Archiv für Februar, 2009

It’s not enough to have all the right ingredients.

Veröffentlicht in ьгышл am Februar 25, 2009 von idiotery

 

I really want to like Asobi Seksu. I want to like them so much that for a brief moment some time ago, I actually did. And I still want, if only because I like the shirt I have of theirs so much. Dream pop universelle. That‘s good. Unfortunately, their music only too rarely actually fulfils that promise. Witness tonight‘s show: They have a reasonably good drummer laying a solid foundation, a snappy bass that sometimes even grooves. They have a cute chick singer who does the ethereal wailing pretty well and they have, in theory, a huge enough wall of sound from the guitarist. But it‘s not enough to know the formula – you also have to know how to use it. Songs like „Familiar Light“ and „Nefi + Girly“Magnet Club Berlinshow that sometimes, Asobi Seksu do. 

But the way they insist on playing the game also shows that they don‘t really understand it. They repeatedly end very unremarkable songs in the pointless cacophony of white light and white noise that long ago ceased to be rebellious. Yes, My Bloody Valentine still do the twenty minute „holocaust“, but it‘s bloody boring is what it is. And same goes for Asobi Seksu: If you have to come back out from backstage (because you can‘t go anywhere backstage) for an encore nobody had the chance to cheer for cos your amp was feedbacking so loudly, then it‘s really not that graceful if you end up doing that twice. Because you have nowhere else to go. Maybe that‘s why they‘re doing this. Maybe they have nowhere else to go. Their music, at its washed out worst, drowning in echo and feedback, sounds that way. Fortunately, there are those moments when it‘s all so much better. Tonight wasn‘t one of them.

Wie schwer ist es eigentlich, (eine) interessante Geschichte gut zu erzählen?

Veröffentlicht in Erinnerungskultur, Museen am Februar 23, 2009 von idiotery

Dass Museumsgestaltung eine eigene Kunst ist, dürfte inzwischen klar sein. Es mag sein, dass man in den 1960ern noch dachte, ach, wenn das Thema nur spannend genug ist, dann geht alles von ganz allein. Aber die 1960er sind vorbei. Die 1980er übrigens auch. Geht man in das Haus am Checkpoint Charlie in Berlin, besteht zumindest vorübergehend die Gefahr, dass man das vergisst. Nach einem gut in Erinnerung gebliebenen Besuch in diesem Museum ca. 1985/7, war ich vor etwa zwei Jahren das letzte Mal da. Dafür hatte ich durch Zufall kürzlich das zweifelhafte Vergnügen, mich mit den vom Museum benutzten Texten ein wenig zu beschäftigen.

 

Das Museum entsprang streng anti-kommunistischer Privatinitiative und öffnete schon kurz nach dem Mauerbau. Solange die Mauer stand, war es Museum, Mahnmal und Ausdruck von Kampfeswillen in einem. Selbst auf Wikipedia erfährt man, dass das Museum nicht den besten Ruf hat, aber es ist zweifellos ein wichtiger Anlaufpunkt, um ein Gefühl für die Existenz Berlins als langjährig geteilter Stadt zu bekommen. Und sei es nur der Örtlichkeit wegen – Checkpoint Charlie, vom Museum gerne als „bedeutendster Platz der freien Welt“ bezeichnet.

 

Das Museum präsentiert ein Sammelsurium an Exponaten, Geschichten und Anekdoten, die nicht zuletzt davon zusammengehalten werden, dass der Gründer des Museums, dessen Namen man in (gefühlt) jedem fünften Erläuterungstext um die Ohren gehauen bekommt, sie für wichtig hielt. Aber genau daran liegt auch das Problem: Eine wirkliche Unterscheidung zwischen wichtigen Informationen, die helfen, die Erfahrung des Kalten Kriegs einzuordnen und womöglich sogar zum Verständnis der Geschichte beitragen können – und solchen, die bestenfalls Unterhaltungswert haben, findet nicht statt. Statt dessen schmeißt man alles in einen großen Topf („Menschenrechtsverletzungen“) und usurpiert zwischen Picassos Guernica und Gerhard Löwenthal alles, was sich nicht mehr wehren kann. Alles wird da dann gleich gemacht: Guernica zeigt angeblich nur das Gesicht des Grauens und „könnte“ genausogut „Dresden“ oder „Hiroshima“ heißen. Ob man diese Tatsache überwertet, wenn man betont, dass der Erläuterungstext zu Guernica keinen Hinweis darauf gibt, wer für die Zerstörung der spanischen Stadt verantwortlich war (ist)?

