Archiv für März, 2008

Returning to the scene of the crime: Bernhard Schlink

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am März 26, 2008 von idiotery

Bernhard Schlink hat mal ein Buch geschrieben, das ich auch in der Rückschau noch für lesenswert halte, sowohl literarisch auch als Beitrag zu einer größeren Debatte über Vergangenheit, Vergangenheitsschuld und Erinnerungskultur. Dann hat er ein paar ganz unterhaltsame Krimis geschrieben und ein bis sieben lesenswerte Artikel zu interessanten Themen (Liebesfluchten kenne ich nicht, seine juristischen Bücher brauchen hier nicht weiter erwähnt zu werden). Und irgendwie hat er sich einen Ruf damit erarbeitet, einen Ruf, dem er nicht zuletzt selbst folgt, dem nämlich, intelligente, lesenswerte Bücher zu komplexen, zeitgeschichtlichen, vergangenheitspolitischen Themen schreiben zu können. Wie konnte es zu diesem Irrtum kommen?x

 

Diese Frage ist nur von Schlink und seinen Fürsprechern zu beantworten. Dass es ein Irrtum ist, lässt sich dagegen schon vom einfachen Leser darstellen. Schlinks jüngstes Buch, „Das Wochenende“ legt, wenn man dem Klappentext Glauben schenken darf, mal wieder den Finger in den „wunden Punkt der deutschen Gegenwart“. Naja, und dann? Dann liegt er da, der Finger. Hat sich verausgabt mit der Konstruktion einer potentiell interessanten Geschichte, die durch das etwas schmerzliche Auftreten erotischer Altherrenphantasien nicht wirklich vorangetrieben wird, die an der selbstgestellten Aufgabe, die Kontinuität von den Nazis zur RAF darzustellen, nicht mal mit Bravour scheitert. Das Thema des frisch aus der Haft begnadigten Terroristen, uneinsichtig, ungebrochen und doch zerstört, ist eigentlich spannend genug, aber Schlink vertraut ihm nicht – braucht: eine Krebserkrankung, den unvermittelt auftauchenden Sohn, den Unterstützerkreis, der den Kampf Al-Qaidas mitkämpfen will, diverse Liebesgeschichten, unerfüllt und unvollendet, nicht zuletzt: die offene Geschichte des Kameraden, der vielleicht am Anschlag auf das World Trade Center vom 11.9. mitwirkte, jedenfalls dort – symbolisch – sein Leben ließ. Das Ganze in etwas über 200 Seiten, da bleibt kein Auge trocken, wird kein Schlag bis zu Ende geführt, ist jede Andeutung unvollendet ausgedacht und behauptet doch von sich, aus der Perspektive des Wissenden ausgeführt zu sein.

 

Der Rechtswissenschaftler Schlink, der auch noch den völlig uninteressanten Kampf um die juristische Unbedenklichkeit einer Erklärung, die der begnadigte Terrorist – vielleicht: gegen seinen Willen – abgeben will oder soll, in seine Geschichte aufnimmt, schreibt aus einer diffusen Position des Besserwissenden und Durchschauenden, mit einer Sympathie für mögliche Beweggründe zur Opposition, aber in klarer, reiner Ablehnung der Entscheidung für „bewaffneten Kampf“. Das ist so wenig bemerkenswert, dass es als Ausgangspunkt für einen zum Denken anregenden Roman auch nicht ausreicht. Als Roman muss sich Schlinks Stellungnahme zum gerade so aktuellen Phänomen „1968“ (das im Hintergrund der Geschichte steht) auch an der Überzeugungskraft der in ihm enthaltenen Charaktere messen lassen, nicht nur der (politischen) Stoßrichtung. Und da fallen Klischees unangenehm auf. Dass Türen bei Schlink „auf“ (statt „offen“) stehen, kann man dagegen noch verschmerzen. Außer Klischees hat Schlink letztlich nichts zu bieten – diese sind (Ausnahmen bestätigen die Regel) meist hübsch formuliert, Schlink versteht sich auf eine klare, präzise Sprache – aber am Thema scheitert er. So wie schon in „Die Heimkehr“, wo er mit dem selbstgewählten Thema auch überfordert war: Rechtsphilosophie, Nazis, Erinnerungskultur – das sind Themen, die einen zurecht umtreiben, deren Verarbeitung in Romanform erhellende, inspirierende Lektüre verspricht, erst recht, wenn sich jemand wie Schlink daran versucht. Aber das Versprechen bleibt uneingelöst. In „Die Heimkehr“ ebenso sehr wie in „Das Wochenende“.

