitismus oder die Besatzung. Spätestens, allerspätestens diese Frage hätte Shamir zu denken geben müssen.

 

auch wenn zwischen seinem film und diesem „zeitgeschichtlichen“ ereignis jahre liegen, möchte man shamir empfehlen, sich ein wenig mit der kultur, die althans repräsentiert(e) zu beschäftigen: http://www.youtube.com/watch?v=yGykTRjfeus

History is what happens when you’re somewhere else

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Februar 2, 2009 von idiotery

Wenn man in der Mitte Europas lebt, dann ist Geschichte nicht zwangsläufig das, was passiert, während man selber woanders ist. Manchmal ist Geschichte auch genau das, was man gerade selbst erlebt. Die Gegenwart wird Geschichte durch reinen Zeitablauf, aber erst, wenn sie aufgeschrieben wird, entsteht aus ihr „Geschichte“. Mit der Historisierung der jüngeren Vergangenheit wird das Umfeld der eigenen Erinnerungen Geschichte, wird Vergangenes eingeordnet und gedeutet, das im eigenen Leben noch nachwirkt. Es ist besonders spannend, dieses aus der Außenansicht nachzuverfolgen, also zu sehen, was andere von der Zeit, die man selbst durchlebt hat, für wichtig halten. Nun ist Paul Hockenos‘ „Joschka Fischer and the Making of the Berlin Republic“ keine Schilderung des Lebens im Deutschland (West) der 1980er Jahre, sondern möchte eine „alternative“ Geschichte Nachkriegsdeutschlands sein (Westdeutschlands, auch wenn der Klappentext das eher voraussetzt, als deutlich macht). Aber die Konzentration auf Joschka Fischer und das Werden der „Berliner Republik“ machen dieses Buch nicht zu einer „normalen“ Fischer-Biographie für eine internationale Leserschaft, sondern tatsächlich schwerpunktmäßig zu einer Darstellung westdeutscher Geschichte der 1960er, 1970er und 1980er Jahre. Darin ist das Buch am Nachhaltigsten, in der Schilderung der Debatten und Hintergründe, die Joschka Fischer prägten und die er zum Teil mitgestaltete. Das selbstgesteckte Ziel, das facettenreiche Bild eines Deutschlands, das mit seiner Vergangenheit in stetiger Auseinandersetzung lebt (Hockenos formuliert es im Vorwort etwas anders), erreicht das Buch hier in vollem Umfang – als Leser, der sich den Ereignissen schon aus anderem Blickwinkel genähert hat, mag man einzelne Punkte vermissen, anderes anders bewerten – aber in erster Linie ist man beeindruckt, wie plastisch gerade die Diskussionen der 1960er und ihre schiefe Perspektive auf ein in sich zerrissenes Deutschland werden, wie daraus Entscheidungen und Entwicklungen werden, die eine Gegenwart, an die jedenfalls ich sehr konkrete und bewusste Erinnerungen habe, beeinflussten. Ob es dadurch verständlich wird, wie es war in den 1970ern Kind in Westdeutschland zu sein? Wie es war in den 1980ern Kind und