Der Vorleser als Vorbild?

Mein liebster Geschichtswissenschaftler machte mich ja unlängst darauf aufmerksam, dass es schon länger eine jedenfalls für mich etwas überraschende Kontroverse um Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ gibt. Nun ist „Der Vorleser“ ein Buch, das auch ich schon verschenkt und empfohlen habe. Es ist einige Zeit her, dass ich es gelesen habe – aber ich erinnere mich gut daran, es mit Interesse und auch Genuss gelesen zu haben: Ich mag die Sprache von Schlink, wie ich auch seine Einstellung zu dem, was er „Vergangenheitsschuld“ nennt – jedenfalls im juristischen Kontext, den Schlink in seinem Buch „Vergangenheitsschuld und gegenwärtiges Recht“ bearbeitet – mag. Nebenbei sei allerdings angemerkt, dass ich von Schlinks jüngstem Buch („Die Heimkehr“), gerade auch wegen dem dort gescheiterten Versuch, rechtsphilosophische Grundüberzeugungen in die Erzählung einfließen zu lassen, sehr enttäuscht bin. Dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.

Jedenfalls verwundert es mich, zu lesen, dass Schlink vorgeworfen wird, eine „Travestie der Wahrheit“ zu betreiben und die Massenmörderin als „virtuelle Heilige“ oder „Analphabetin im Büßergewand“ zu präsentieren, die dem Leser die reinigende Kraft der Literatur vor Augen führe. Dass, wie Lawrence Norfolk es formuliert, „Der Vorleser“ ein schlechtes Buch sei und allein sein Erfolg einen tieferen Sinn habe. Jeremy Adler schrieb in der Süddeutschen, Schlink präsentiere die Massenmörderin „als virtuelle Heilige“ und bezichtigt den Autor der „Kulturpornographie“ und „Missachtung der Tatsachen“, des „Zynismus“ und der „selbstgerechter Instrumentalisierung der Opfer“, um nur ein paar der Breitseiten, die Adler abfeuert, zu nennen. Nun ist Schlinks Bändchen zu Vergangenheitsschuld und gegenwärtigem Recht später erschienen, und es ist auch gewiss nicht die gewissermaßen theoretische Begleitarbeit, die geeignet wäre, die Vorwürfe zu widerlegen. Aber sollte ich mich wirklich so geirrt haben? Sollte ein Roman, den ich als ernstzunehmende Auseinandersetzung mit Fragen von Schuld und Verantwortung gelesen habe, „tatsächlich“, wie Adler meint, „ungenießbarer, postmoderner Brei“, der „eine ernsthafte Auseinandersetzung zu sein beansprucht, während er tatsächlich eine Travestie der Wahrheit darstellt. Er ist so abstoßend, weil er auf tückische, pornographische Weise aus menschlichen Nöten und Schwächen Kapital schlägt. Warum aber ist dieses Buch dann so erfolgreich? Zum Teil, weil es die Geschichte so vereinfacht, dass sie breiten Leserschichten entgegenkommt, von mitleidigen Liberalen, denen es lieber gewesen wäre, wenn die Auslöschung des europäischen Judentums weniger grausam verlaufen wäre, bis zu verkappten Nationalsozialisten, die gerne behaupten, das große Verbrechen habe gar nicht stattgefunden.“ Diese Charakterisierung gerade auch der Leser, denen „Der Vorleser“ gefallen hat – wie mir selbst – provoziert das Bedürfnis nach Widerspruch. Kann das alleine den Widerspruch rechtfertigen? Oder hat Adler womöglich nicht nur Schlink und den „Vorleser“ durchschaut – sondern auch mich?