 

 

 

1967 als Zäsur?

Veröffentlicht in Nutzloses Wissen am März 6, 2008 von idiotery

Unter der Überschrift “Lage im Gaza-Streifen schlimm wie seit 1967 nicht mehr” berichtet tagesschau.de über die Auswirkungen der israelischen Blockade des Gaza-Streifens. Grundlage ist ein nun veröffentlichter Bericht von acht britischen humanitären Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen, darunter Oxfam und der britische Zweig von Amnesty International. Darin heißt es:  „Die Situation der 1,5 Millionen Palästinenser ist die schlimmste seit Beginn der israelischen Besetzung 1967″. In der Berichterstattung durch die unvermeidliche Bettina Marx wird daraus ein “so schlimm war es noch nie”. Nun geht es nicht darum, das Leid der palästinensischen Bevölkerung im Gaza-Streifen gegenüber solchen Feststellungen klein zu reden. Es kann keinen Zweifel daran geben, dass die Lage intolerabel und – nicht zuletzt: unnötig – schlecht ist.

 

Die Frage aber ist, was mit der Zäsur des Jahres 1967 im Hinblick auf die Situation der palästinensischen Bevölkerung ausgesagt ist. Hat das, was man gemeinhin – und wohl auch mit Recht – “Besatzung” (oder “Besetzung”, der Unterschied ist nicht wesentlich) nennt, im Jahre 1967 etwas zerstört, das seitdem nicht wieder erreicht wurde? Symbolisiert 1967 einen Rückschritt gegenüber der vorangegangen Zeit dar, nicht nur in Fragen der palästinensischen Selbstbestimmungen, sondern auch im Hinblick auf Infrastruktur, Wirtschaft, Freiheiten, Bildung? Die Rede von der “schlimmsten Situation seit 1967” kann das jedenfalls nahelegen, wobei der Eindruck, den eine solche Formulierung hervorruft, sicherlich auch von der Position des Rezipienten abhängt. Dennoch: “Lage im Gaza-Streifen schlimm wie seit 1967 nicht mehr” suggeriert, dass 1967 der Tiefpunkt war, während der Bericht der britischen Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen eher 1967 als den Ausgangspunkt nimmt – und nicht fragt, was vorher war. Dass Bettina Marx beidem gegenüber nur der Superlativ bleibt, spricht weder für die eine noch für die andere Interpretation.

 

Zahlen sind nur das, was die Grundlage für die Interpretation liefert. Kein Zweifel kann daran bestehen, dass die gegenwärtige Eskalation der Gewalt in bisher kaum festgestelltem Ausmaß palästinensische Leben fordert. Dafür gibt es Erklärungen, Versuche der Rechtfertigung, aber ganz sicherlich keine Entschuldigung. Ebenso klar ist, dass der dauerhafte Beschuss der israelischen Zivilbevölkerung mit primitiven Raketen, die nur auf Grund ihrer Primitivität nicht mehr Unheil anrichten (mehr Zerstörung bringen), aber gerade wegen ihrer Primitivität auch jedenfalls tendenziell völkerrechtswidrig und sogar (theoretisch) strafbar (Verstoß gegen das Verbot des Angriffs auf zivile Objekte, mindestens bedingt vorsätzlich, vgl. Art. 8 II b i des Statuts des Internationalen Strafgerichtshofs – die Details würden hier zu weit führen) ist. Doppeltes, gegenseitiges Unrecht hebt sich nicht auf. Es bleibt bestehen, jedes für sich. Es geht daher hier auch nicht darum, das Unrecht der einen Seite klein (oder gross) zu rechnen – weder ist es möglich, den zahllosen palästinensischen Leben, die dieser Konflikt bereits gekostet hat, gerecht zu werden, noch ist es möglich, die psychologische Situation, in der sich Israel und seine (mehrheitlich) jüdische Bevölkerung, auch auf Grund der jüdischen Geschichte der letzten ca. 2000 Jahre befinden, ohne Einschränkung zu vermitteln.