Jugendlicher in Westdeutschland zu sein? Das Buch verfolgt ein ganz anderes Ziel, von daher sind dies eher Fragen, die sich anlässlich der Lektüre stellen: Wie macht man eigentlich verständlich, wie das war? Und war das so „anders“ als ein Aufwachsen in anderen (westlichen) Ländern? Mein Überzeugung ist eindeutig: Es war anders. Es muss einfach anders gewesen sein. Hier war die Frontlinie im Kalten Krieg, hier war die Kontinuität zum in den 1970er endgültig als epocheprägenden Verbrechen des 20. Jahrhunderts, hier war die Rote Armee Fraktion, die in ihrer Bedeutung für linke Politik (und Alltagsleben) vergleichbare Organisationen in anderen Ländern um ein weites überragte. Diese Themen sind auch zentral in Hockenos‘ Schilderung des Werdens der „Berliner Republik“, die ja zunächst eine „Bonner Republik“ war bzw. werden musste. Als zusätzliches Thema kommt – für die Orientierung an einem Politiker der Grünen nahezu zwangsläufig – die Anti-Atomkraft-Bewegung hinzu, die in Deutschland noch heute einen anderen Stellenwert hat, als in anderen Ländern. Der erste Regen nach Tschernobyl fiel auf die erstmalig (jedenfalls nach „neuer“ Zeitrechnung) durchgeführte Großveranstaltung „Rhein in Flammen“ (in Bonn), doch damals wußte man noch nicht, das Tschernobyl überhaupt stattgefunden hatte. Tschernobyl ist ein Wendepunkt auch in Hockenos‘ Buch, zumal sich hier die Frage nach den Grenzen von Fischers „Realo“-Politik stellte: Eine Politik, die ihn zwar mit an die Macht in Hessen gebracht hatte, ihn aber gerade nun auch machtlos aussehen liess. Hockenos‘ Umgang mit dem Idealismus der Grünen und ihrem frühen Radikalismus ist kritisch-distanziert. Man mag auch daran erkennen, wie „deutsch“ diese Entwicklung mindestens in ihren Nuancen war. Denn weder war 1968, das bei Hockenos zurecht unmittelbarer Wegbereiter für die Grünen war, ein deutsches Phänomen, noch war (ist) es die Anti-Atkomkraft-Bewegung. Aber Hockenos scheint seine Leser doch immer wieder behutsam daran erinnern zu wollen, dass es gute Gründe gibt, den Radikalismus, der die deutschen Grünen hervorgebracht hat und der sie zunächst auszeichnete, nicht so ernst zu nehmen. Nicht zuletzt weil es seine Überwindung durch jemanden wie Joschka Fischer ist, die die Politikfähigkeit der Grünen im realpolitischen Sinne ermöglichte: Ohne die Überwindung des Radikalismus durch den Ex-Radikalen Fischer gäbe es Hockenos‘ Buch nicht, hätte es Joschka Fischer als den mit Sicherheit faszinierendsten Außenminister der Bundesrepublik so nicht gegeben. Wenn man sich dennoch bisweilen eine etwas andere Akzentsetzung als Leser wünscht, dann am ehesten auf Grund differierender persönlicher (politischer) Präferenzen. Der Qualität des Buches tut dies keinen Abbruch.

