Berlinale: Defamation
Kurz nachdem Norman Finkelstein erklärt hat, wenn er Holocaust-Leugner sein soll, dann müsse er wohl verrrückt sein, sieht man ihn die Hand zum Hitler-Gruss erheben, was, so Finkelstein, im Grunde unbedeutend sei. Das ergäbe sich, so Finkelstein weiter, nicht zuletzt daraus, dass Yoav Shamir, der Macher von „Defamation“, dem Film, in dem diese etwas bizarre Episode zu sehen ist, aus einer Gesellschaft komme, in der sowieso jeder jeden Nazi nenne – Ben Gurion habe Jabotinsky Nazi genannt und Menachem Begin mit Hitler assoziiert, Begin wiederum habe Arafat mit Hitler assoziiert. Alles Belege für die These Finkelsteins, dass der gegenwärtige Antisemitismus sehr viel mit der Politik Israels zu tun habe, die den Holocaust missbrauche, um ihr eigenes Unrecht zu rechtfertigen. Finkelstein wirkt in dieser Sequenz, unabhängig davon, was man von seinen Worten halten mag, nicht wenig verrückt, was die von Finkelstein zuvor vorgetragene Argumentation, er könne nur ein Holocaust-Leugner sein, wenn er verrückt wäre, zumindest nicht in das beste Licht rückt. Aber im besten Licht erscheint in Yoav Shamirs Film sowieso kaum jemand. Die Frage, was Antisemitismus heute bedeute, wird hier von einem Israeli angegangen, der nach eigenen Angaben noch nie Antisemitismus erlebt hat, aber ständig darüber liest. Die Frage, was bedeutet Antisemitismus heute, was ist Antisemitismus heute wird damit aus einer Perspektive beleuchtet, auf die einzulassen sich lohnen kann, auch wenn sie weitaus lohnender hätte sein können. Der Film beleuchtet diese Frage ausschließlich im Verhältnis zwischen Israel und den USA, lediglich das heutige Polen und die Ukraine sowie Moskau als notwendige Nebenschauplätze finden ebenfalls Erwähnung. Dass ist bedauerlich, jedenfalls von hier aus gesehen. Vielleicht wäre es spannend, ebenfalls zu beleuchten, wie institutionalisiert (und vielleicht deswegen wenig reflektiert) deutsche Reaktionen/Abwehrmaßnahmen auf/gegen Antisemitismus sind. Im Ansatz bleibt Shamir aber eh auf der etwas plakativen Ebene, dass Antisemitismus das Gerücht über die Juden sei, findet man bei Shamir nicht reflektiert: Es geht nicht um Gerüchte, es geht um Fassbares. Eigentlich geht es auch gar nicht wirklich um Antisemitismus, sondern darum, was das Wissen um die Geschichte des Antisemitismus und seine Erfolge heute – vor allem: für Juden – bedeuten soll. Ist es das Perpetuum Mobile, das eine gut geölte Maschine wie die Anti-Defamation League am Laufen hält? Oder ist es einfach nur die Allzweckwaffe, mit der berechtigte Kritik an israelischer Politik diskreditiert wird? Das Problem am Film ist, dass Shamir die Antwort nicht geben kann, auch, weil sie ihn nicht wirklich interessiert. Statt dessen hat er einen Film gemacht, der vorgibt, etwas zu sein, dass er nicht ist: Eine Auseinandersetzung mit diesen Fragen. Das ist etwas, dass man dem Film und seinem Macher vorwerfen muss – nach Angaben des Innenministeriums der Bundesrepublik Deutschland wurden für das Jahr 2008 1089 antisemitische Straftaten, darunter 32 Gewalttaten mit 36 Verletzten registriert. Es ist unwahrscheinlich, dass alle diese Vorfälle ähnlichen Bagatellcharakter haben, wie jene Vorfälle, die Shamir in den Mittelpunkt seiner Auseinandersetzung mit der Anti-Defamation League in den USA stellt. Während es Shamir gelingt, die Arbeit der ADL als Lobby-Arbeit mit genau den Problemen und Lächerlichkeiten, die Lobby-Arbeit womöglich per se ausmacht, darzustellen, existiert diese – deutsche – Realität bei ihm nicht. Das mag als Anstoß für eine Diskussion in Israel unproblematisch sein: Seine stärksten Momente hat der Film in der Darstellung junger Israelis bei dem „March of the Living“, dem Besuch europäischer (polnischer) Konzentrationslager und der Vorbereitung darauf. Hier kann Shamir einen informierten Blick auf eine Realität werfen, der er mit seinen Mitteln gerecht werden kann. Insofern mag sein Film seinen Platz in einer Diskussion darüber, wie in Israel mit der Erinnerung an die Shoa umgegangen werden soll, haben. Darf man Shamir vorwerfen, dass er beansprucht mehr zu sein? Die Antwort ist ein simples: Ja. Finanziert mit europäischen (österreichischen und skandinavischen) Geldern steht der Film in der Gefahr, der Behauptung, Antisemitismus sei heutzutage kein wirkliches Problem mehr, sondern allenfalls Mittel, Kritik an israelischer Politik zu diskreditieren. Das wäre, hätte Shamir seinen Blick vielleicht etwas weniger beschränkt, ohne weiteres zu vermeiden gewesen. Aber, wie Shamir im Pressewaschzettel selbst sagt, es ging eher darum eine „heilige Kuh“ aufzurütteln, oder, wie er, in Kenntnis einer deutschen Redewendung vielleicht besser gesagt hätte, aufs Glatteis zu führen. Auf dem Glatteis rutscht Shamir letztlich aus – bei der Berlinale zeigte sich dies übrigens und übrigens nicht zum ersten Mal in der Frage und Antwort-Session nach der Vorführung: Er wird gefragt, ob dieser Film auch in Israel laufen könne, weil sich offensichtlich bei diversen Leuten, auch „aufgeklärten“ Berlinale-Besuchern, die Vorstellung hält, in Israel gebe es keine offene und kritische Diskussion über den Holocaust, Antisemitismus oder die Besatzung. Spätestens, allerspätestens diese Frage hätte Shamir zu denken geben müssen.
auch wenn zwischen seinem film und diesem „zeitgeschichtlichen“ ereignis jahre liegen, möchte man shamir empfehlen, sich ein wenig mit der kultur, die althans repräsentiert(e) zu beschäftigen: http://www.youtube.com/watch?v=yGykTRjfeus