 

Nach dieser Vorrede also Zahlen: Die wirtschaftliche Lage im Gaza-Streifen war bereits vor 1967 desolat. Die dortige landwirtschaftliche Nutzfläche reichte gerade aus, um die ursprüngliche Bevölkerung von etwa 88 000 Menschen zu versorgen. Mit der Aufgabe, die Flüchtlinge aus dem Staatsgebiet Israels aufzunehmen, war der Gaza-Streifen von Anfang an überfordert – landwirtschaftlich, wirtschaftlich, infrastrukturell. In den 1960er Jahren weisen die Arbeitslosenstatistiken eine Arbeitslosigkeit von etwa 80% unter den (seit ca. 15-20 Jahren dort ansässigen) Flüchtlingen und etwa 35% der einheimischen Bevölkerung aus (Herz/Steets, Palästina, C.H.Beck, München 2002, S. 40). Die Situation unter der ägyptischen Regierung, in deren Verantwortung der Gaza-Streifen nach 1948 verblieben war, war gekennzeichnet von Recht- und Perspektivlosigkeit: Die ägyptische Regierung verweigerte den Palästinenser jegliche Möglichkeit der politischen Teilhabe oder des Aufbaus von Institutionen, auch auf dem Bildungssektor und ermöglichte es erst unter Nasser, dass wenigstens einzelne Palästinenser ägyptische Universitäten besuchen konnten. Die Grenze zu Ägypten blieb aber grundsätzlich undurchlässig und bis 1962 stand der Gaza-Streifen unter ägyptischer Militär-Verwaltung. Erst danach wurden Palästinenser wenigstens ansatzweise zur politischen Selbst-Verwaltung zugelassen (Kimmerling/Migdal, The Palestinian People, Harvard University Press 2003, S. 229/230). Zu Beginn der 1950er Jahre wurden 90 Prozent der Flüchtlinge im Gaza-Streiifen als Analphabeten eingestuft, eine Situation, die nahezu ausschließlich durch die Anstrengungen der Palästinenser selbst und mit Unterstützung der UNRWA (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East) überwunden wurde (Kimmerling/Migdal, S. 235 f.). Dennoch blieb die palästinensische Identitätsbildung im Wesentlichen rückwärts gewandt und war ein Spielball pan-arabischer Bestrebungen, in denen einem palästinensischen Staat keine eigene Bedeutung zugedacht wurde (vgl. Kimmerling/Migdal, S. 238 f.)

 

Erst nach der Besatzung des Gaza-Streifens durch Israel jedoch wurde es möglich, dass auch eine – noch dazu religiös geprägte – Universität dort gegründet werden konnte: Die Islamische Universität Gaza, gegründet unter maßgeblichem Einfluss der in Ägypten grundsätzlich weiterhin verbotenen Muslimbruderschaft. Israel versuchte, dem sich organisierenden palästinensischen politischen Nationalismus durch eine Befreiung der palästinensischen Gesellschaft von religiösen Verboten ein Gegengewicht zu verschaffen (Mishal/Sela, The Palestinian Hamas, Columbia University Press, New York 2000, S. 18). Auch führte die Besatzung sowohl der West Bank als auch des Gaza-Streifens durch die gleiche Macht zu einer Erneuerung des innerpalästinensischen Dialoges zwischen West Bank und Gaza, da Israel ursprünglich entschieden für einen erleichterten Kontakt der Menschen untereinander in den besetzten Gebieten eintrat (Kimmerling/Migdal, S. 276). Laut Wikipedia verdreifachte sich die Zahl der Moscheen in Gaza zwischen 1967 und 1987. 

