Täterforschung im globalen Kontext, letzter Tag
Der letzte Tag dieser wohlmeinenden Konferenz steht im Zeichen der Erziehung, Täterforschung als Grundlage präventiver Erziehung, so ungefähr muss man sich das wohl vorstellen. Was es im Einzelnen damit auf sich hat, muss an dieser Stelle unergründet bleiben, da ich lediglich an der Abschlussdiskussion teilgenommen habe, die in ihrer Planlosigkeit nach dem ganzen planvoll-durchdachten Historiker- und Soziologenkram der letzten Tage zwar in klassischer Weise „erfrischend“ war, aber letztlich doch in erster Linie bloss zeigte, dass niemand so wirklich wusste, was für ein Fazit aus dieser Konferenz nun zu ziehen sein sollte (das stolze Schlusswort des Veranstalters – Bundeszentrale für politische Bildung – lautete dann, wenn auch nicht wortwörtlich: Am Ende stehen Fragen, keine Antworten. Und das ist gut so.) und dass es nicht immer Erkenntnisse abwirft, wenn man Künstler nach ihrer Kunst fragt.
Aber der Reihe nach. Schon bei der Auswahl der Teilnehmer der Abschlussveranstaltung ist kaum ein Konzept zu entdecken. Zum Thema „Des Künstlers Blick – ein Beitrag zur Staatsbürgerkunde?“ (natürlich auf englisch im Original, denn man ist ja international: The Artist’s Perception - a Contribution to Citizenship Education – man sieht, schlechte Übersetzungen gehen in beide Richtungen) sollten Romouald Karmakar, Christoph Mayer chm., Thomas Medicus und Sandra Nuy diskutieren – und in der Tat kam in Ansätzen auch irgendwann eine Diskussion zustande, nur ist es nicht leicht, zu rekonstruieren, worüber eigentlich. Man fing jedenfalls recht einfallslos mit zusammenhanglosen Fragen an die einzelnen Teilnehmer, abwechselnd gestellt von Thomas Krüger (bpb) und Claus Christian Malzahn (spiegel online), an. Da stellte sich hauptsächlich heraus, dass Thomas Medicus ein Buch geschrieben hat, das vor einigen Jahren gelobt wurde, aber heute nicht mehr besonders interessant wirkt, dass Sandra Nuy Walter Benjamin und George Tabori zitieren, sowie die Handlung von Dani Levys Hitler-Film aus dem Stehgreif schildern kann, dass Christoph Mayer chm. ein Künstler ist, der Kunst in erster Linie als Kunst begriffen sehen will und dass Romouald Karmakar also als nächstes einen Film über das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101 macht. Nichts davon ist erstmal besonders interessant, doch im Gespräch zwischen Claus Christian Malzahn und Christoph Mayer chm. deutet sich an, dass es hier doch Diskussionspotential geben könnte – wobei das die Frage noch nicht beantwortet, ob das gut oder schlecht ist: Die beispielsweise am Beispiel von Guido Knopps „Geschichtspornographie“ als fraglos bedenklich aufgefasste Strategie, Täter und Opfer gleichermaßen zu Wort kommen zu lassen, wird bei Mayer zentrales Anliegen. In seinem Kunstprojekt „Audioweg Gusen“ (http://audioweg.gusen.org/) sollen alle Stimmen, die Gegenwart und Vergangenheit dieses seltsamen Ortes Gusen (wo Wohnhäuser auf dem Gelände eines ehemaligen KZ stehen und auch bewohnt sind) ausmachen, gleichberechtigt nebeneinander stehen, denn sie seien gleichberechtigt, machten sie doch in ihrer Summe die Vielstimmigkeit des Ortes aus. Auf die Frage Malzahns, ob aber denn den Stimmen der Opfer nicht das größere Gewicht gebühre, antwortet Mayer mit einem zunächst entwaffnenden: Warum? Den Opfern würde zwar das größere Gewicht gegeben, in Spielbergs Shoa-Archiv gäbe es beispielsweise mehrere Zehntausend Opfer-Stimmen, aber keine einzige von Soldaten (Mayer spricht in der Tat von Soldaten, nicht von Tätern). Damit würde zwar den Opfer mehr Gewicht gegeben, aber sei das auch richtig?
Mayer beharrt als Künstler auf der Interpretierbarkeit der Kunst, des Kunstwerkes, was als Künstlerposition natürlich zunächst unangreifbar ist, in der Diskussion über die Funktion von Kunst aber mangelnde Reflexion offenbart: Denn die Stimmen der Täter brauchen weniger Repräsentanten, weniger Repräsentation als die der Opfer. Selbst die Stimmen der Opfer, die wir noch hörbar machen können/konnten, stehen ja für eine Mehrzahl stimmlos gewordener Getöteter: Anders als die Welt der Täter, die fortbesteht, ist das jüdische Leben Ost-Europas eine untergegangen Welt, von der die Überlebenden nur noch in der Vergangenheitsform berichten können. Diese Welt existiert nicht mehr. Die Stimmen, die Mayer hörbar macht, sprechen also aus und von unterschiedlichen Welten – wäre dies nicht so, wäre auch Mayers Faszination vermutlich geringer, sein Antrieb dieses Projekt zu unternehmen, weniger entschlossen. Dennoch ist das Beharren der Künstler auf der Freiheit des künstlerischen Umgangs mit der Vergangenheit ein Anliegen, das Mayer beispielsweise mit Karmakar teilt, der sein 101-Projekt auch erstmal „machen“ will, bevor er beantworten will, warum. Das steht im Einklang mit der Kritik, die er an der Erinnerungskultur und –pädagogik äußert, in der er zu viel vorgefertigte Interpretationen entdeckt. Er hätte sich beispielsweise für das eigene Abitur im Unterricht mehr Originalmaterial und weniger vom Lehrer aufbereitetes gewünscht. Die Gedenkkultur in Deutschland ist nach Karmakar in schlechtem, weil standardisiertem Zustand, selbst jene, denen das Gedenken gewidmet sein soll, wendeten sich, wie jüngst im Bundestag geschehen, ab. Die Pointe ist fraglos gelungen, doch die Skepsis gegenüber der Analyse bleibt: Es ist doch sehr fraglich, ob das Originalmaterial tatsächlich so viel besser geeignet wäre, das Geschehene verständlich zu machen. Andererseits ist vielleicht genau das das falsche Ziel? So empörte sich Medicus über den „Zwang der Vorstellbarkeit“, der Vergegenwärtigung, der sich etwa dort zeige, wo man versuche, die Erfahrung Theresienstadt durch Nachbau erlebbar zu machen. So naheliegend der Gedanke, so fraglich, was daraus folgen soll: Wenn die Tagung eins gezeigt hat im Laufe ihrer drei Tage, dann, dass man trefflich darüber streiten kann, was wie erklärbar und damit auch vorstellbar ist, aber auch, dass vieles, was sich hinter „Unvorstellbarem“ verbirgt, nur allzu nah und vergegenwärtigbar ist. Das gilt in erster Linie für die Täter und ihre Taten, ihre Alltäglichkeit und ihr Fortwirken, und kaum jemals für die Opfer und ihre vernichtete Welt. Aber gerade deswegen ist der unter dem „Zwang der Vorstellbarkeit“ stehende Weg der Vergangenheit in die Zukunft vielleicht der bessere Weg.