Archiv für Januar, 2009

Täterforschung im globalen Kontext, letzter Tag

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Januar 29, 2009 von idiotery

Der letzte Tag dieser wohlmeinenden Konferenz steht im Zeichen der Erziehung, Täterforschung als Grundlage präventiver Erziehung, so ungefähr muss man sich das wohl vorstellen. Was es im Einzelnen damit auf sich hat, muss an dieser Stelle unergründet bleiben, da ich lediglich an der Abschlussdiskussion teilgenommen habe, die in ihrer Planlosigkeit nach dem ganzen planvoll-durchdachten Historiker- und Soziologenkram der letzten Tage zwar in klassischer Weise „erfrischend“ war, aber letztlich doch in erster Linie bloss zeigte, dass niemand so wirklich wusste, was für ein Fazit aus dieser Konferenz nun zu ziehen sein sollte (das stolze Schlusswort des Veranstalters – Bundeszentrale für politische Bildung – lautete dann, wenn auch nicht wortwörtlich: Am Ende stehen Fragen, keine Antworten. Und das ist gut so.) und dass es nicht immer Erkenntnisse abwirft, wenn man Künstler nach ihrer Kunst fragt.

Aber der Reihe nach. Schon bei der Auswahl der Teilnehmer der Abschlussveranstaltung ist kaum ein Konzept zu entdecken. Zum Thema „Des Künstlers Blick – ein Beitrag zur Staatsbürgerkunde?“ (natürlich auf englisch im Original, denn man ist ja international: The Artist’s Perception -  a Contribution to Citizenship Education – man sieht, schlechte Übersetzungen gehen in beide Richtungen) sollten Romouald Karmakar, Christoph Mayer chm., Thomas Medicus und Sandra Nuy diskutieren – und in der Tat kam in Ansätzen auch irgendwann eine Diskussion zustande, nur ist es nicht leicht, zu rekonstruieren, worüber eigentlich. Man fing jedenfalls recht einfallslos mit zusammenhanglosen Fragen an die einzelnen Teilnehmer, abwechselnd gestellt von Thomas Krüger (bpb) und Claus Christian Malzahn (spiegel online), an. Da stellte sich hauptsächlich heraus, dass Thomas Medicus ein Buch geschrieben hat, das vor einigen Jahren gelobt wurde, aber heute nicht mehr besonders interessant wirkt, dass Sandra Nuy Walter Benjamin und George Tabori zitieren, sowie die Handlung von Dani Levys Hitler-Film aus dem Stehgreif schildern kann, dass Christoph Mayer chm. ein Künstler ist, der Kunst in erster Linie als Kunst begriffen sehen will und dass Romouald Karmakar also als nächstes einen Film über das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101 macht. Nichts davon ist erstmal besonders interessant, doch im Gespräch zwischen Claus Christian Malzahn und Christoph Mayer chm. deutet sich an, dass es hier doch Diskussionspotential geben könnte – wobei das die Frage noch nicht beantwortet, ob das gut oder schlecht ist: Die beispielsweise am Beispiel von Guido Knopps „Geschichtspornographie“ als fraglos bedenklich aufgefasste Strategie, Täter und Opfer gleichermaßen zu Wort kommen zu lassen, wird bei Mayer zentrales Anliegen. In seinem Kunstprojekt „Audioweg Gusen“ (http://audioweg.gusen.org/) sollen alle Stimmen, die Gegenwart und Vergangenheit dieses seltsamen Ortes Gusen (wo Wohnhäuser auf dem Gelände eines ehemaligen KZ stehen und auch bewohnt sind) ausmachen, gleichberechtigt nebeneinander stehen, denn sie seien gleichberechtigt, machten sie doch in ihrer Summe die Vielstimmigkeit des Ortes aus. Auf die Frage Malzahns, ob aber denn den Stimmen der Opfer nicht das größere Gewicht gebühre, antwortet Mayer mit einem zunächst entwaffnenden: Warum? Den Opfern würde zwar das größere Gewicht gegeben, in Spielbergs Shoa-Archiv gäbe es beispielsweise mehrere Zehntausend Opfer-Stimmen, aber keine einzige von Soldaten (Mayer spricht in der Tat von Soldaten, nicht von Tätern). Damit würde zwar den Opfer mehr Gewicht gegeben, aber sei das auch richtig?