 

Die wirtschaftliche Entwicklung dieser Zeit ist ein zweischneidiges Schwert: Einerseits brachte die Besatzung die Möglichkeit der Arbeitsaufnahme in Israel, so waren schon 1973 ein Drittel der Arbeitskräfte, die in den besetzten Gebieten lebten, in den israelischen Arbeitsmarkt integriert. Auf Grund der Ausgangssituation ihrer geringen (Aus-)Bildungsmöglichkeiten vor 1967 besetzten die Palästinenser hauptsächlich einfachere Jobs, dies aber im ganzen Arbeitsmarkt, von der Landwirtschaft über die Industrie, das Baugewerbe, bis hin zur allgemeinen Dienstleistung (Kimmerling/Migdal, S. 283). Andererseits verkümmerten die schon von Anfang an ungenügenden Möglichkeiten einer wirtschaftlichen Selbst-Versorgung weiter, was nicht zuletzt auch der israelischen Wirtschaftspolitik geschuldet war, die zwar eine Verbesserung des Lebensstandards der Palästinenser erreichen helfen sollte, aber gleichzeitig auch Maßnahmen beinhaltete, die eine Entwicklung einer unabhängigen Wirtschaft in den besetzten Gebieten verhindern sollten (Herz/Steets, S. 71 f.). Die Besatzung führte bis etwa Mitte der 1970er Jahre durch die Anbindung an die israelische Wirtschaft zu einer erheblichen Steigerung des Lebensstandards der Palästinenser, dann verlangsamte sich die – weiterhin fortschreitende – Verbesserung der wirtschaftlichen Situation in den besetzten Gebieten durch die Verlangsamung des Wachstums der israelischen Wirtschaft. Im Laufe der 1980er Jahre gingen die Chancen für Palästinenser auf dem Arbeitsmarkt wegen der anhaltenden wirtschaftlichen Stagnation in Israel merklich zurück (Herz/Steets, S. 74). Auch gingen die Löhne nun zurück (Kimmerling/Migdal, S. 294).

 

Bis zum Beginn der ersten Intifada hatte die Besatzung der palästinensischen Bevölkerung eine grundsätzliche Verbesserung des Lebensstandards gebracht, aber auch eine beinahe völlig auf Israel ausgerichtete Wirtschaft und eine sehr schwache eigene ökonomische Struktur. Gegenüber der Zeit vor 1967 bedeutete letzteres allerdings keinen erheblichen Unterschied – schon vor 1948 konnte die Entwicklung der palästinensischen Wirtschaft nicht mit der Entwicklung der jüdischen Wirtschaft Schritt halten (Kimmerling/Migdal, S. 283). 

 

Vor diesem stellt sich die Frage, was die Berufung auf 1967 als Zäsur aussagen soll. Und ist es mehr als nur eine leichte Bedeutungsverschiebung statt von der „schlimmsten Situation seit 1967″ von „einer Situation, so schlimm wie seit 1967 nicht mehr“ zu sprechen? Dies ganz abgesehen davon, dass die Größe „1967″ zu suggerieren scheint, es sei vorher (vor 1967) „besser“ gewesen, was in kaum einer Hinsicht stimmen dürfte. 

 

„Gut“ wird dadurch gar nichts. 

Deutschland-Porno für die Erinnerungskultur

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am März 4, 2008 von idiotery
Das ZDF hat die „Gustloff“ verfilmt. Für sich genommen kein Ereignis, ist man doch in den letzten Jahren hinreichend vorbereitet worden, dass die Erinnerungskultur nach Neu-Ausrichtung verlangt und der Blick auf „die Deutschen“ als „Opfer“ gerichtet wird. So gesehen ergänzt „Die Gustloff“ den Kanon aus „Das Wunder von Bern“, „Der Brand“, „Im Krebsgang“ und „Der Untergang“ lediglich um eine zusätzliche Dimension. Aber was für eine.