Täterforschung im globalen Kontext, letzter Tag

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Januar 29, 2009 von idiotery

Der letzte Tag dieser wohlmeinenden Konferenz steht im Zeichen der Erziehung, Täterforschung als Grundlage präventiver Erziehung, so ungefähr muss man sich das wohl vorstellen. Was es im Einzelnen damit auf sich hat, muss an dieser Stelle unergründet bleiben, da ich lediglich an der Abschlussdiskussion teilgenommen habe, die in ihrer Planlosigkeit nach dem ganzen planvoll-durchdachten Historiker- und Soziologenkram der letzten Tage zwar in klassischer Weise „erfrischend“ war, aber letztlich doch in erster Linie bloss zeigte, dass niemand so wirklich wusste, was für ein Fazit aus dieser Konferenz nun zu ziehen sein sollte (das stolze Schlusswort des Veranstalters – Bundeszentrale für politische Bildung – lautete dann, wenn auch nicht wortwörtlich: Am Ende stehen Fragen, keine Antworten. Und das ist gut so.) und dass es nicht immer Erkenntnisse abwirft, wenn man Künstler nach ihrer Kunst fragt.

Aber der Reihe nach. Schon bei der Auswahl der Teilnehmer der Abschlussveranstaltung ist kaum ein Konzept zu entdecken. Zum Thema „Des Künstlers Blick – ein Beitrag zur Staatsbürgerkunde?“ (natürlich auf englisch im Original, denn man ist ja international: The Artist’s Perception -  a Contribution to Citizenship Education – man sieht, schlechte Übersetzungen gehen in beide Richtungen) sollten Romouald Karmakar, Christoph Mayer chm., Thomas Medicus und Sandra Nuy diskutieren – und in der Tat kam in Ansätzen auch irgendwann eine Diskussion zustande, nur ist es nicht leicht, zu rekonstruieren, worüber eigentlich. Man fing jedenfalls recht einfallslos mit zusammenhanglosen Fragen an die einzelnen Teilnehmer, abwechselnd gestellt von Thomas Krüger (bpb) und Claus Christian Malzahn (spiegel online), an. Da stellte sich hauptsächlich heraus, dass Thomas Medicus ein Buch geschrieben hat, das vor einigen Jahren gelobt wurde, aber heute nicht mehr besonders interessant wirkt, dass Sandra Nuy Walter Benjamin und George Tabori zitieren, sowie die Handlung von Dani Levys Hitler-Film aus dem Stehgreif schildern kann, dass Christoph Mayer chm. ein Künstler ist, der Kunst in erster Linie als Kunst begriffen sehen will und dass Romouald Karmakar also als nächstes einen Film über das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101 macht. Nichts davon ist erstmal besonders interessant, doch im Gespräch zwischen Claus Christian Malzahn und Christoph Mayer chm. deutet sich an, dass es hier doch Diskussionspotential geben könnte – wobei das die Frage noch nicht beantwortet, ob das gut oder schlecht ist: Die beispielsweise am Beispiel von Guido Knopps „Geschichtspornographie“ als fraglos bedenklich aufgefasste Strategie, Täter und Opfer gleichermaßen zu Wort kommen zu lassen, wird bei Mayer zentrales Anliegen. In seinem Kunstprojekt „Audioweg Gusen“ (http://audioweg.gusen.org/) sollen alle Stimmen, die Gegenwart und Vergangenheit dieses seltsamen Ortes Gusen (wo Wohnhäuser auf dem Gelände eines ehemaligen KZ stehen und auch bewohnt sind) ausmachen, gleichberechtigt nebeneinander stehen, denn sie seien gleichberechtigt, machten sie doch in ihrer Summe die Vielstimmigkeit des Ortes aus. Auf die Frage Malzahns, ob aber denn den Stimmen der Opfer nicht das größere Gewicht gebühre, antwortet Mayer mit einem zunächst entwaffnenden: Warum? Den Opfern würde zwar das größere Gewicht gegeben, in Spielbergs Shoa-Archiv gäbe es beispielsweise mehrere Zehntausend Opfer-Stimmen, aber keine einzige von Soldaten (Mayer spricht in der Tat von Soldaten, nicht von Tätern). Damit würde zwar den Opfer mehr Gewicht gegeben, aber sei das auch richtig?