 

Die Stärken des Museums liegen darin, einzelne Fluchtgeschichten vor dem Vergessen zu bewahren, auch insgesamt eine Atmosphäre zu bewahren, die vorzustellen heute vielleicht schwerfällt. Gerade darin liegt aber auch die Schwäche: Eine Kontextualisierung, in der Vergangenheit tatsächlich Vergangenheit ist, findet kaum statt, vielmehr wirkt das Museum 2007 nicht wirklich anders als 1987: Den, der sich davon beeindrucken lässt, wie „heiss“ der Kalte Krieg in Berlin sein konnte, wird das Museum, das sich zwar „Mauermuseum“ nennt, aber eigentlich eher „Fluchtmuseum“ ist, heute noch beeindrucken, atmet es doch den Geist dieser Zeit. Wer aber den Kalten Krieg selbst kontextualisiert sehen, die Entwicklung nicht nur als Siegergeschichte erleben will, findet im Haus am Checkpoint Charlie nur Anekdoten, in deren Mittelpunkt viel zu oft der Gründer des Hauses steht.

 

Das ist in höchstem Maße bedauerlich, ja, wenn man die vom Museum verwendeten Texte losgelöst von den Exponaten, zu deren Erläuterung sie dienen sollen, betrachten muss, sogar extrem ärgerlich. Denn wie spannend ist diese Geschichte der geteilten Stadt, der Außenstelle der „freien Welt“ und der Versuche, sie von der anderen Seite zu erreichen, eigentlich? Und wie relevant ist sie heute überhaupt noch? Die erste Frage ist leicht zu beantworten: Sehr. Und einen leichten Eindruck davon bekommt man im Haus am Checkpoint Charlie schon vermittelt. Die zweite Frage ist für das Haus dagegen zu hoch. Um diese anzugehen, müßte sich die Ausstellung davon verabschieden, die wesentlichen Bestandteile der Geschichte als bekannt vorauszusetzen – was vor zwanzig Jahren vielleicht noch ging, ist heute Ausdruck der eigenen Geschichtlichkeit. Das Haus am Checkpoint Charlie hat in seiner derzeitigen Form den Gehalt eines Wachsfigurenkabinetts und so mag es passend sein, dass sich der Besuch von Madame Tussauds ohne weiteres mit einem Besuch im Mauerfigurenkabinett verbinden läßt. Nur wenige Minuten Fußweg verbinden die beiden Einrichtungen.

Berlinale: Defamation

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Februar 17, 2009 von idiotery

