Deutschland-Porno für die Erinnerungskultur
Das ZDF hat die “Gustloff” verfilmt. Für sich genommen kein Ereignis, ist man doch in den letzten Jahren hinreichend vorbereitet worden, dass die Erinnerungskultur nach Neu-Ausrichtung verlangt und der Blick auf “die Deutschen” als “Opfer” gerichtet wird. So gesehen ergänzt “Die Gustloff” den Kanon aus “Das Wunder von Bern”, “Der Brand”, “Im Krebsgang” und “Der Untergang” lediglich um eine zusätzliche Dimension. Aber was für eine.
Maja Zehfuss hat in ihrer Analyse literarischer Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs (”The Wounds of Memory”) auch die Erinnerung an den Untergang der “Wilhelm Gustloff” in den größeren Zusammenhang einer durch die Kriegserfahrung geprägten Erinnerungskultur gestellt, in der die Wahrnehmung der Deutschen als Opfer Vorbehalten begegnet, die sich bei genauer Betrachtung allerdings ihrerseits als problematisch erweisen. Dies jedenfalls gilt da, wo die Verweigerung einer Berechtigung an die Erinnerung auch der deutschen Opfer, der auch deutschen Opfer mit dem Argument verweigert wird, die Deutschen als Täter des Zweiten Weltkriegs könnten nicht auch Opfer dieses Krieges geworden sein. Es ist kein Geheimnis, dass auch Täter Opfer sein können, Opfer bisweilen auch Täter waren und sind. Das Argument, mit dem die Erinnerung an deutsche Opfer für illegitim deklariert wird, geht denn auch darüber hinaus, und postuliert, dass Deutsche in einem solchen Maße zu Tätern geworden seien, dass dahinter jeglicher Anspruch, auch die eigenen Opfer erinnern zu dürfen, zurücktreten müsse. Grob vereinfacht ist dies die Position, die Micha Brumlik in seiner Polemik “Wer Sturm sät” einnimmt, der Zwang zum Verzicht auf eine deutsche Opfer-Gedenkkultur. Die Problematik einer solchen Position analysiert Zehfuss recht wortreich und nicht ohne Redundanz, aber auch nicht ohne Überzeugungskraft.
Der deutsche Begriff des “Opfers” vereint zwei Sprachbedeutungen in sich, die etwa im Englischen getrennt von einander behandelt werden können – die Unterscheidung zwischen “victim” und “sacrifice”, also zwischen der von einem Konflikt oder einer Katastrophe geschädigten Person und der Opfergabe. Daraus folgt eine gewisse Unmöglichkeit, das unverschuldete Leid, das nicht auf eigener, vorangegangener Schuld beruht, auszudrücken, ohne dass die zusätzliche Dimension der Aufopferung mitschwingt. Diese Konnotation der Erinnerung ist in der Nachkriegszeit in Deutschland bewusst eingesetzt worden, sie hat nicht unwesentlich zu einer Erinnerungsgemeinschaft nicht der Befreiten, sondern der Sich-Aufopfernden, unverschuldet in die Katastrophe Geführten beigetragen, die im öffentlichen Diskurs insbesondere der frühen Nachkriegsjahre im Vordergrund stand. Eine solche Art der Erinnerung ist im Laufe der Jahre durch das Wissen, das dieses Kollektiv sich zunächst durch Taten zusammengeschweißt und Opfer industriell, wie am Fliessband produziert hat, diskreditiert worden. In einem Film wie der ZDF-Fernsehproduktion “Die Gustloff”, beworben mit großem Aufwand, kehrt nicht diese Form der Erinnerung zurück, aber das dort entworfene Geschichtsbild ist nicht weniger eindimensional und letztlich nicht weniger perfide.
Der regelmäßige Vorwurf, dass in der Erinnerungsgeschichtsschreibung á la “Der Brand”, “Das Wunder von Bern” oder “Der Untergang” der größere Kontext aus Shoa und dem vom Dritten Reich entfesselten Zweiten Weltkrieg nicht hinreichend stattfinde, trifft auch “Die Gustloff”, wo man sich durch einige pflichtgemäße Erläuterungen zu Beginn der Schmonzette zu behelfen versucht. Aber andererseits verlangt es in einem Land, indem täglich mehrere Sendungen zu Zweitem Weltkrieg und Holocaust im Fernsehen laufen, vielleicht auch gar nicht mehr nach jeweils gesondert herzustellendem Kontext. Es kommt für “Die Gustloff” aber auch auf Kontext gar nicht an. Das einzige, was in “Die Gustloff” zählt, sind die angenehmen Legenden von den irren Nazis, den sich aufopfernden, “guten” Deutschen, der hereinbrechenden Katastrophe, die vor unschuldigen Kindern mit blauen Augen und traurigen Gesichtern nicht Halt macht – und der Liebe, die sich gegen den Wahnsinn aus Befehlen und Pflichterfüllung, stellt. Insofern ist “Die Gustloff” in der Einfachheit und Geschichtsblindheit der in diesem Film erzählten Variante von Geschichte geradezu ein Skandal, ein Porno der Erinnerungskultur, der Opfergemeinschaft. Hier wird kein Beitrag zu einem Diskurs, in dem auch deutsche Opfer ihren Platz finden, geleistet, sondern hier wird in klischeehaften Bildern, die sich bei “Die Höllenfahrt der Poseidon” und “Titanic” mehr schlecht als recht bedienen, die traurige Geschichte der “größten Schifffahrtskatastrophe aller Zeiten” erzählt, die begünstigt wird durch die menschenfeindliche Besessenheit feiger Nazis, denen sich auch der “aufrechte”, “gute” Deutsche nur vergeblich entgegenstellen kann. Die Abziehbilder, die hier sich durch Wind und Wetter chargieren, rufen Erinnerungen an Frank Wisbars “Nacht fiel über Gotenhafen” wach, der 1959 immerhin den Vorteil hatte, für seine Darstellung der Sinnlosigkeit und des Grauens des Krieges noch ein unmittelbar betroffenes Publikum zu haben. In der Botschaft reicht “Die Gustloff” keinen Millimeter über den Stand von 1959 hinaus, was den Debatten der seitdem vergangenen Jahrzehnte Hohn spottet.