Mayer beharrt als Künstler auf der Interpretierbarkeit der Kunst, des Kunstwerkes, was als Künstlerposition natürlich zunächst unangreifbar ist, in der Diskussion über die Funktion von Kunst aber mangelnde Reflexion offenbart: Denn die Stimmen der Täter brauchen weniger Repräsentanten, weniger Repräsentation als die der Opfer. Selbst die Stimmen der Opfer, die wir noch hörbar machen können/konnten, stehen ja für eine Mehrzahl stimmlos gewordener Getöteter: Anders als die Welt der Täter, die fortbesteht, ist das jüdische Leben Ost-Europas eine untergegangen Welt, von der die Überlebenden nur noch in der Vergangenheitsform berichten können. Diese Welt existiert nicht mehr. Die Stimmen, die Mayer hörbar macht, sprechen also aus und von unterschiedlichen Welten – wäre dies nicht so, wäre auch Mayers Faszination vermutlich geringer, sein Antrieb dieses Projekt zu unternehmen, weniger entschlossen. Dennoch ist das Beharren der Künstler auf der Freiheit des künstlerischen Umgangs mit der Vergangenheit ein Anliegen, das Mayer beispielsweise mit Karmakar teilt, der sein 101-Projekt auch erstmal „machen“ will, bevor er beantworten will, warum. Das steht im Einklang mit der Kritik, die er an der Erinnerungskultur und –pädagogik äußert, in der er zu viel vorgefertigte Interpretationen entdeckt. Er hätte sich beispielsweise für das eigene Abitur im Unterricht mehr Originalmaterial und weniger vom Lehrer aufbereitetes gewünscht. Die Gedenkkultur in Deutschland ist nach Karmakar in schlechtem, weil standardisiertem Zustand, selbst jene, denen das Gedenken gewidmet sein soll, wendeten sich, wie jüngst im Bundestag geschehen, ab. Die Pointe ist fraglos gelungen, doch die Skepsis gegenüber der Analyse bleibt: Es ist doch sehr fraglich, ob das Originalmaterial tatsächlich so viel besser geeignet wäre,  das Geschehene verständlich zu machen. Andererseits ist vielleicht genau das das falsche Ziel? So empörte sich Medicus über den „Zwang der Vorstellbarkeit“, der Vergegenwärtigung, der sich etwa dort zeige, wo man versuche, die Erfahrung Theresienstadt durch Nachbau erlebbar zu machen. So naheliegend der Gedanke, so fraglich, was daraus folgen soll: Wenn die Tagung eins gezeigt hat im Laufe ihrer drei Tage, dann, dass man trefflich darüber streiten kann, was wie erklärbar und damit auch vorstellbar ist, aber auch, dass vieles, was sich hinter „Unvorstellbarem“ verbirgt, nur allzu nah und vergegenwärtigbar ist. Das gilt in erster Linie für die Täter und ihre Taten, ihre Alltäglichkeit und ihr Fortwirken, und kaum jemals für die Opfer und ihre vernichtete Welt. Aber gerade deswegen ist der unter dem „Zwang der Vorstellbarkeit“ stehende Weg der Vergangenheit in die Zukunft vielleicht der bessere Weg.

Täterforschung im globalen Kontext, zweiter Tag

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Januar 29, 2009 von idiotery

