Archiv für Juli, 2008

Dance Dance Dance

Veröffentlicht in ьгышл am Juli 23, 2008 von idiotery

 

I don’t “do” modern dance. That’s more appropriate than saying I don’t “get” modern dance, because art is supposed to appeal to you (or not), speak to you (or not), you don’t need to “get” it. So, by saying I don’t “do” modern dance I am trying to say that I don’t normally go and don’t normally have much of an opinion on it, consequently. However, I recently went. And except for the fact that it went on too long (same thing happens at most gigs I go to), I quite enjoyed it.

Three different pieces, the third of which only made me sure I was watching art, walking the fine line between chaos, contortion and choreography (it’s a better alliteration than it is a good description), and sometimes crossing that very line in all directions. Was the German premiere, though. And now for the other two.

First up was a piece called “Constant Speed”, set to what I thought was cinematic soundtracks from Hollywood’s Golden Age, but actually turned out to be music by Franz Lehar, classical composer of mainly operettas. It was just as fitting. Alternating between playful and athletic, ballet and sports, serious and almost comedian/slapstick-moves, the dancers formed an ever-changing sea of colours. Their moves were quite distinctively not always in synch, which, given that this was a rather high class performance by the renowned Rambert Dance Company, was rather odd. It got better as the piece progressed and didn’t detract from the overall pleasantness of the performance, but odd nevertheless.

The second piece was Swansong, apparently a classic of modern dance, first performed in 1987. Which was the piece’s strength and the piece’s problem. Whereas the other two pieces had scores of dancers appearing and constantly disappearing, this one featured only three (male) dancers, or, rather, performers. And they told the story of one man’s fight with the powers that be, represented by two men in army uniform. Held in interrogation, he is forced to confess but fights back at first, clinging to his chair that becomes his refuge and weapon, a weapon that ultimately he will die by. The two guards dance their threats in dialogue and synch. They reduce their victim to a man who wants to hold on to the clown nose they forced on him and experiences its loss as if a shield is taken away. Set to Eighties music and sometimes performed without music, the piece aims to be a statement on political prisoners. While probably more or less unchanged since the Eighties, right from the opening Guantanamo comes to mind. Again – the piece’s strength and its problem.

At the core, it is as dated as it actually is. It has nothing to say about the boundaries crossed since its original performance and while Guantanamo might be the reason why it is being performed again, it visually remains in the black and white world of torturer and victim. As a statement in the current days of blurred boundaries, this is something of a cliché. It is a powerful cliché and it might be that this is the piece’s strength. In the olden days, it might have been easier to just take it at face value and nod emphatically, “yes, bad, bad”, but these days it might spark dialogue, exactly because it feels lost in time.

Wie wurde, was wir sind?

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Juli 13, 2008 von idiotery

Was macht eigentlich HvN heute? Und fragt sich HCS manchmal, was das eigentlich war, damals, bei den 129a-Demos? Ist er auch bei der großen ZL-Demo in Bonn gewesen? Ich weiß noch, wir waren zusammen auf der 129a-Demo mit Einkesselung und Trara. Aber man ging irgendwie eher alleine, damals und vielleicht auch auf der ZL-Demo. Fragt sich Markus B. manchmal, wie er dazu kommen konnte, Loblieder auf das Leben des albanischen Volkes unter Enver H. zu singen? Und wir, die wir damals die Aktionen gegen den Ersten (Zweiten) Golfkrieg organisierten, haben wir uns im Zuge des Zweiten (Dritten) gefragt, ob die damalige Position wirklich die „Richtige“ war?

 