Kurz nachdem Norman Finkelstein erklärt hat, wenn er Holocaust-Leugner sein soll, dann müsse er wohl verrrückt sein, sieht man ihn die Hand zum Hitler-Gruss erheben, was, so Finkelstein, im Grunde unbedeutend sei. Das ergäbe sich, so Finkelstein weiter, nicht zuletzt daraus, dass Yoav Shamir, der Macher von „Defamation“, dem Film, in dem diese etwas bizarre Episode zu sehen ist, aus einer Gesellschaft komme, in der sowieso jeder jeden Nazi nenne – Ben Gurion habe Jabotinsky Nazi genannt und Menachem Begin mit Hitler assoziiert, Begin wiederum habe Arafat mit Hitler assoziiert. Alles Belege für die These Finkelsteins, dass der gegenwärtige Antisemitismus sehr viel mit der Politik Israels zu tun habe, die den Holocaust missbrauche, um ihr eigenes Unrecht zu rechtfertigen. Finkelstein wirkt in dieser Sequenz, unabhängig davon, was man von seinen Worten halten mag, nicht wenig verrückt, was die von Finkelstein zuvor vorgetragene Argumentation, er könne nur ein Holocaust-Leugner sein, wenn er verrückt wäre, zumindest nicht in das beste Licht rückt. Aber im besten Licht erscheint in Yoav Shamirs Film sowieso kaum jemand. Die Frage, was Antisemitismus heute bedeute, wird hier von einem Israeli angegangen, der nach eigenen Angaben noch nie Antisemitismus erlebt hat, aber ständig darüber liest. Die Frage, was bedeutet Antisemitismus heute, was ist Antisemitismus heute wird damit aus einer Perspektive beleuchtet, auf die einzulassen sich lohnen kann, auch wenn sie weitaus lohnender hätte sein können. Der Film beleuchtet diese Frage ausschließlich im Verhältnis zwischen Israel und den USA, lediglich das heutige Polen und die Ukraine sowie Moskau als notwendige Nebenschauplätze finden ebenfalls Erwähnung. Dass ist bedauerlich, jedenfalls von hier aus gesehen. Vielleicht wäre es spannend, ebenfalls zu beleuchten, wie institutionalisiert (und vielleicht deswegen wenig reflektiert) deutsche Reaktionen/Abwehrmaßnahmen auf/gegen Antisemitismus sind. Im Ansatz bleibt Shamir aber eh auf der etwas plakativen Ebene, dass Antisemitismus das Gerücht über die Juden sei, findet man bei Shamir nicht reflektiert: Es geht nicht um Gerüchte, es geht um Fassbares. Eigentlich geht es auch gar nicht wirklich um Antisemitismus, sondern darum, was das Wissen um die Geschichte des Antisemitismus und seine Erfolge heute – vor allem: für Juden – bedeuten soll. Ist es das Perpetuum Mobile, das eine gut geölte Maschine wie die Anti-Defamation League am Laufen hält? Oder ist es einfach nur die Allzweckwaffe, mit der berechtigte Kritik an israelischer Politik diskreditiert wird? Das Problem am Film ist, dass Shamir die Antwort nicht geben kann, auch, weil sie ihn nicht wirklich interessiert. Statt dessen hat er einen Film gemacht, der vorgibt, etwas zu sein, dass er nicht ist: Eine Auseinandersetzung mit diesen Fragen. Das ist etwas, dass man dem Film und seinem Macher vorwerfen muss – nach Angaben des Innenministeriums der Bundesrepublik Deutschland wurden für das Jahr 2008 1089 antisemitische Straftaten, darunter 32 Gewalttaten mit 36 Verletzten registriert. Es ist unwahrscheinlich, dass alle diese Vorfälle ähnlichen Bagatellcharakter haben, wie jene Vorfälle, die Shamir in den Mittelpunkt seiner Auseinandersetzung mit der Anti-Defamation League in den USA stellt. Während es Shamir gelingt, die Arbeit der ADL als Lobby-Arbeit mit genau den Problemen und Lächerlichkeiten, die Lobby-Arbeit womöglich per se ausmacht, darzustellen, existiert diese – deutsche – Realität bei ihm nicht. Das mag als Anstoß für eine Diskussion in Israel unproblematisch sein: Seine stärksten Momente hat der Film in der Darstellung junger Israelis bei dem „March of the Living“, dem Besuch europäischer (polnischer) Konzentrationslager und der Vorbereitung darauf. Hier kann Shamir einen informierten Blick auf eine Realität werfen, der er mit seinen Mitteln gerecht werden kann. Insofern mag sein Film seinen Platz in einer Diskussion darüber, wie in Israel mit der Erinnerung an die Shoa umgegangen werden soll, haben. Darf man Shamir vorwerfen, dass er beansprucht mehr zu sein? Die Antwort ist ein simples: Ja. Finanziert mit europäischen (österreichischen und skandinavischen) Geldern steht der Film in der Gefahr, der Behauptung, Antisemitismus sei heutzutage kein wirkliches Problem mehr, sondern allenfalls Mittel, Kritik an israelischer Politik zu diskreditieren. Das wäre, hätte Shamir seinen Blick vielleicht etwas weniger beschränkt, ohne weiteres zu vermeiden gewesen. Aber, wie Shamir im Pressewaschzettel selbst sagt, es ging eher darum eine „heilige Kuh“ aufzurütteln, oder, wie er, in Kenntnis einer deutschen Redewendung vielleicht besser gesagt hätte, aufs Glatteis zu führen. Auf dem Glatteis rutscht Shamir letztlich aus – bei der Berlinale zeigte sich dies übrigens und übrigens nicht zum ersten Mal in der Frage und Antwort-Session nach der Vorführung: Er wird gefragt, ob dieser Film auch in Israel laufen könne, weil sich offensichtlich bei diversen Leuten, auch „aufgeklärten“ Berlinale-Besuchern, die Vorstellung hält, in Israel gebe es keine offene und kritische Diskussion über den Holocaust, Antisemitismus oder die Besatzung. Spätestens, allerspätestens diese Frage hätte Shamir zu denken geben müssen.