Täterforschung ist eine seltsame Beschäftigung, wie auch eine Anmerkung am Ende des ersten Panels des zweiten Tages der Konferenz denn dahin geht, dass doch zu fragen sei, ob es in einigen Jahren einen Forschungsbereich geben müsse, der darauf schaut, was diese Art von Forschung mit den Forschern mache. Anlass war das Bild einer Massenerschießung, das Harald Welzer zu Beginn seines Vortrages über „Referenzrahmen“ in der Täterforschung minutenlang an die Wand warf. Welzer rechtfertigt dies mit den Worten, man müsse die Bilder zeigen, da man sonst nicht verstehen könne, was die Täter sahen, aber die Frage ist natürlich, ob sich das überhaupt jemals „sehen“ lässt – die Faszination des Grauens spielt bei der Holocaust- oder Völkermord-Forschung vermutlich insgesamt durchaus eine Rolle. Nun muss nicht des einen „Doom“-Session des anderen Völkermordforschung sein, aber das Abstumpfen gegenüber, das Technisieren von Gewalttaten, deren Zerlegung in Einzelhandlungen, rationalisierbare gar, ist notwendiger Bestandteil solcher Arbeit. Das Bewusstsein von dem Leid, das hier hervorgerufen wurde, mag ursprüngliche Antriebsfeder sein, aber es muss sogar in den Hintergrund treten, will man die eigentliche Arbeit überhaupt leisten. Man beansprucht, die Bilder und ihre Wirkung erklären zu können, das heißt aber auch, erklären zu können, wie es zu den realen Situationen kam, die auf den Bildern nur wiedergegeben werden und unsere Reaktion darauf, sowohl auf die abgebildeten Tatsachen, wie auch die Abbildung als solche. Das ist viel – und es ist vermutlich gar kein Zufall, dass der zweite Tag der Tagung sehr im Zeichen der Frage stand, was uns die Bilder vom Grauen und von den Täter sagen oder auch nicht sagen, wie (und ob) sie eingesetzt werden (können).

Solche Fragen zogen sich nicht nur durch Welzers Vortrag, der darauf insistiert, dass das einzige, was an Massenverbrechen wie dem Holocaust unerklärlich oder unvorstellbar sei, das Ergebnis sei. Jeder einzelne Schritt dorthin sei erklärbar, gerade auch in seiner schrittweisen Alltäglichkeit: Die „großen moralischen Bauchschmerzen“, die angesichts des Ergebnisses ja eher in sprachloser Verständnislosigkeit bestehen mögen, hätten sich bei den Beteiligten kaum eingestellt, da es die schrittweise Überwindung kleiner moralischer Bedenken gewesen sei, die den eigentlichen Zivilisationsbruch ermöglicht habe: Was 1941 geschehen konnte, war 1933 unvorstellbar, jedenfalls ist das die Prämisse, die zurückführt zu der von Overy bereits gestellten, aber vielleicht anders beantworteten Frage, ob denn jeder von uns potentiell zum Täter werden kann. Welzer geht davon aus, dass die Möglichkeit, zum Täter werden zu können, nicht zuletzt davon abhängt, ob die Kapazitäten vorhanden sind, zu erkennen, dass der eigene Referenzrahmen durch äußere Einwirkung/Entwicklung verschoben, ob Handlungen, die zuvor unvorstellbar erschienen, irgendwann als legitim anerkannt werden.

Die Frage ist halt, wie solche Referenzrahmenverschiebungen vor sich gehen, wer da an was schiebt. Wie Michael Wildt die „Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung“ beschreibt (seinen Vortrag hätte auch jeder andere auf der Grundlage von Wildts Buch halten können, wobei unangenehm auffiel, dass Wildt auf Englisch sprach: Angesichts von Simultandolmetschern war das nicht notwendig und sein Englisch, obwohl gut, ist einfach nicht so gut wie sein Deutsch), wirkt der Akt der Tat konstituierend für das Kollektiv und erst durch die Zustimmung durch protestloses Zuschauen zu dieser Tat dieses Kollektivs – was in letzter Konsequenz zu einem Tätervolk führt, dessen Beitrag zum Gesamtergebnis nur noch durch Abstufungen zu unterscheiden ist, aber die Möglichkeit, „unbeteiligt“ oder „unschuldig“ zu sein, fällt endgültig weg.  Ein ähnliche Frage – was noch Beteiligung oder schon (eigene) Tat ist – stellt Wendy Lower im Hinblick auf die „Kollaboration“ in Ost-Europa: Wie notwendig war die Anwesenheit der Deutschen/Nazis für den Holocaust etwa in der Ukraine oder in Litauen? Nicht nur, aber besonders dort wurde das soziale Phänomen Holocaust im Wege der Arbeitsteilung erledigt, und die einheimische Bevölkerung übte bei der Vernichtung „ihrer“ Juden vielfältigste Rollen aus, die vom Koch (der den Erschießungskommandos die Stärkung in der Pause zwischen Massenerschießungen zubereitete) bis zu den Totengräber und Sammlern, die zwischen den Erschossenen nach Wertgegenständen zur weiteren Verwendung suchten, reichte – und vieles dazwischen (dass die Brutalität der Einheimischen die der Deutschen bisweilen übertraf, ist gut dokumentiert).