Mayer beharrt als Künstler auf der Interpretierbarkeit der Kunst, des Kunstwerkes, was als Künstlerposition natürlich zunächst unangreifbar ist, in der Diskussion über die Funktion von Kunst aber mangelnde Reflexion offenbart: Denn die Stimmen der Täter brauchen weniger Repräsentanten, weniger Repräsentation als die der Opfer. Selbst die Stimmen der Opfer, die wir noch hörbar machen können/konnten, stehen ja für eine Mehrzahl stimmlos gewordener Getöteter: Anders als die Welt der Täter, die fortbesteht, ist das jüdische Leben Ost-Europas eine untergegangen Welt, von der die Überlebenden nur noch in der Vergangenheitsform berichten können. Diese Welt existiert nicht mehr. Die Stimmen, die Mayer hörbar macht, sprechen also aus und von unterschiedlichen Welten – wäre dies nicht so, wäre auch Mayers Faszination vermutlich geringer, sein Antrieb dieses Projekt zu unternehmen, weniger entschlossen. Dennoch ist das Beharren der Künstler auf der Freiheit des künstlerischen Umgangs mit der Vergangenheit ein Anliegen, das Mayer beispielsweise mit Karmakar teilt, der sein 101-Projekt auch erstmal „machen“ will, bevor er beantworten will, warum. Das steht im Einklang mit der Kritik, die er an der Erinnerungskultur und –pädagogik äußert, in der er zu viel vorgefertigte Interpretationen entdeckt. Er hätte sich beispielsweise für das eigene Abitur im Unterricht mehr Originalmaterial und weniger vom Lehrer aufbereitetes gewünscht. Die Gedenkkultur in Deutschland ist nach Karmakar in schlechtem, weil standardisiertem Zustand, selbst jene, denen das Gedenken gewidmet sein soll, wendeten sich, wie jüngst im Bundestag geschehen, ab. Die Pointe ist fraglos gelungen, doch die Skepsis gegenüber der Analyse bleibt: Es ist doch sehr fraglich, ob das Originalmaterial tatsächlich so viel besser geeignet wäre,  das Geschehene verständlich zu machen. Andererseits ist vielleicht genau das das falsche Ziel? So empörte sich Medicus über den „Zwang der Vorstellbarkeit“, der Vergegenwärtigung, der sich etwa dort zeige, wo man versuche, die Erfahrung Theresienstadt durch Nachbau erlebbar zu machen. So naheliegend der Gedanke, so fraglich, was daraus folgen soll: Wenn die Tagung eins gezeigt hat im Laufe ihrer drei Tage, dann, dass man trefflich darüber streiten kann, was wie erklärbar und damit auch vorstellbar ist, aber auch, dass vieles, was sich hinter „Unvorstellbarem“ verbirgt, nur allzu nah und vergegenwärtigbar ist. Das gilt in erster Linie für die Täter und ihre Taten, ihre Alltäglichkeit und ihr Fortwirken, und kaum jemals für die Opfer und ihre vernichtete Welt. Aber gerade deswegen ist der unter dem „Zwang der Vorstellbarkeit“ stehende Weg der Vergangenheit in die Zukunft vielleicht der bessere Weg.

Täterforschung im globalen Kontext, zweiter Tag

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Januar 29, 2009 von idiotery

Täterforschung ist eine seltsame Beschäftigung, wie auch eine Anmerkung am Ende des ersten Panels des zweiten Tages der Konferenz denn dahin geht, dass doch zu fragen sei, ob es in einigen Jahren einen Forschungsbereich geben müsse, der darauf schaut, was diese Art von Forschung mit den Forschern mache. Anlass war das Bild einer Massenerschießung, das Harald Welzer zu Beginn seines Vortrages über „Referenzrahmen“ in der Täterforschung minutenlang an die Wand warf. Welzer rechtfertigt dies mit den Worten, man müsse die Bilder zeigen, da man sonst nicht verstehen könne, was die Täter sahen, aber die Frage ist natürlich, ob sich das überhaupt jemals „sehen“ lässt – die Faszination des Grauens spielt bei der Holocaust- oder Völkermord-Forschung vermutlich insgesamt durchaus eine Rolle. Nun muss nicht des einen „Doom“-Session des anderen Völkermordforschung sein, aber das Abstumpfen gegenüber, das Technisieren von Gewalttaten, deren Zerlegung in Einzelhandlungen, rationalisierbare gar, ist notwendiger Bestandteil solcher Arbeit. Das Bewusstsein von dem Leid, das hier hervorgerufen wurde, mag ursprüngliche Antriebsfeder sein, aber es muss sogar in den Hintergrund treten, will man die eigentliche Arbeit überhaupt leisten. Man beansprucht, die Bilder und ihre Wirkung erklären zu können, das heißt aber auch, erklären zu können, wie es zu den realen Situationen kam, die auf den Bildern nur wiedergegeben werden und unsere Reaktion darauf, sowohl auf die abgebildeten Tatsachen, wie auch die Abbildung als solche. Das ist viel – und es ist vermutlich gar kein Zufall, dass der zweite Tag der Tagung sehr im Zeichen der Frage stand, was uns die Bilder vom Grauen und von den Täter sagen oder auch nicht sagen, wie (und ob) sie eingesetzt werden (können).

