The Lost

Manche amerikanischen Bücher strahlen eine gewisse historisch-mystische Qualität aus, eine Aura vergangener Zeiten – aus dem simplen Grunde, dass in den USA die zweifelhafte Sitte noch beheimatet ist, manchmal keinen „wirklichen“ Seitenschnitt vorzunehmen, dass also der Seitenschnitt unregelmäßig ist und die einzelnen Seiten unterschiedlich breit sind. Dies verleiht solchen Büchern, jedenfalls in meinem Eindruck, eine, wenn auch aufgesetzte, historisch-dokumentarische Dimension. Im Falle von Daniel Mendelsohns Buch „The Lost – A Search for Six of Six Million“ ist dies weniger aufgesetzt, vor allem aber angemessen und bestimmt durchaus gewollt.

Es gibt viele Bücher über den Holocaust. Es ist einer der Bereiche der Geschichte, der am intensivsten untersucht wird, mit dem sich Autorinnen und Forscher aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beschäftigen. Auch zum Thema der durch den Holocaust geprägten Familiengeschichte gibt es mehr Bücher als ein Mensch lesen will. Das muss man nicht wissen, um Mendelsohns Buch zu lesen. Denn Mendelsohns Buch ist mehr als nur ein weiteres Buch über den Holocaust. Es ist ein Buch über Erinnerungskultur, über die Entstehung und Bewahrung von Erinnerung, über die Rekonstruktion und Konstruktion der eigenen Identität, ebensosehr wie über den Gegenstand der Erinnerung. Es ist der Versuch, das Leben der Toten zu rekonstruieren, Zeugnis von dem zu geben, das kaum noch Zeugen hat. Es ist von einer brutalen Offenheit, die bisweilen körperliches Unbehagen hervorrufen kann – mir standen an mehr als nur einer Stelle Tränen in den Augen. Denn Mendelsohn geht Umwege, die direkter ins Ziel führen, als der direkte Weg dies könnte. Nicht immer geht er diese Umwege, die er in der Tat auch im Rahmen seiner Recherche gegangen ist, die ihn von New York nach Australien, Skandinavien, Israel und natürlich in die Ukraine geführt hat, in dem Wissen, dass es Umwege sind. Er beschreibt, was er und wir als Leser nicht wissen können mit der gebotenen Vorsicht und damit gleichzeitig einer berechtigten Entschlossenheit, die sich auf Quellen stützen kann, wie etwa in Yad Vashem hinterlegte Erinnerungsprotokolle.

Mendelsohn, Abkömmling einer Familie, die einst in Bolechow lebte, das mal zum Kaiser- und Königreich Österreich-Ungarn, mal zu Polen, mal zur Ukraine, mal zur Sowjetunion und mal zum Dritten Reich gehörte, und jetzt Bolihov heißt und in der Ukraine liegt, beschreibt seine Suche nach den Spuren der Mitglieder seiner Familie, die zurück in Bolechow blieben, als es noch eine funktionierende, multikulturelle Gemeinde war und dort gefangen waren, als die Deutschen einmarschierten. Ein Ehepaar mit vier Töchtern, sechs von sechs Millionen. Mendelsohn geht auf eine Reise durch die Erinnerungen der eigenen Familie, sieht Fotos von vergangenen Zeiten und spricht mit Überlebenden, von denen niemand in seiner Familie wußte, dass sie Erinnerungen an diese sechs Menschen haben. Niemand wußte, dass Erinnerungen an diese sechs Menschen überlebt haben, so dass doch auch durch die Erinnerung an das Lächeln einer jungen Frau, die schon mit 21 sterben musste, ein Stück von ihr überlebt oder immer noch stirbt. Der Bruder des Erzählers wird an einer Stelle zitiert, die das Leben, so wie es in diesem Buch erlebt wird, auf den Punkt bringt: Der Holocaust ist nicht Geschichte, sondern er findet immer noch statt, weil die Kinder und Enkel und Urenkel der sechs Millionen auf ewig fehlen werden. Und deren Enkel. Und deren Urenkel. Die Menschen, die zur Vergangenheit gehören, deren eigentlicher Platz vielleicht gewesen wäre, im Alter von 73 Jahren an so etwas wie Lungenkrebs zu sterben, doch die statt dessen so jung starben, dass niemand weiß, wie sie sich vielleicht mit 15 oder 25, 35 oder 45 verhalten hätten.

Die Suche nach den verfügbaren Erinnerung über sechs dieser Menschen beschreibt Mendelsohn und verbindet sie mit Reflexionen über das Entstehen und Bewahren von Erinnerung, über die Welt, in der diese Erinnerungen ihren Platz haben – die fast ausgelöschte Welt der Juden Osteuropas, ihre Sprache und ihre Bräuche und auch ihr Essen, das zuzubereiten kaum noch jemand übrig ist. So erzählt ihm eine der Überlebenden: „There are very few people from our parts left who know about this food, very few survivors from Galicia. Because them, those from the west, they put in the camps, and so there were more chances of surviving, but us, they finished in the mass graves.“ Dabei ist es beeindruckend zu sehen, wie da eine Geschichte entsteht, die in der Geschichte steht, zur (Zeit-)Geschichte gehört und doch so kaum erzählt wird.

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