Solche Rollen sind zum Teil selbst gewählt, selbst zugeschrieben, sie dokumentieren auch in der Rückschau eine Distanzierung vom Geschehen, die in der Bezeichnung der Opfer als „unsere Juden“ durch einige der einheimischen Täter, in deutlicher Spannung zur andererseits kaum bestreitbaren Nähe steht. Aber Widersprüchlichkeit ist ja kein seltenes Phänomen, was die Zusammenhänge und Ereignisse des Holocaust betrifft. Wie Elizabeth Harvey zeigt, ist es gerade die Rolle der Frauen, die hier Sterotypen in Frage stellt. Wie sehr, sieht man ja auch an der Diskussion um „Der Vorleser“, der nicht zuletzt deswegen auf Ablehnung stößt, da er sich des Themas annimmt, dass eben nicht alle Täter hässlich und auf den ersten Blick abscheulich waren.

 

Die Bilder, die wir uns, die uns gemacht werden, von Tätern, werden heutzutage – jedenfalls in Deutschland – nicht unwesentlich von Guido Knopps Geschichtsmaschine bestimmt, von Wulf Kansteiner in einem durchaus unterhaltsamen, aber nicht bis in die letzte Konsequenz überzeugenden Vortrag als „Geschichtspornographie“ bezeichnet. Kansteiner hat die Repräsentation des Holocaust und der Täter des Holocaust im deutschen Fernsehen von den 1960ern bis in die 1980er auf der Grundlage (nur) des ZDF-Programms untersucht und sich dabei (wohl nicht unwichtig) alleine auf eigenständige Sendungen beschränkt (d.h. Magazin- oder Nachrichtenbeiträge fanden keine Berücksichtigung). Das schränkt die Verallgemeinerungsfähigkeit seiner Ergebnisse/Thesen natürlich bereits nicht unwesentlich ein, aber auch in diesem Rahmen scheint die These, dass es Bilderverbot im Hinblick auf die Täter gegeben habe, das der Distanzierung der – in der Gesellschaft ja fraglos vorhandenen – Täter (und damit der Gesellschaft) von den Taten gedient habe und habe dienen sollen, zumindest fragwürdig, wenn, wie Kansteiner auch einräumt, ja durchaus andere Gründe auch nicht unwesentlich gewesen sein können. Dass andererseits gerade der „Durchbrecher“ des konstatierten Bilderverbots, Guido Knopp, Täter und Opfer gleichermaßen als tragische Mitspieler eines tragischen Geschehens inszeniert, dürfte als These weniger Widerspruch hervorrufen, wobei sich Kansteiner von Welzer direkt sagen lassen musste, dass schon in dem ausgewählten Bildmaterial auch Kansteiner vielleicht nicht genau genug hingeschaut habe, da er als Beispiel für den als tragischen Teilhaber inszenierten Täter jemanden ausgesucht habe, der tatsächlich im positiven Sinne aktiv geworden sei. Die Frage, die Kansteiner zurückgab, ist allerdings, ob es darauf ankommt, denn der „normale“ Zuschauer erfährt solcherlei Differenzierung von Knopp schließlich auch nicht.

Der Vorleser – bald im Kino

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Januar 27, 2009 von idiotery