Solche Fragen zogen sich nicht nur durch Welzers Vortrag, der darauf insistiert, dass das einzige, was an Massenverbrechen wie dem Holocaust unerklärlich oder unvorstellbar sei, das Ergebnis sei. Jeder einzelne Schritt dorthin sei erklärbar, gerade auch in seiner schrittweisen Alltäglichkeit: Die „großen moralischen Bauchschmerzen“, die angesichts des Ergebnisses ja eher in sprachloser Verständnislosigkeit bestehen mögen, hätten sich bei den Beteiligten kaum eingestellt, da es die schrittweise Überwindung kleiner moralischer Bedenken gewesen sei, die den eigentlichen Zivilisationsbruch ermöglicht habe: Was 1941 geschehen konnte, war 1933 unvorstellbar, jedenfalls ist das die Prämisse, die zurückführt zu der von Overy bereits gestellten, aber vielleicht anders beantworteten Frage, ob denn jeder von uns potentiell zum Täter werden kann. Welzer geht davon aus, dass die Möglichkeit, zum Täter werden zu können, nicht zuletzt davon abhängt, ob die Kapazitäten vorhanden sind, zu erkennen, dass der eigene Referenzrahmen durch äußere Einwirkung/Entwicklung verschoben, ob Handlungen, die zuvor unvorstellbar erschienen, irgendwann als legitim anerkannt werden.

Die Frage ist halt, wie solche Referenzrahmenverschiebungen vor sich gehen, wer da an was schiebt. Wie Michael Wildt die „Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung“ beschreibt (seinen Vortrag hätte auch jeder andere auf der Grundlage von Wildts Buch halten können, wobei unangenehm auffiel, dass Wildt auf Englisch sprach: Angesichts von Simultandolmetschern war das nicht notwendig und sein Englisch, obwohl gut, ist einfach nicht so gut wie sein Deutsch), wirkt der Akt der Tat konstituierend für das Kollektiv und erst durch die Zustimmung durch protestloses Zuschauen zu dieser Tat dieses Kollektivs – was in letzter Konsequenz zu einem Tätervolk führt, dessen Beitrag zum Gesamtergebnis nur noch durch Abstufungen zu unterscheiden ist, aber die Möglichkeit, „unbeteiligt“ oder „unschuldig“ zu sein, fällt endgültig weg.  Ein ähnliche Frage – was noch Beteiligung oder schon (eigene) Tat ist – stellt Wendy Lower im Hinblick auf die „Kollaboration“ in Ost-Europa: Wie notwendig war die Anwesenheit der Deutschen/Nazis für den Holocaust etwa in der Ukraine oder in Litauen? Nicht nur, aber besonders dort wurde das soziale Phänomen Holocaust im Wege der Arbeitsteilung erledigt, und die einheimische Bevölkerung übte bei der Vernichtung „ihrer“ Juden vielfältigste Rollen aus, die vom Koch (der den Erschießungskommandos die Stärkung in der Pause zwischen Massenerschießungen zubereitete) bis zu den Totengräber und Sammlern, die zwischen den Erschossenen nach Wertgegenständen zur weiteren Verwendung suchten, reichte – und vieles dazwischen (dass die Brutalität der Einheimischen die der Deutschen bisweilen übertraf, ist gut dokumentiert).

Solche Rollen sind zum Teil selbst gewählt, selbst zugeschrieben, sie dokumentieren auch in der Rückschau eine Distanzierung vom Geschehen, die in der Bezeichnung der Opfer als „unsere Juden“ durch einige der einheimischen Täter, in deutlicher Spannung zur andererseits kaum bestreitbaren Nähe steht. Aber Widersprüchlichkeit ist ja kein seltenes Phänomen, was die Zusammenhänge und Ereignisse des Holocaust betrifft. Wie Elizabeth Harvey zeigt, ist es gerade die Rolle der Frauen, die hier Sterotypen in Frage stellt. Wie sehr, sieht man ja auch an der Diskussion um „Der Vorleser“, der nicht zuletzt deswegen auf Ablehnung stößt, da er sich des Themas annimmt, dass eben nicht alle Täter hässlich und auf den ersten Blick abscheulich waren.

