History is what happens when you’re somewhere else
Wenn man in der Mitte Europas lebt, dann ist Geschichte nicht zwangsläufig das, was passiert, während man selber woanders ist. Manchmal ist Geschichte auch genau das, was man gerade selbst erlebt. Die Gegenwart wird Geschichte durch reinen Zeitablauf, aber erst, wenn sie aufgeschrieben wird, entsteht aus ihr „Geschichte“. Mit der Historisierung der jüngeren Vergangenheit wird das Umfeld der eigenen Erinnerungen Geschichte, wird Vergangenes eingeordnet und gedeutet, das im eigenen Leben noch nachwirkt. Es ist besonders spannend, dieses aus der Außenansicht nachzuverfolgen, also zu sehen, was andere von der Zeit, die man selbst durchlebt hat, für wichtig halten. Nun ist Paul Hockenos‘ „Joschka Fischer and the Making of the Berlin Republic“ keine Schilderung des Lebens im Deutschland (West) der 1980er Jahre, sondern möchte eine „alternative“ Geschichte Nachkriegsdeutschlands sein (Westdeutschlands, auch wenn der Klappentext das eher voraussetzt, als deutlich macht). Aber die Konzentration auf Joschka Fischer und das Werden der „Berliner Republik“ machen dieses Buch nicht zu einer „normalen“ Fischer-Biographie für eine internationale Leserschaft, sondern tatsächlich schwerpunktmäßig zu einer Darstellung westdeutscher Geschichte der 1960er, 1970er und 1980er Jahre. Darin ist das Buch am Nachhaltigsten, in der Schilderung der Debatten und Hintergründe, die Joschka Fischer prägten und die er zum Teil mitgestaltete. Das selbstgesteckte Ziel, das facettenreiche Bild eines Deutschlands, das mit seiner Vergangenheit in stetiger Auseinandersetzung lebt (Hockenos formuliert es im Vorwort etwas anders), erreicht das Buch hier in vollem Umfang – als Leser, der sich den Ereignissen schon aus anderem Blickwinkel genähert hat, mag man einzelne Punkte vermissen, anderes anders bewerten – aber in erster Linie ist man beeindruckt, wie plastisch gerade die Diskussionen der 1960er und ihre schiefe Perspektive auf ein in sich zerrissenes Deutschland werden, wie daraus Entscheidungen und Entwicklungen werden, die eine Gegenwart, an die jedenfalls ich sehr konkrete und bewusste Erinnerungen habe, beeinflussten. Ob es dadurch verständlich wird, wie es war in den 1970ern Kind in Westdeutschland zu sein? Wie es war in den 1980ern Kind und Jugendlicher in Westdeutschland zu sein? Das Buch verfolgt ein ganz anderes Ziel, von daher sind dies eher Fragen, die sich anlässlich der Lektüre stellen: Wie macht man eigentlich verständlich, wie das war? Und war das so „anders“ als ein Aufwachsen in anderen (westlichen) Ländern? Mein Überzeugung ist eindeutig: Es war anders. Es muss einfach anders gewesen sein. Hier war die Frontlinie im Kalten Krieg, hier war die Kontinuität zum in den 1970er endgültig als epocheprägenden Verbrechen des 20. Jahrhunderts, hier war die Rote Armee Fraktion, die in ihrer Bedeutung für linke Politik (und Alltagsleben) vergleichbare Organisationen in anderen Ländern um ein weites überragte. Diese Themen sind auch zentral in Hockenos‘ Schilderung des Werdens der „Berliner Republik“, die ja zunächst eine „Bonner Republik“ war bzw. werden musste. Als zusätzliches Thema kommt – für die Orientierung an einem Politiker der Grünen nahezu zwangsläufig – die Anti-Atomkraft-Bewegung hinzu, die in Deutschland noch heute einen anderen Stellenwert hat, als in anderen Ländern. Der erste Regen nach Tschernobyl fiel auf die erstmalig (jedenfalls nach „neuer“ Zeitrechnung) durchgeführte Großveranstaltung „Rhein in Flammen“ (in Bonn), doch damals wußte man noch nicht, das Tschernobyl überhaupt stattgefunden hatte. Tschernobyl ist ein Wendepunkt auch in Hockenos‘ Buch, zumal sich hier die Frage nach den Grenzen von Fischers „Realo“-Politik stellte: Eine Politik, die ihn zwar mit an die Macht in Hessen gebracht hatte, ihn aber gerade nun auch machtlos aussehen liess. Hockenos‘ Umgang mit dem Idealismus der Grünen und ihrem frühen Radikalismus ist kritisch-distanziert. Man mag auch daran erkennen, wie „deutsch“ diese Entwicklung mindestens in ihren Nuancen war. Denn weder war 1968, das bei Hockenos zurecht unmittelbarer Wegbereiter für die Grünen war, ein deutsches Phänomen, noch war (ist) es die Anti-Atkomkraft-Bewegung. Aber Hockenos scheint seine Leser doch immer wieder behutsam daran erinnern zu wollen, dass es gute Gründe gibt, den Radikalismus, der die deutschen Grünen hervorgebracht hat und der sie zunächst auszeichnete, nicht so ernst zu nehmen. Nicht zuletzt weil es seine Überwindung durch jemanden wie Joschka Fischer ist, die die Politikfähigkeit der Grünen im realpolitischen Sinne ermöglichte: Ohne die Überwindung des Radikalismus durch den Ex-Radikalen Fischer gäbe es Hockenos‘ Buch nicht, hätte es Joschka Fischer als den mit Sicherheit faszinierendsten Außenminister der Bundesrepublik so nicht gegeben. Wenn man sich dennoch bisweilen eine etwas andere Akzentsetzung als Leser wünscht, dann am ehesten auf Grund differierender persönlicher (politischer) Präferenzen. Der Qualität des Buches tut dies keinen Abbruch.