Das lustige Spiel (siehe weiter unten irgendwo) kann also weitergehen. Anläßlich des Films klettern Leute aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit und schreiben Sätze wie „Nur, weil in dem Roman einmal das Wort „Verbrecher(in)“ vorkommt, aendert das noch lange nichts daran, dass die Gesamtheit der Erzaehlung ziemlich viel Verstaendnis fuer eben jene erzeugt.“ Was, wie wohl auch Richard Overy, Universitätsprofessor für Geschichte in Exeter, erkannt hat, den Kern der Sache nicht treffen dürfte. Overy erwähnte in seiner Keynote bei der Konferenz „Perpetrator Research in a Global Context“ die in der Tat recht kraftvolle Szene aus der aktuellen Verfilmung von Schlinks Roman, in der im Prozess die KZ-Aufseherin Hanna erklären muss, wie sie bei der Selektion an der Rampe vorging – und ob sie denn wisse, was ihre Handlungen dort für eine Bedeutung gehabt haben. Und – hilflos – antwortet sie, dass es doch hätte sein müssen, fragt den Richter, was er denn getan hätte. Dem Richter bleibt die Antwort erspart und es ist an Overy daran zu erinnern, dass die naheliegende Antwort, auf die wir uns heute zurückziehen („ich wäre gar nicht in die Situation gekommen“) kein tauglicher Ausgangspunkt für Täterforschung ist. Denn es ist eben doch sehr die Frage, ob bzw. bis wann die Dynamik der Situation potentiellen Täter/innen diesen Ausweg offenlässt. Es ist beeindruckend, diese Analyse Overys in Bezug zu dieser Szene in „Der Vorleser“ zu setzen – denn es vergehen nur einige kurze Sekunden, in denen der Richter etwas unsicher auf seinem Stuhl sitzt, das Publikum sich aufrichtet, die Anwort, die Reaktion erwartend… Und dann Zeuge wird, wie die Täterin den Richter aus der Verantwortung entlässt, in dem sie selbst fragt, ob sie denn vielleicht niemals zu Siemens hätte gehen sollen (von wo aus sie sich dann zur KZ-Aufseherin verbesserte).

 

Der Film hat Qualitäten, die das Buch nicht oder anders hat, und er hat Nachteile, die das Buch nicht hat, insbesondere in der englischen Fassung (deutsche Akzente nämlich, die aus englisch immer noch kein deutsch machen). Aber die entscheidende Diskussion, darüber ob hier Verständnis für Täter/innen verbreitet wird, kann an Buch und Film gleichermaßen geführt werden und allem Eindruck nach besteht die realistische Chance, dass sie von links aus mit der gleichen Einfältigkeit geführt werden wird, wie in der ersten Runde. Sätze wie „ Nur, weil in dem Roman einmal das Wort „Verbrecher(in)“ vorkommt, aendert das noch lange nichts daran, dass die Gesamtheit der Erzaehlung ziemlich viel Verstaendnis fuer eben jene erzeugt.“ kann auch derjenige, der ihn verbrochen hat, nicht ernstmeinen – zu offensichtlich kann es nicht von der Anzahl der Verwendung des Wortes abhängen, zumal diese auch noch falsch angegeben ist. Aber das „Schwelgen im deutschen Opfermythos“, das Schlink von solcher Stelle völlig kontrafaktisch – auch noch mit der literaturwissenschaftlich abgesegneten Freiheit, das Buch vom Autor lösen zu dürfen, allerdings eben auch Buch vom eigentlichen Inhalt lösend – vorgeworfen wird, kann auch den Film treffen, dessen nicht-deutsche Herkunft es der übelmeinenden Fraktion zwar schwerer machen wird, den Film in das eigene Konstrukt deutscher Nachkriegsidentitätsstiftung einzubauen, aber vermutlich wird das nicht das entscheidende Hindernis sein. Vielleicht auch passiert’s und man findet den Film plötzlich passend, das Buch dagegen immer noch pornographisch und ein Verständnis für die Täter erzwingend. Das Bestreben, sich selbst aus der Verantwortung zu stehlen, und sei es, in dem man die eigene Position innerhalb der deutschen Geschichte aus dieser versucht herauszulösen, rechtfertigt ja bekanntlich so einiges.

Täterforschung im globalen Kontext, erster Tag

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Januar 27, 2009 von idiotery