 

Die Bilder, die wir uns, die uns gemacht werden, von Tätern, werden heutzutage – jedenfalls in Deutschland – nicht unwesentlich von Guido Knopps Geschichtsmaschine bestimmt, von Wulf Kansteiner in einem durchaus unterhaltsamen, aber nicht bis in die letzte Konsequenz überzeugenden Vortrag als „Geschichtspornographie“ bezeichnet. Kansteiner hat die Repräsentation des Holocaust und der Täter des Holocaust im deutschen Fernsehen von den 1960ern bis in die 1980er auf der Grundlage (nur) des ZDF-Programms untersucht und sich dabei (wohl nicht unwichtig) alleine auf eigenständige Sendungen beschränkt (d.h. Magazin- oder Nachrichtenbeiträge fanden keine Berücksichtigung). Das schränkt die Verallgemeinerungsfähigkeit seiner Ergebnisse/Thesen natürlich bereits nicht unwesentlich ein, aber auch in diesem Rahmen scheint die These, dass es Bilderverbot im Hinblick auf die Täter gegeben habe, das der Distanzierung der – in der Gesellschaft ja fraglos vorhandenen – Täter (und damit der Gesellschaft) von den Taten gedient habe und habe dienen sollen, zumindest fragwürdig, wenn, wie Kansteiner auch einräumt, ja durchaus andere Gründe auch nicht unwesentlich gewesen sein können. Dass andererseits gerade der „Durchbrecher“ des konstatierten Bilderverbots, Guido Knopp, Täter und Opfer gleichermaßen als tragische Mitspieler eines tragischen Geschehens inszeniert, dürfte als These weniger Widerspruch hervorrufen, wobei sich Kansteiner von Welzer direkt sagen lassen musste, dass schon in dem ausgewählten Bildmaterial auch Kansteiner vielleicht nicht genau genug hingeschaut habe, da er als Beispiel für den als tragischen Teilhaber inszenierten Täter jemanden ausgesucht habe, der tatsächlich im positiven Sinne aktiv geworden sei. Die Frage, die Kansteiner zurückgab, ist allerdings, ob es darauf ankommt, denn der „normale“ Zuschauer erfährt solcherlei Differenzierung von Knopp schließlich auch nicht.

Der Vorleser – bald im Kino

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Januar 27, 2009 von idiotery

Das lustige Spiel (siehe weiter unten irgendwo) kann also weitergehen. Anläßlich des Films klettern Leute aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit und schreiben Sätze wie „Nur, weil in dem Roman einmal das Wort „Verbrecher(in)“ vorkommt, aendert das noch lange nichts daran, dass die Gesamtheit der Erzaehlung ziemlich viel Verstaendnis fuer eben jene erzeugt.“ Was, wie wohl auch Richard Overy, Universitätsprofessor für Geschichte in Exeter, erkannt hat, den Kern der Sache nicht treffen dürfte. Overy erwähnte in seiner Keynote bei der Konferenz „Perpetrator Research in a Global Context“ die in der Tat recht kraftvolle Szene aus der aktuellen Verfilmung von Schlinks Roman, in der im Prozess die KZ-Aufseherin Hanna erklären muss, wie sie bei der Selektion an der Rampe vorging – und ob sie denn wisse, was ihre Handlungen dort für eine Bedeutung gehabt haben. Und – hilflos – antwortet sie, dass es doch hätte sein müssen, fragt den Richter, was er denn getan hätte. Dem Richter bleibt die Antwort erspart und es ist an Overy daran zu erinnern, dass die naheliegende Antwort, auf die wir uns heute zurückziehen („ich wäre gar nicht in die Situation gekommen“) kein tauglicher Ausgangspunkt für Täterforschung ist. Denn es ist eben doch sehr die Frage, ob bzw. bis wann die Dynamik der Situation potentiellen Täter/innen diesen Ausweg offenlässt. Es ist beeindruckend, diese Analyse Overys in Bezug zu dieser Szene in „Der Vorleser“ zu setzen – denn es vergehen nur einige kurze Sekunden, in denen der Richter etwas unsicher auf seinem Stuhl sitzt, das Publikum sich aufrichtet, die Anwort, die Reaktion erwartend… Und dann Zeuge wird, wie die Täterin den Richter aus der Verantwortung entlässt, in dem sie selbst fragt, ob sie denn vielleicht niemals zu Siemens hätte gehen sollen (von wo aus sie sich dann zur KZ-Aufseherin verbesserte).