 

auch wenn zwischen seinem film und diesem „zeitgeschichtlichen“ ereignis jahre liegen, möchte man shamir empfehlen, sich ein wenig mit der kultur, die althans repräsentiert(e) zu beschäftigen: http://www.youtube.com/watch?v=yGykTRjfeus

6 Million Germans

Veröffentlicht in ьгышл am Februar 14, 2009 von idiotery

Der Song, keine Frage, ist großartig. Er steht in einer Tradition großer, erzählender Folk-Songs, “And The Band Played Waltzing Matilda”, vielleicht, “Thousands Are Sailing” oder “A Pair Of Brown Eyes”, “Shipbuilding” womöglich, oder “Ironmasters”. Gut, das sind halt meine Bezugspunkte, Daniel Kahn mag sich eher (auch) in einer Tradition mit Bertolt Brecht und/oder Tom Waits sehen – was nicht schlimm ist, auch dieser Schuh passt. In “6 Million Germans” erzählt Daniel Kahn die Geschichte von Abba Kovners Racheplan, dem Plan, 6 Millionen Deutsche als Vergeltung für die getöteten Juden Europas umzubringen. Es ist eine Geschichte, die erzählt werden soll und sie findet in dieser Form auch eine würdige Repräsentation. Dennoch begegne ich diesem Phänomen mit Skepsis. Dass Daniel Kahn auf der Bühne steht und nach dem Song sagt, “Hm, das Lied kommt in Deutschland immer besonders gut an – ein seltsames, selbsthassendes Volk” ist das eine. Dass sich, wie beim Konzert im Grünen Salon an der Volksbühne, genügend Leute diverser Herkunft finden, die die Faust reckend “6 Million Germans” skandieren, ist das andere. 

 

Daniel Kahn hat diesen Song vermutlich in Deutschland geschrieben, im Booklet zur CD jedenfalls wird “Macht kaputt was euch kaputt macht” zitiert. Es spricht natürlich auch nichts dagegen, diesen Song in Deutschland zu schreiben oder aufzuführen, aber es mutet andererseits schon befremdlich an: Meine erste Begegnung mit dem Song war auf einer Ausstellungseröffnung in der Oranienburger Straße, Fotos aus Israel, aus den besetzten Gebieten, israelische Soldaten, mitten in Berlin. Dazu ein “junger” Amerikaner, der alternierend zwischen jiddisch, englisch und deutsch dann  irgendwann diesen Song über 6 Millionen tote Deutsche sang. Um mal ein Bon Mot, das derzeit die Runde macht, zu paraphrasieren: Er ist Jude, er darf das. Klar, man darf das dürfen. Aber spielt es nicht, jedenfalls hier in Berlin, einer Distanzierung zu, die vielleicht deutlich weniger akzeptabel ist? Wir können hier “6 Million Germans” rufen und uns damit selbst reinwaschen – wir sind aufgeklärt, wir gehören nicht dazu. Aber wir gehören dazu. Und so hat es etwas seltsam schulterklopfendes, aber auch einfach nur etwas seltsames, diesen Song so zu hören. Es wirkt, aber es wirkt auch irgendwie aufgesetzt. Vielleicht ist es auch nur ein erfolgreiches Spiel mit meiner Erwartungshaltung, das ich dem Songschreiber und seinem Publikum ein wenig übel nehme.

History is what happens when you’re somewhere else

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Februar 2, 2009 von idiotery

