6 Million Germans
Der Song, keine Frage, ist großartig. Er steht in einer Tradition großer, erzählender Folk-Songs, “And The Band Played Waltzing Matilda”, vielleicht, “Thousands Are Sailing” oder “A Pair Of Brown Eyes”, “Shipbuilding” womöglich, oder “Ironmasters”. Gut, das sind halt meine Bezugspunkte, Daniel Kahn mag sich eher (auch) in einer Tradition mit Bertolt Brecht und/oder Tom Waits sehen – was nicht schlimm ist, auch dieser Schuh passt. In “6 Million Germans” erzählt Daniel Kahn die Geschichte von Abba Kovners Racheplan, dem Plan, 6 Millionen Deutsche als Vergeltung für die getöteten Juden Europas umzubringen. Es ist eine Geschichte, die erzählt werden soll und sie findet in dieser Form auch eine würdige Repräsentation. Dennoch begegne ich diesem Phänomen mit Skepsis. Dass Daniel Kahn auf der Bühne steht und nach dem Song sagt, “Hm, das Lied kommt in Deutschland immer besonders gut an – ein seltsames, selbsthassendes Volk” ist das eine. Dass sich, wie beim Konzert im Grünen Salon an der Volksbühne, genügend Leute diverser Herkunft finden, die die Faust reckend “6 Million Germans” skandieren, ist das andere.
Daniel Kahn hat diesen Song vermutlich in Deutschland geschrieben, im Booklet zur CD jedenfalls wird “Macht kaputt was euch kaputt macht” zitiert. Es spricht natürlich auch nichts dagegen, diesen Song in Deutschland zu schreiben oder aufzuführen, aber es mutet andererseits schon befremdlich an: Meine erste Begegnung mit dem Song war auf einer Ausstellungseröffnung in der Oranienburger Straße, Fotos aus Israel, aus den besetzten Gebieten, israelische Soldaten, mitten in Berlin. Dazu ein “junger” Amerikaner, der alternierend zwischen jiddisch, englisch und deutsch dann irgendwann diesen Song über 6 Millionen tote Deutsche sang. Um mal ein Bon Mot, das derzeit die Runde macht, zu paraphrasieren: Er ist Jude, er darf das. Klar, man darf das dürfen. Aber spielt es nicht, jedenfalls hier in Berlin, einer Distanzierung zu, die vielleicht deutlich weniger akzeptabel ist? Wir können hier “6 Million Germans” rufen und uns damit selbst reinwaschen – wir sind aufgeklärt, wir gehören nicht dazu. Aber wir gehören dazu. Und so hat es etwas seltsam schulterklopfendes, aber auch einfach nur etwas seltsames, diesen Song so zu hören. Es wirkt, aber es wirkt auch irgendwie aufgesetzt. Vielleicht ist es auch nur ein erfolgreiches Spiel mit meiner Erwartungshaltung, das ich dem Songschreiber und seinem Publikum ein wenig übel nehme.