 

Der Film hat Qualitäten, die das Buch nicht oder anders hat, und er hat Nachteile, die das Buch nicht hat, insbesondere in der englischen Fassung (deutsche Akzente nämlich, die aus englisch immer noch kein deutsch machen). Aber die entscheidende Diskussion, darüber ob hier Verständnis für Täter/innen verbreitet wird, kann an Buch und Film gleichermaßen geführt werden und allem Eindruck nach besteht die realistische Chance, dass sie von links aus mit der gleichen Einfältigkeit geführt werden wird, wie in der ersten Runde. Sätze wie „ Nur, weil in dem Roman einmal das Wort „Verbrecher(in)“ vorkommt, aendert das noch lange nichts daran, dass die Gesamtheit der Erzaehlung ziemlich viel Verstaendnis fuer eben jene erzeugt.“ kann auch derjenige, der ihn verbrochen hat, nicht ernstmeinen – zu offensichtlich kann es nicht von der Anzahl der Verwendung des Wortes abhängen, zumal diese auch noch falsch angegeben ist. Aber das „Schwelgen im deutschen Opfermythos“, das Schlink von solcher Stelle völlig kontrafaktisch – auch noch mit der literaturwissenschaftlich abgesegneten Freiheit, das Buch vom Autor lösen zu dürfen, allerdings eben auch Buch vom eigentlichen Inhalt lösend – vorgeworfen wird, kann auch den Film treffen, dessen nicht-deutsche Herkunft es der übelmeinenden Fraktion zwar schwerer machen wird, den Film in das eigene Konstrukt deutscher Nachkriegsidentitätsstiftung einzubauen, aber vermutlich wird das nicht das entscheidende Hindernis sein. Vielleicht auch passiert’s und man findet den Film plötzlich passend, das Buch dagegen immer noch pornographisch und ein Verständnis für die Täter erzwingend. Das Bestreben, sich selbst aus der Verantwortung zu stehlen, und sei es, in dem man die eigene Position innerhalb der deutschen Geschichte aus dieser versucht herauszulösen, rechtfertigt ja bekanntlich so einiges.

Täterforschung im globalen Kontext, erster Tag

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Januar 27, 2009 von idiotery

