Returning to the scene of the crime: Bernhard Schlink

Bernhard Schlink hat mal ein Buch geschrieben, das ich auch in der Rückschau noch für lesenswert halte, sowohl literarisch auch als Beitrag zu einer größeren Debatte über Vergangenheit, Vergangenheitsschuld und Erinnerungskultur. Dann hat er ein paar ganz unterhaltsame Krimis geschrieben und ein bis sieben lesenswerte Artikel zu interessanten Themen (Liebesfluchten kenne ich nicht, seine juristischen Bücher brauchen hier nicht weiter erwähnt zu werden). Und irgendwie hat er sich einen Ruf damit erarbeitet, einen Ruf, dem er nicht zuletzt selbst folgt, dem nämlich, intelligente, lesenswerte Bücher zu komplexen, zeitgeschichtlichen, vergangenheitspolitischen Themen schreiben zu können. Wie konnte es zu diesem Irrtum kommen?x

 

Diese Frage ist nur von Schlink und seinen Fürsprechern zu beantworten. Dass es ein Irrtum ist, lässt sich dagegen schon vom einfachen Leser darstellen. Schlinks jüngstes Buch, „Das Wochenende“ legt, wenn man dem Klappentext Glauben schenken darf, mal wieder den Finger in den „wunden Punkt der deutschen Gegenwart“. Naja, und dann? Dann liegt er da, der Finger. Hat sich verausgabt mit der Konstruktion einer potentiell interessanten Geschichte, die durch das etwas schmerzliche Auftreten erotischer Altherrenphantasien nicht wirklich vorangetrieben wird, die an der selbstgestellten Aufgabe, die Kontinuität von den Nazis zur RAF darzustellen, nicht mal mit Bravour scheitert. Das Thema des frisch aus der Haft begnadigten Terroristen, uneinsichtig, ungebrochen und doch zerstört, ist eigentlich spannend genug, aber Schlink vertraut ihm nicht – braucht: eine Krebserkrankung, den unvermittelt auftauchenden Sohn, den Unterstützerkreis, der den Kampf Al-Qaidas mitkämpfen will, diverse Liebesgeschichten, unerfüllt und unvollendet, nicht zuletzt: die offene Geschichte des Kameraden, der vielleicht am Anschlag auf das World Trade Center vom 11.9. mitwirkte, jedenfalls dort – symbolisch – sein Leben ließ. Das Ganze in etwas über 200 Seiten, da bleibt kein Auge trocken, wird kein Schlag bis zu Ende geführt, ist jede Andeutung unvollendet ausgedacht und behauptet doch von sich, aus der Perspektive des Wissenden ausgeführt zu sein.

 

Der Rechtswissenschaftler Schlink, der auch noch den völlig uninteressanten Kampf um die juristische Unbedenklichkeit einer Erklärung, die der begnadigte Terrorist – vielleicht: gegen seinen Willen – abgeben will oder soll, in seine Geschichte aufnimmt, schreibt aus einer diffusen Position des Besserwissenden und Durchschauenden, mit einer Sympathie für mögliche Beweggründe zur Opposition, aber in klarer, reiner Ablehnung der Entscheidung für „bewaffneten Kampf“. Das ist so wenig bemerkenswert, dass es als Ausgangspunkt für einen zum Denken anregenden Roman auch nicht ausreicht. Als Roman muss sich Schlinks Stellungnahme zum gerade so aktuellen Phänomen „1968“ (das im Hintergrund der Geschichte steht) auch an der Überzeugungskraft der in ihm enthaltenen Charaktere messen lassen, nicht nur der (politischen) Stoßrichtung. Und da fallen Klischees unangenehm auf. Dass Türen bei Schlink „auf“ (statt „offen“) stehen, kann man dagegen noch verschmerzen. Außer Klischees hat Schlink letztlich nichts zu bieten – diese sind (Ausnahmen bestätigen die Regel) meist hübsch formuliert, Schlink versteht sich auf eine klare, präzise Sprache – aber am Thema scheitert er. So wie schon in „Die Heimkehr“, wo er mit dem selbstgewählten Thema auch überfordert war: Rechtsphilosophie, Nazis, Erinnerungskultur – das sind Themen, die einen zurecht umtreiben, deren Verarbeitung in Romanform erhellende, inspirierende Lektüre verspricht, erst recht, wenn sich jemand wie Schlink daran versucht. Aber das Versprechen bleibt uneingelöst. In „Die Heimkehr“ ebenso sehr wie in „Das Wochenende“.

 

 

 

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