Maja Zehfuss hat in ihrer Analyse literarischer Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs („The Wounds of Memory“) auch die Erinnerung an den Untergang der „Wilhelm Gustloff“ in den größeren Zusammenhang einer durch die Kriegserfahrung geprägten Erinnerungskultur gestellt, in der die Wahrnehmung der Deutschen als Opfer Vorbehalten begegnet, die sich bei genauer Betrachtung allerdings ihrerseits als problematisch erweisen. Dies jedenfalls gilt da, wo die Verweigerung einer Berechtigung an die Erinnerung auch der deutschen Opfer, der auch deutschen Opfer mit dem Argument verweigert wird, die Deutschen als Täter des Zweiten Weltkriegs könnten nicht auch Opfer dieses Krieges geworden sein. Es ist kein Geheimnis, dass auch Täter Opfer sein können, Opfer bisweilen auch Täter waren und sind. Das Argument, mit dem die Erinnerung an deutsche Opfer für illegitim deklariert wird, geht denn auch darüber hinaus, und postuliert, dass Deutsche in einem solchen Maße zu Tätern geworden seien, dass dahinter jeglicher Anspruch, auch die eigenen Opfer erinnern zu dürfen, zurücktreten müsse. Grob vereinfacht ist dies die Position, die Micha Brumlik in seiner Polemik „Wer Sturm sät“ einnimmt, der Zwang zum Verzicht auf eine deutsche Opfer-Gedenkkultur. Die Problematik einer solchen Position analysiert Zehfuss recht wortreich und nicht ohne Redundanz, aber auch nicht ohne Überzeugungskraft.  


Der deutsche Begriff des „Opfers“ vereint zwei Sprachbedeutungen in sich, die  etwa im Englischen getrennt von einander behandelt werden können – die Unterscheidung zwischen „victim“ und „sacrifice“, also zwischen der von einem Konflikt oder einer Katastrophe geschädigten Person und der Opfergabe. Daraus folgt eine gewisse Unmöglichkeit, das unverschuldete Leid, das nicht auf eigener, vorangegangener Schuld beruht, auszudrücken, ohne dass die zusätzliche Dimension der Aufopferung mitschwingt. Diese Konnotation der Erinnerung ist in der Nachkriegszeit in Deutschland bewusst eingesetzt worden, sie hat nicht unwesentlich zu einer Erinnerungsgemeinschaft nicht der Befreiten, sondern der Sich-Aufopfernden, unverschuldet in die Katastrophe Geführten beigetragen, die im öffentlichen Diskurs insbesondere der frühen Nachkriegsjahre im Vordergrund stand. Eine solche Art der Erinnerung ist im Laufe der Jahre durch das Wissen, das dieses Kollektiv sich zunächst durch Taten zusammengeschweißt und Opfer industriell, wie am Fliessband produziert hat, diskreditiert worden. In einem Film wie der ZDF-Fernsehproduktion „Die Gustloff“, beworben mit großem Aufwand, kehrt nicht diese Form der Erinnerung zurück, aber das dort entworfene Geschichtsbild ist nicht weniger eindimensional und letztlich nicht weniger perfide.



Der regelmäßige Vorwurf, dass in der Erinnerungsgeschichtsschreibung á la „Der Brand“, „Das Wunder von Bern“ oder „Der Untergang“ der größere Kontext aus Shoa und dem vom Dritten Reich entfesselten Zweiten Weltkrieg nicht hinreichend stattfinde, trifft auch „Die Gustloff“, wo man sich durch einige pflichtgemäße Erläuterungen zu Beginn der Schmonzette zu behelfen versucht. Aber andererseits verlangt es in einem Land, indem täglich mehrere Sendungen zu Zweitem Weltkrieg und Holocaust im Fernsehen laufen, vielleicht auch gar nicht mehr nach jeweils gesondert herzustellendem Kontext. Es kommt für „Die Gustloff“ aber auch auf Kontext gar nicht an. Das einzige, was in „Die Gustloff“ zählt, sind die angenehmen Legenden von den irren Nazis, den sich aufopfernden, „guten“ Deutschen, der hereinbrechenden Katastrophe, die vor unschuldigen Kindern mit blauen Augen und traurigen Gesichtern nicht Halt macht – und der Liebe, die sich gegen den Wahnsinn aus Befehlen und Pflichterfüllung, stellt. Insofern ist „Die Gustloff“ in der Einfachheit und Geschichtsblindheit der in diesem Film erzählten Variante von Geschichte geradezu ein Skandal, ein Porno der Erinnerungskultur, der Opfergemeinschaft. Hier wird kein Beitrag zu einem Diskurs, in dem auch deutsche Opfer ihren Platz finden, geleistet, sondern hier wird in klischeehaften Bildern, die sich bei „Die Höllenfahrt der Poseidon“ und „Titanic“ mehr schlecht als recht bedienen, die traurige Geschichte der „größten Schifffahrtskatastrophe aller Zeiten“ erzählt, die begünstigt wird durch die menschenfeindliche Besessenheit feiger Nazis, denen sich auch der „aufrechte“, „gute“ Deutsche nur vergeblich entgegenstellen kann. Die Abziehbilder, die hier sich durch Wind und Wetter chargieren, rufen Erinnerungen an Frank Wisbars „Nacht fiel über Gotenhafen“ wach, der 1959 immerhin den Vorteil hatte, für seine Darstellung der Sinnlosigkeit und des Grauens des Krieges noch ein unmittelbar betroffenes Publikum zu haben. In der Botschaft reicht „Die Gustloff“ keinen Millimeter über den Stand von 1959 hinaus, was den Debatten der seitdem vergangenen Jahrzehnte Hohn spottet.