Es ist natürlich die Steilvorlage für die Lobeshymne auf das erfolgreiche Projekt der deutschen Vergangenheitsbearbeitung, am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz in der alten Reichshauptstadt Berlin eine internationale Konferenz zum Thema „Täterforschung im globalen Kontext“ abzuhalten. Innenminister Wolfgang Schäuble ließ sich in seiner Eröffnungsadresse folglich auch nicht lange bitten und hielt es für ein gutes Zeichen, eine solche Konferenz an einem solchen Tage zu starten, zeige es doch, dass man bei der notwendigen Erweiterung der Forschung auf die Täter die Opfer nicht vergesse. „Die Opfer mahnen uns, uns mit den Tätern zu befassen, doch darf dies die Opfer nicht in den Hintergrund drängen.“ So richtig dies ist, so problematisch mutet Schäubles Bogenschlag an, den er in seiner Rede vornahm, von den Opfern zum Widerstand gegen die Nazis und bis hin zum Widerstand gegen die DDR-Diktatur und deren Ende im November 1989, ein Jubiläum, das, wie Schäuble nicht vergaß, zu betonen, wir in diesem Jahr auch begehen werden. Daß ausgerechnet Schäuble wiederholt von der „offenen Gesellschaft“ Poppers und der freiheitlich verfassten demokratischen Ordnung der deutschen Gesellschaft (da wünscht man sich die FDGO doch zurück) spricht, ist natürlich nicht ohne Ironie. Daß er betont, dass reiner Verfassungspatriotismus alleine nicht ausreiche, die Gesellschaft gegen die Gefahren extremer Ideologien zu immunisieren, ist dagegen folgerichtig: Auf einer Veranstaltung zur Täterforschung redet er einem Wohlfühlpatriotismus als Kuschelgesellschaft aus Familie, freiheitlichem Miteinander und erfolgreicher Vergangenheitsbearbeitung das Wort, in dem Deutschland sich aus den Werten des Kreisauer Kreises speist, Sozialarbeiter gegen Nazis einsetzt und die Gefahr in extremen Ideologien gleich welcher Couleur allein besteht. Das ist so wenig überraschend, wie es letztlich bedauerlich ist, dass das umstrittene Paar FDGO/Verfassungspatriotismus zu Gunsten eines Wohlfühlpatriotismus überwunden werden kann und das deutsche Modell zum Erfolgsmodell der Bewahrung des Patriotismus als positiver Bezugsgröße selbst nach dem Zivilisationsbruch par excellence erhalten bleiben kann. Die Keynote von Richard Overy tut bei diesem Eröffnungsabend der von der Bundeszentrale für politischen Bildung veranstalteten Konferenz wenig, diesem entgegenzuwirken. Wie überhaupt die vergleichende Geschichtswissenschaft auf dem Grad zwischen Gleichmachen durch Vergleichen und Unterscheiden durch Vergleichen ihre Position noch kaum gefunden hat, nutzt Overy die Möglichkeit, sowohl Goldhagens Erklärungsansatz von dem „deutschen“ Wesen des Holocaust abzulehnen, als auch die Befürchtung, „wir“ alle hätten die Fähigkeit, Nazi zu sein in uns. Overy führt in die Täterforschung mit der richtigen Beobachtung, dass der Begriff des „perpetrators“ schrittweise an die Stelle des Begriffs „war criminal“ getreten sei, da viele der Taten mit dieser Stigmatisierung nur unzureichend erfassbar gewesen seien, insbesondere aber der Rolle der von Christopher Browning sogenannten „ordinary men“ nicht gerecht wurden. Der Schritt , zum Täter zu werden, sei kein Sprung auf der Karriereleiter (gewesen), eine These, die man in der Tat nicht ohne weiteres mit dem Schritt, zum Kriegsverbrecher zu werden, vergleichen kann – steht doch fest, dass es mindestens in der Sicht der 1940er Jahre, aber auch wohl heute noch, auf Siegerseite keine Kriegsverbrecher gibt. Das Modell der „negotiation“, das Overy anführt um die Täter-Werdung zu erklären, das Modell eines Dialoges zwischen inneren und äußeren Faktoren, um die eigenen Entscheidungen zu rationalisieren und zu rechtfertigen, gibt eine hübsche Blaupause ab, aber sie benennt die Faktoren nicht, die diesen Prozess begünstigen. Insofern bleibt Overy hinter den Thesen Jonathan Glovers (in dessen „Humanity – A Moral History of the 20th Century“) jedenfalls in diesem Vortrag weit zurück. Und tut dies mit dem – wie er selbst einräumt – provokanten Hinweis, das ja auch die von den Alliierten durchgeführten Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg Formen der „perpetration“, der Täter-Werdung seien. Overy betont zwar, dass das natürlich alles nicht deswegen alles irgendwie gleich oder ähnlich sei und auch, dass die Alliierten sicherlich niemals dazu gekommen wären, die gleiche Anzahl von Zivilisten, die bei den Luftangriffen getötet wurden, in Folge von Häuserkämpfen und Besetzung der Städte zu töten, aber die Bereitschaft zum Vergleichen, die mit der Notwendigkeit der Betonung der Unterschiede einhergeht, führt dann allem Eindruck nach doch (zu) schnell in die Beliebigkeit.