Es existierte schon damals kaum Dialog, jedenfalls keiner, der nachhaltig Eindruck hinterlassen hätte. HvN brachte den Spruch von den Polizisten, die ja keine Menschen seien. D. sprach davon, dass der Rechtsstaat sich dadurch auszeichne, dass er auch seinen Feinden das gleiche Recht angedeihen ließe. A. war irgendwie politisch und dann aktiv und dann nicht mehr. Viel war eher Haltung, denn reflektierte, begründbare Meinung. Auf der Demo anlässlich des Todes von Wolfgang Grams ging ich, mitgehend, in die „innere Emigration“ wenn die Freilassung von Christian Klar gefordert wurde, auf den Demos gegen den Golfkrieg – die Verwirrung bei der Zählung rührt daher, dass man darüber streiten kann, ob der Erste Golfkrieg der zwischen Iran und Irak war (so die heutige Zählung mancher), oder ob erst die Invasion Kuwaits den Ersten auslöste (und man im Übrigen auch fragen kann, ob, wenn letzteres der Fall ist, der „zweite“ Golfkrieg nicht vielmehr die Fortsetzung des „ersten“ ist und man dann nicht besser von überhaupt nur einem Golfkrieg sprechen sollte) – irritierten mich Parolen wie „Internationale Völkermordzentrale – U! S! A!“ nicht wenig, aber mehr noch amüsierte mich das Arbeitereinheitsfrontlied, gesungen völlig jenseits eines passenden Zusammenhangs und mutmaßlich ohne einen Arbeiter in Sichtweite. Was haben wir damals eigentlich gedacht? Wir haben nichts gemacht, was heute in besonders erheblicher Weise der Rechtfertigung bedürfte, mutwillige Oberflächenversiegelung eingeschlossen, aber was haben wir gedacht? Dass der Irak-Krieg nach der Invasion Kuwaits wirklich nur dem Öl diente? Was haben wir gedacht, als die Raketen auf Tel Aviv fielen? Haben wir gedacht, dass Wolfgang Grams unsere Solidarität verdient hatte? Warum? Wir haben den Stammheim-Mythos wahrgenommen, wir haben aber auch die Entführung der Landshut erlebt. Wir haben „Zusammenlegung“ gefordert, damit die politische Diskussion unter politischen Häftlingen fortgeführt werden sollte, obwohl sie eigentlich alle „raus mussten“. Doch haben wir auch gefragt, was denn eigentlich diskutiert werden sollte?

 

Wenn man den Golfkrieg nimmt, gegen den wir protestierten, den wir auf „Kein Blut für Öl“ herunterbrachen, haben wir das geglaubt? Und wie haben wir Saddam Hussein und sein Regime gesehen? Haben wir es überhaupt gesehen? Haben die, die „Internationale Völkermordzentrale – U! S! A!“ skandierten, Vietnam, Chile oder was auch immer zum Trotz, sich irgendwelche Gedanken über: das Leben der Menschen im Irak, insbesondere der Kurden, den Iran-Irak-Krieg, das Leben der Kuwaitis und (oder) die Situation für Israel gemacht? Oder haben wir einfach unsere so deutsche Haltung nach der Krieg die Wurzel allen Übels ist (was vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte auch äußerst verkürzt gedacht war) eingenommen und deswegen verlangt, Krieg dürfe nicht mit Krieg beantwortet werden? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr. Ich weiß, wie wir organisiert haben und teils schlechte, teils gute Lieder gesungen haben, Flugblätter verteilt haben und ich weiß auch, dass wir geredet haben. Aber eigentlich waren wir wohl eher einer Meinung, die ich im Detail kaum noch erinnere.

 

Hier steht noch ein Buch rum, das sich im Zusammenhang mit diesem Krieg auch der Frage widmet, ob es so was wie einen „linken Antisemitismus“ überhaupt gibt (Antwort: Nein, aber) und schildert, wie der Antisemitismusvorwurf und die Verlegung des Krieges „im Bewusstsein des ‚freien Westens’ nach Israel“ das Ende der Friedensbewegung bedeutet habe. Dass wir jedoch die Bedrohung Israels tatsächlich als entscheidend wahrgenommen hätten, erinnere ich nicht, während die Autoren des gerade zitierten Textes (Klaus Schönberger und Claus Koestler) offensichtlich auch nicht wirklich wahrnehmen wollten, dass die Bedrohung real (und mangels Kriegsbeteiligung Israels nicht gerade Zeichen von Saddam Husseins militärischer Berechenbarkeit), wenn auch kaum „exterministisch“ war. Man muss nur noch heute mal mit Israelis darüber sprechen, um zu sehen, dass diese Haltung jedenfalls problematisch ist.