The Invention of Peace

Veröffentlicht in ьгышл am März 4, 2008 von idiotery

An unfinished project.

David Pendas, The Frankfurt Auschwitz Trial

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am März 4, 2008 von idiotery

Literatur zu den gegen Nazis und den wegen Verbrechen der Deutschen während des Dritten Reiches geführten Prozessen auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik geführten Prozessen gibt es inzwischen in durchaus erheblichem Umfang. Neben Zeitschriftenaufsätzen sind da insbesondere der unlängst erschienene Katalog zur Ausstellung des Fritz-Bauer-Instituts und das relativ dünne Buch von Wandres und Werle (das in in den Genuss einer höchst absurden amazon-Kundenrezension gekommen ist). Beide geben gute Einblicke in den Auschwitz-Prozess und dessen Atmosphäre, Bedeutung und Rezeption. Man erfährt in beiden einiges über den Ablauf des Prozesses und die Probleme, denen man sich seinerzeit ausgesetzt sah. Darüber erfährt man auch in dem Buch von Pendas einiges.

Das Buch ist jedoch gerade deswegen interessant, weil man diese Dinge in Form einer Außenansicht präsentiert bekommt, die deutschen Historikern und Juristen eher schwer zugänglich ist. Der deutsche Jurist erarbeitet sich vielleicht zur Bewältigung des historischen Auschwitz-Prozesses das historische Handwerk, der deutsche Historiker versucht, das juristische Denken, das den Prozess bestimmte, zu verstehen. Pendas, amerikanischer Historiker, dagegen geht die juristischen Probleme aus der Sicht eines an amerikanischen Rechtsverständnis orientierten Intellektuellen an, was gerade auch für den im deutschen Recht Geschulten den Vorteil hat, dass die Eigenart des deutschen juristischen Denkens auf besonders eindrucksvolle Weise vorgeführt hat. Es ist zwar bereits für Deutsche, die da ein wenig drüber nachdenken, womöglich schwer nachvollziehbar, warum die deutsche Jurisprudenz es insbesondere in den 1950er und 1960er Jahren für völlig normal hielt, einen Großteil der Nazi-Täter nicht wegen Mord, sondern wegen Beihilfe zum Mord zu verurteilen (die Mehrheit der Verurteilungen im Auschwitz-Prozess erfolgte wegen Beihilfe zum Mord – von 17 Angeklagten wurden 12 wegen Beihilfe zum Mord verurteilt, darunter nur zwei Verurteilte, die zusätzlich auch noch wegen Mord verurteilt wurde; die restlichen 5 wurden nur wegen Mordes verurteilt). Dabei wäre bzw. ist es sicherlich interessant, dieses Denken noch weiter zu erforschen (ich gehe davon aus, dass dies schon geschehen ist, aber ich kann ja nicht alles lesen). Aber für den aus einem anderen Rechtsverständnis urteilenden Ausländer, für den die Frage, ob Mord vorliegt oder nicht, sich nach objektiven Gesichtspunkten entscheidet, ist diese deutsche Praxis offensichtlich noch viel schwerer zu verstehen. Dass Pendas hier diese Unterschiede aufzeigt, ermöglicht einen erheblich geschärften Blick auf den Prozess und die darin vorgebrachten Argumente, seine spezifischen Probleme und Problemlösungen.
Seine Schwächen hat das Buch dann allerdings in der Darstellung des eigentlichen Prozessgeschehens und des Urteils. Während die Heranführung an das Thema, gerade auch vor dem Hintergrund unterschiedlicher Deutungsweisen der Gesellschaft im Deutschland des Dritten Reiches und deren Bedeutung für die deutsche Nachkriegsgesellschaft, spannend zu lesen und mit der gebotenen Schärfe geschrieben ist, verschwimmt in der Prozessdarstellung dann die Klarheit. Hier springt Pendas dann gerade in der Beweisaufnahme eher von einem interessant wirkenden Aspekt zum nächsten, ohne – vielleicht mit Ausnahme der Würdigung der Bemühungen der Verteidigung der Angeklagten – den jeweils angeschnittenen Problemfeldern gerecht zu werden. Die Lehren, die man aus Pendas Buch aber auch ziehen kann, mögen gerade für das doch sehr gegenwärtige Thema der Zukunft internationaler strafrechtlicher Aufarbeitung sogenannter Makroverbrechen von Bedeutung sein: Strafrechtliche Wahrheitsfindung ist notwendig täterorientiert, geschichtliche Forschung fragt nach Zusammenhängen, die nicht notwendig an den Tätern orientiert sind, sondern den Opfern ebenso Raum geben kann, wie den scheinbar unbeteiligten Zuschauern. Beides lässt sich kaum miteinander verbinden, denn die Details, die für die unterschiedlichen Varianten von Bedeutung sind, befinden sich im Widerstreit miteinander.
Geschichte ist eben keine Frage von Recht oder Unrecht, sondern eine Frage der Geschichte.