Es ist wenig überraschend, aber meine Antwort lautet „Nein“. Hat er nicht. Vielmehr missversteht die Kritik das Buch, und man ist geneigt, hinzuzufügen, sie missversteht das Buch, weil sie es missverstehen will. Es ist nun mal ein Buch über das Volk der Täter, das nach den Taten weiterlebt. Für den Schriftsteller stellt sich, anders als für den Historiker, doch nicht in erster Linie die Frage, ob eine Geschichte zu erzählen ist, bzw. ob die Geschichte zu erzählen (zu schreiben) ist, sondern ob eine Geschichte erzählenswert ist. Und die Geschichte von Hanna und Michael ist erzählenswert und sie zeigt, dass auch Schuldige weitergelebt haben, bisweilen sogar ohne sich ihrer Schuld zu stellen. Bei Hanna kam der Punkt, da sie sich stellen musste. Dazu hat sie sich ihrer eigenen „Wahrheit“ bedient, was Adler „albern“ findet – und damit das „Wesen“ der Lebenslügen, die nach 1945 ein Weiterleben wenn nicht möglich, dann doch wenigstens leichter gemacht haben. All die Täter sind nach 1945 eben nicht verschwunden und ihnen ist auch nicht der Prozess gemacht worden. Sie blieben mehrheitlich unbehelligt (anders als Hanna, der ja der Prozess gemacht wird) und sie haben vermutlich in den Jahren nach 1945, insbesondere in den 1950er Jahren, als sich bekanntlich ein Schweigen über die Bundesrepublik legte und keine nennenswerte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit stattfand, auch nicht in dem Bewusstsein gelebt, für unfassbare Gewalttaten verantwortlich zu sein. Auch das Lächeln dieser Menschen konnte verzaubern, auch sie konnten schön sein. Davon berichtet Schlink, der gleich zu Beginn, bei der Beschreibung der ersten Begegnung Michaels mit Hanna, von dem Eindruck der Schönheit, der entstand, aber im Moment, da diese Erinnerung aufgerufen wird, keinen Bestand mehr hat, erzählt. Zwischen das seinerzeitige Erlebnis der Schönheit und die Erinnerung daran hat sich das Wissen geschoben. Davon berichtet Schlink, nicht von den großen Wahrheiten, die Adler vielleicht vermisst. Davon, dass man dem Antlitz das Bösen nicht ansieht, davon, dass das Böse keine eindeutige Charaktereigenschaft ist, sondern dass die Fähigkeit, Böse zu sein, auch denen innewohnt, denen man das nicht ansieht. Die sich das vielleicht selbst nicht eingestehen.

Ist es nur ärgerlich, dass Adler ein Buch kritisiert, dass er gelesen hat, aber nicht das Buch, das Schlink geschrieben hat? Oder ist es bezeichnend, dass Adler, der Schlink Ungenauigkeiten und Unwahrscheinlichkeiten und Irrtümer vorwirft, es selbst mir der Genauigkeit nicht so genau nimmt? Dass Adler sich genau Zahlen denkt, wo Schlink nur Schätzungen ausspricht (bei der Lesegeschwindigkeit bei Tolstois „Krieg und Frieden“), ist noch zu verschmerzen und lediglich ärgerlich. Dass der Literaturwissenschaftler Adler aber meint, den Juristen Schlink auf dem Gebiet „Strafverfahren gegen Nazis“ vorführen zu können, ist bezeichnend: Adler macht einen Unterschied zwischen dem Auschwitz-Prozess und dem bei Schlink geschilderten aus und verkennt dabei, dass genau die Argumentationen, die er Schlink vorwurfsvoll in den Mund legt, im Auschwitz-Prozess von der Verteidigung vorgebracht worden sind. Die Bagetellisierung der Rolle der Täter bei der Selektion an der Rampe, sie wurde im Auschwitz-Verfahren nicht nur von der Verteidigung vorgebracht, sie schlägt bis ins Urteil durch, das die Täter von der Rampe in Auschwitz in den meisten Fällen lediglich als „Gehilfen“ verurteilt hat. Dabei ist auch dieser Misstand nicht Schlinks Thema. Sein Thema ist es viel eher, wie er ziemlich genau in der Mitte des Buches es anspricht, darüber nachzudenken, was aus dem Wissen-wollen und dem Wissen-können folgt oder folgen kann. Liest man die Besprechungen von Norfolk oder Adler, könnte man glauben, „Der Vorleser“ reihe sich ein die jüngere Flut von „Wir-hatten-es-auch-schwer“-Betroffenheitskitsch (sei es wie bei Eichingers „Der Untergang“ oder dem Ausgangspunkt von Wortmanns „Wunder von Bern“ oder Grass‘ „Im Krebsgang). Tatsächlich aber ist „Der Vorleser“ das Buch, das offensichtlich weder Adler noch Norfolk lesen wollten, weswegen sie es als ein Buch, das sie gelesen haben, verrissen haben, ohne sich dabei mit dem Buch auseinanderzusetzen, das Schlink geschrieben hat.

Das ist dann vielleicht wirklich nur noch ärgerlich. „Der Vorleser“ ist kein Buch für Leser, die wissen wollen, wie wenig oder sehr grausam die Auslöschung des europäischen Judentums ablief, sondern es ist viel eher ein Buch für Leser, die dies wissen und sich der daraus fließenden Verantwortung stellen wollen oder doch wenigstens – nach Schlink – sollen.

Eine Antwort schreiben