Es ist natürlich die Steilvorlage für die Lobeshymne auf das erfolgreiche Projekt der deutschen Vergangenheitsbearbeitung, am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz in der alten Reichshauptstadt Berlin eine internationale Konferenz zum Thema „Täterforschung im globalen Kontext“ abzuhalten. Innenminister Wolfgang Schäuble ließ sich in seiner Eröffnungsadresse folglich auch nicht lange bitten und hielt es für ein gutes Zeichen, eine solche Konferenz an einem solchen Tage zu starten, zeige es doch, dass man bei der notwendigen Erweiterung der Forschung auf die Täter die Opfer nicht vergesse. „Die Opfer mahnen uns, uns mit den Tätern zu befassen, doch darf dies die Opfer nicht in den Hintergrund drängen.“ So richtig dies ist, so problematisch mutet Schäubles Bogenschlag an, den er in seiner Rede vornahm, von den Opfern zum Widerstand gegen die Nazis und bis hin zum Widerstand gegen die DDR-Diktatur und deren Ende im November 1989, ein Jubiläum, das, wie Schäuble nicht vergaß, zu betonen, wir in diesem Jahr auch begehen werden. Daß ausgerechnet Schäuble wiederholt von der „offenen Gesellschaft“ Poppers und der freiheitlich verfassten demokratischen Ordnung der deutschen Gesellschaft (da wünscht man sich die FDGO doch zurück) spricht, ist natürlich nicht ohne Ironie. Daß er betont, dass reiner Verfassungspatriotismus alleine nicht ausreiche, die Gesellschaft gegen die Gefahren extremer Ideologien zu immunisieren, ist dagegen folgerichtig: Auf einer Veranstaltung zur Täterforschung redet er einem Wohlfühlpatriotismus als Kuschelgesellschaft aus Familie, freiheitlichem Miteinander und erfolgreicher Vergangenheitsbearbeitung das Wort, in dem Deutschland sich aus den Werten des Kreisauer Kreises speist, Sozialarbeiter gegen Nazis einsetzt und die Gefahr in extremen Ideologien gleich welcher Couleur allein besteht. Das ist so wenig überraschend, wie es letztlich bedauerlich ist, dass das umstrittene Paar FDGO/Verfassungspatriotismus zu Gunsten eines Wohlfühlpatriotismus überwunden werden kann und das deutsche Modell zum Erfolgsmodell der Bewahrung des Patriotismus als positiver Bezugsgröße selbst nach dem Zivilisationsbruch par excellence erhalten bleiben kann. Die Keynote von Richard Overy tut bei diesem Eröffnungsabend der von der Bundeszentrale für politischen Bildung veranstalteten Konferenz wenig, diesem entgegenzuwirken. Wie überhaupt die vergleichende Geschichtswissenschaft auf dem Grad zwischen Gleichmachen durch Vergleichen und Unterscheiden durch Vergleichen ihre Position noch kaum gefunden hat, nutzt Overy die Möglichkeit, sowohl Goldhagens Erklärungsansatz von dem „deutschen“ Wesen des Holocaust abzulehnen, als auch die Befürchtung, „wir“ alle hätten die Fähigkeit, Nazi zu sein in uns. Overy führt in die Täterforschung mit der richtigen Beobachtung, dass der Begriff des „perpetrators“ schrittweise an die Stelle des Begriffs „war criminal“ getreten sei, da viele der Taten mit dieser Stigmatisierung nur unzureichend erfassbar gewesen seien, insbesondere aber der Rolle der von Christopher Browning sogenannten „ordinary men“ nicht gerecht wurden. Der Schritt , zum Täter zu werden, sei kein Sprung auf der Karriereleiter (gewesen), eine These, die man in der Tat nicht ohne weiteres mit dem Schritt, zum Kriegsverbrecher zu werden, vergleichen kann – steht doch fest, dass es mindestens in der Sicht der 1940er Jahre, aber auch wohl heute noch, auf Siegerseite keine Kriegsverbrecher gibt. Das Modell der „negotiation“, das Overy anführt um die Täter-Werdung zu erklären, das Modell eines Dialoges zwischen inneren und äußeren Faktoren, um die eigenen Entscheidungen zu rationalisieren und zu rechtfertigen, gibt eine hübsche Blaupause ab, aber sie benennt die Faktoren nicht, die diesen Prozess begünstigen. Insofern bleibt Overy hinter den Thesen Jonathan Glovers (in dessen „Humanity – A Moral History of the 20th Century“) jedenfalls in diesem Vortrag weit zurück. Und tut dies mit dem – wie er selbst einräumt – provokanten Hinweis, das ja auch die von den Alliierten durchgeführten Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg Formen der „perpetration“, der Täter-Werdung seien. Overy betont zwar, dass das natürlich alles nicht deswegen alles irgendwie gleich oder ähnlich sei und auch, dass die Alliierten sicherlich niemals dazu gekommen wären, die gleiche Anzahl von Zivilisten, die bei den Luftangriffen getötet wurden, in Folge von Häuserkämpfen und Besetzung der Städte zu töten, aber die Bereitschaft zum Vergleichen, die mit der Notwendigkeit der Betonung der Unterschiede einhergeht, führt dann allem Eindruck nach doch (zu) schnell in die Beliebigkeit.