Wenn man in der Mitte Europas lebt, dann ist Geschichte nicht zwangsläufig das, was passiert, während man selber woanders ist. Manchmal ist Geschichte auch genau das, was man gerade selbst erlebt. Die Gegenwart wird Geschichte durch reinen Zeitablauf, aber erst, wenn sie aufgeschrieben wird, entsteht aus ihr „Geschichte“. Mit der Historisierung der jüngeren Vergangenheit wird das Umfeld der eigenen Erinnerungen Geschichte, wird Vergangenes eingeordnet und gedeutet, das im eigenen Leben noch nachwirkt. Es ist besonders spannend, dieses aus der Außenansicht nachzuverfolgen, also zu sehen, was andere von der Zeit, die man selbst durchlebt hat, für wichtig halten. Nun ist Paul Hockenos‘ „Joschka Fischer and the Making of the Berlin Republic“ keine Schilderung des Lebens im Deutschland (West) der 1980er Jahre, sondern möchte eine „alternative“ Geschichte Nachkriegsdeutschlands sein (Westdeutschlands, auch wenn der Klappentext das eher voraussetzt, als deutlich macht). Aber die Konzentration auf Joschka Fischer und das Werden der „Berliner Republik“ machen dieses Buch nicht zu einer „normalen“ Fischer-Biographie für eine internationale Leserschaft, sondern tatsächlich schwerpunktmäßig zu einer Darstellung westdeutscher Geschichte der 1960er, 1970er und 1980er Jahre. Darin ist das Buch am Nachhaltigsten, in der Schilderung der Debatten und Hintergründe, die Joschka Fischer prägten und die er zum Teil mitgestaltete. Das selbstgesteckte Ziel, das facettenreiche Bild eines Deutschlands, das mit seiner Vergangenheit in stetiger Auseinandersetzung lebt (Hockenos formuliert es im Vorwort etwas anders), erreicht das Buch hier in vollem Umfang – als Leser, der sich den Ereignissen schon aus anderem Blickwinkel genähert hat, mag man einzelne Punkte vermissen, anderes anders bewerten – aber in erster Linie ist man beeindruckt, wie plastisch gerade die Diskussionen der 1960er und ihre schiefe Perspektive auf ein in sich zerrissenes Deutschland werden, wie daraus Entscheidungen und Entwicklungen werden, die eine Gegenwart, an die jedenfalls ich sehr konkrete und bewusste Erinnerungen habe, beeinflussten. Ob es dadurch verständlich wird, wie es war in den 1970ern Kind in Westdeutschland zu sein? Wie es war in den 1980ern Kind und Jugendlicher in Westdeutschland zu sein? Das Buch verfolgt ein ganz anderes Ziel, von daher sind dies eher Fragen, die sich anlässlich der Lektüre stellen: Wie macht man eigentlich verständlich, wie das war? Und war das so „anders“ als ein Aufwachsen in anderen (westlichen) Ländern? Mein Überzeugung ist eindeutig: Es war anders. Es muss einfach anders gewesen sein. Hier war die Frontlinie im Kalten Krieg, hier war die Kontinuität zum in den 1970er endgültig als epocheprägenden Verbrechen des 20. Jahrhunderts, hier war die Rote Armee Fraktion, die in ihrer Bedeutung für linke Politik (und Alltagsleben) vergleichbare Organisationen in anderen Ländern um ein weites überragte. Diese Themen sind auch zentral in Hockenos‘ Schilderung des Werdens der „Berliner Republik“, die ja zunächst eine „Bonner Republik“ war bzw. werden musste. Als zusätzliches Thema kommt – für die Orientierung an einem Politiker der Grünen nahezu zwangsläufig – die Anti-Atomkraft-Bewegung hinzu, die in Deutschland noch heute einen anderen Stellenwert hat, als in anderen Ländern. Der erste Regen nach Tschernobyl fiel auf die erstmalig (jedenfalls nach „neuer“ Zeitrechnung) durchgeführte Großveranstaltung „Rhein in Flammen“ (in Bonn), doch damals wußte man noch nicht, das Tschernobyl überhaupt stattgefunden hatte. Tschernobyl ist ein Wendepunkt auch in Hockenos‘ Buch, zumal sich hier die Frage nach den Grenzen von Fischers „Realo“-Politik stellte: Eine Politik, die ihn zwar mit an die Macht in Hessen gebracht hatte, ihn aber gerade nun auch machtlos aussehen liess. Hockenos‘ Umgang mit dem Idealismus der Grünen und ihrem frühen Radikalismus ist kritisch-distanziert. Man mag auch daran erkennen, wie „deutsch“ diese Entwicklung mindestens in ihren Nuancen war. Denn weder war 1968, das bei Hockenos zurecht unmittelbarer Wegbereiter für die Grünen war, ein deutsches Phänomen, noch war (ist) es die Anti-Atkomkraft-Bewegung. Aber Hockenos scheint seine Leser doch immer wieder behutsam daran erinnern zu wollen, dass es gute Gründe gibt, den Radikalismus, der die deutschen Grünen hervorgebracht hat und der sie zunächst auszeichnete, nicht so ernst zu nehmen. Nicht zuletzt weil es seine Überwindung durch jemanden wie Joschka Fischer ist, die die Politikfähigkeit der Grünen im realpolitischen Sinne ermöglichte: Ohne die Überwindung des Radikalismus durch den Ex-Radikalen Fischer gäbe es Hockenos‘ Buch nicht, hätte es Joschka Fischer als den mit Sicherheit faszinierendsten Außenminister der Bundesrepublik so nicht gegeben. Wenn man sich dennoch bisweilen eine etwas andere Akzentsetzung als Leser wünscht, dann am ehesten auf Grund differierender persönlicher (politischer) Präferenzen. Der Qualität des Buches tut dies keinen Abbruch.