 

Wenn man die RAF nimmt – und da bin ich gerade nur allzu offensichtlich von der Lektüre von Carolin Emckes „Stumme Gewalt“ beeindruckt – für die wir irgendwie irgendwo Position bezogen, nicht notwendig als Unterstützer, aber doch so, dass der Tod von Grams ein Skandal, der von Newrzella realisiertes Berufsrisiko war, was haben wir dort gesehen? Bis heute kann man sagen, dass manche darin jedenfalls die Utopie einer „gerechteren“ Gesellschaft gesehen haben, doch gerade deswegen müssen wir uns fragen, ob das gerechtfertigt war. Wie Carolin Emcke durchaus bedenkenswerterweise schreibt, wurde bisweilen die radikale Hingabe der RAF als moralische Haltung missverstanden und womöglich ist es uns nicht anders ergangen. Man muss gar nichts wirklich Bedauernswertes oder Falsches getan haben, um sich zu fragen, warum man früher so gehandelt hat, wie man es tat. Und ob man heute wieder so handeln würde.

 

Gewiss, man kann auch einfach an der eigenen Jugendlichkeit festhalten und in der Opposition zu Prada Meinhof, Peter Jürgen Boock und professioneller Historisierung das Rebellische behaupten. Aber die Widersprüche sind doch letztlich spannender: Rechtfertigungen, die ungeeignet sind, die damit gerechtfertigten Handlungen zu tragen, Aktionen, die trotz ihrer Selbstreferenzialität („müssen raus!“) in den größeren Zusammenhang ferner Befreiungskämpfe gestellt wurden, deren Gegner weder wir noch die Handelnden kannten. Projektionsflächen – brachten wir auf ihnen mehr unter als den Willen zur Opposition? Hatte die Haltung Hintergrund? Kann man heute, jemandem, der nicht dabei war, erklären, warum man sich seinerzeit mit guten Gründen so entschied?

Headless Hitler hurts noone

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Juli 7, 2008 von idiotery

 

Der Kopf ist ab. Und das Geschrei ist gross. In Deutschlands Internet-Foren wird diskutiert, was das Zeug hält. Wer weiß, vielleicht wird auch in Geschichtsleistungskursen oder im Deutschkurs diskutiert. Denn es geht um das deutsche Trauma, es geht um Hitler. Man darf beides nicht miteinander verwechseln, das zeigt schon die Art und Weise, wie diese Diskussion plötzlich losbrach. Da stürzte sich jemand mit den Worten „Nie wieder Krieg!” auf eine Wachsfigur von Hitler, riss ihr den Kopf ab – und das Medienereignis war da. Darf man den überhaupt ausstellen, so als Wachsfigur, den Hitler? Ist das nicht den Opfern des „Hitlerterrors” gegenüber respektlos? Und wird damit nicht die Gefahr eines Wallfahrtsorts für die Braune Jugend geschaffen? Hitler, in „Untergang-esker Menschlichkeits-Pose“ zwischen Brangelina und Günther Jauch – die ultimative Banalisierung des Bösen? Hitlers Quasi-Denkmal, ein Objekt der Belustigung? Alles schöne Fragen, die vor allem eins zeigen: Wenn man will, kann man auch ein Wachsfigurenkabinett als Ort der Bildung ernst nehmen. Das ist natürlich irgendwie schön, aber dann doch auch wieder nicht.

Für sich genommen ist es nicht mal falsch, auch an ein Wachsfigurenkabinett hohe inhaltliche Ansprüche zu stellen. Andererseits hat, wer die inhaltliche Auseinandersetzung mit Wachsfiguren sucht, schon verloren. Oder gewonnen, wenn es nur darum geht, den Stein des Anstoßes zu benennen – aber warum ist die Figur des Gröfaz denn überhaupt ein solcher? Eine Auflistung „bedeutender“ Deutscher (immerhin, eingebürgert haben wir ihn und die posthume Ausbürgerung will nicht gelingen) wäre ohne Hitler kaum vollständig, ob eine Ausstellung, deren Ziel es ist, Besucher dazu zu bekommen, sich reglose Wachsfiguren anzusehen, eine Hitler-Figur ausstellen sollte, ist sicherlich eine Frage, die mit „Nein“ beantworten kann. Aber wenn die Gründe für das „Nein“ „gut“ sein sollen, dann wird es schwierig: Madame Tussaud‘s in Berlin als möglicher Wallfahrtsort von Neo-Nazis? Ja, wie schön wäre das denn? Tägliche Aufmärsche von springerbestiefelten NeuNazis, nadelbestreifen ImmerwiederNazis oder hosenbeträgerten AltNazis wären, wenn denn dann tatsächlich mit ihnen zu rechnen sein sollte, immerhin ein schöner Kulminationspunkt und endlich mal Anlass für das Beschwören Weimarer Zeiten. Indes, die Gefahr erscheint gering. Ganz so sehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt, dass sie sich ein Wachsfigürchen als Treffpunkt aussuchen müssten, sind unsere Nazis wohl nicht. Und es dürfte der Mystifizierung Hitlers ja eher noch dienen, wollte man seine Ausstellung als Wachsfigur (natürlich mit Kontext! Kontext macht auch im Wachsfigurenkabinett nämlich den Unterschied) verbieten, was natürlich die einzige Alternative ist, wenn bei den Ausstellungsmachern die Abwägung zwischen der Attraktivität des vermeintlichen Tabu-Bruchs, den zu erwartenden Besucherzahlen und der Notwendigkeit einer Aufstellung einer Figur des ehemaligen Östereichers nicht gegen eine Aufstellung der berühmtesten Rotzbremse der deutschen Geschichte ausfällt.

Es gibt in Deutschland viele Verbote, nicht jedes hält der Überprüfung seiner Notwendigkeit stand – wobei es wiederum sehr auf den Standpunkt ankommt, welches Verbot es „erwischt“. Trotzdem werden Verbote überdurchschnittlich häufig für taugliche Reaktionen auf unerwünschte Phänomene gehalten – wenn man etwas schon nicht mag, dann muss man es doch wenigstens verbieten können. Was verboten wird, verschwindet allerdings nicht, schon gar nicht alleine des Verbots wegen. Hitler steht für einen auf ewig wesentlichen Teil deutscher Geschichte, eben nicht für „Hitlerterror“, sondern für deutschen Terror, Terror von Deutschen. Dass Deutsche Hitler nicht mögen, mag ja eine schöne Entwicklung sein, aber wir werden ihn nicht los. Und mit den Worten „Nie wieder Krieg“ gegen Hitler zu sein, zeigt vor allem, dass man nicht verstanden hat, dass die Deutschen so sehr für Hitler waren, dass es eines Krieges bedurfte, sie eines besseren zu belehren. Wer Hitler als Wachsfigur nicht aushalten kann, ist entweder durch deutschen Terror – und sei es mittelbar – zum Opfer geworden, durch die Ermordung oder Vertreibung von Familienmitgliedern oder andere eigene Betroffenheit. Oder es fehlt noch an der Akzeptanz der Tatsache, dass für den/die Deutsche/n Hitler und die ganzen anderen Täter, die keineswegs eine verschwindende Minderheit in der deutschen „Volksgemeinschaft“ darstell(t)en, Bestandteil der eigenen Geschichte sind, von der es keine Distanzierung gibt. Im ersteren Fall bedarf es keiner Kritik, nur des Appells an die Toleranz: Was könnte ein Verbot erreichen? Im letzteren Fall kann es heissen: Sich selbst dem Kollektiv entziehen zu wollen, wird nicht gelingen, genausowenig wie es seinerzeit gelang, sich dem Kollektiv der Opfer zu entziehen, wenn die Täter eine/n dazurechneten.

Hitler als Wachsfigur ist eine Wachsfigur. Es gibt keinen „unverkrampften“ Umgang mit Hitler, Wachsfigur oder nicht, aber der Angriff auf eine Wachsfigur ist nichtmal ein Stellvertreterkampf. Es ist lediglich eine leere Geste, die Inhalt haben will, und doch nur die eigene Verständnislosigkeit dokumentiert. Sie sagt: „Ich will nicht dazu gehören“ – aber von der Verantwortung befreit eine/n niemand, schon gar nicht der eigene Wille. Der kann nur helfen, der Verantwortung gerecht zu werden. Und die sagt: Ich gehöre dazu.