The Lost

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am März 4, 2008 von idiotery

Manche amerikanischen Bücher strahlen eine gewisse historisch-mystische Qualität aus, eine Aura vergangener Zeiten – aus dem simplen Grunde, dass in den USA die zweifelhafte Sitte noch beheimatet ist, manchmal keinen „wirklichen“ Seitenschnitt vorzunehmen, dass also der Seitenschnitt unregelmäßig ist und die einzelnen Seiten unterschiedlich breit sind. Dies verleiht solchen Büchern, jedenfalls in meinem Eindruck, eine, wenn auch aufgesetzte, historisch-dokumentarische Dimension. Im Falle von Daniel Mendelsohns Buch „The Lost – A Search for Six of Six Million“ ist dies weniger aufgesetzt, vor allem aber angemessen und bestimmt durchaus gewollt.

Es gibt viele Bücher über den Holocaust. Es ist einer der Bereiche der Geschichte, der am intensivsten untersucht wird, mit dem sich Autorinnen und Forscher aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beschäftigen. Auch zum Thema der durch den Holocaust geprägten Familiengeschichte gibt es mehr Bücher als ein Mensch lesen will. Das muss man nicht wissen, um Mendelsohns Buch zu lesen. Denn Mendelsohns Buch ist mehr als nur ein weiteres Buch über den Holocaust. Es ist ein Buch über Erinnerungskultur, über die Entstehung und Bewahrung von Erinnerung, über die Rekonstruktion und Konstruktion der eigenen Identität, ebensosehr wie über den Gegenstand der Erinnerung. Es ist der Versuch, das Leben der Toten zu rekonstruieren, Zeugnis von dem zu geben, das kaum noch Zeugen hat. Es ist von einer brutalen Offenheit, die bisweilen körperliches Unbehagen hervorrufen kann – mir standen an mehr als nur einer Stelle Tränen in den Augen. Denn Mendelsohn geht Umwege, die direkter ins Ziel führen, als der direkte Weg dies könnte. Nicht immer geht er diese Umwege, die er in der Tat auch im Rahmen seiner Recherche gegangen ist, die ihn von New York nach Australien, Skandinavien, Israel und natürlich in die Ukraine geführt hat, in dem Wissen, dass es Umwege sind. Er beschreibt, was er und wir als Leser nicht wissen können mit der gebotenen Vorsicht und damit gleichzeitig einer berechtigten Entschlossenheit, die sich auf Quellen stützen kann, wie etwa in Yad Vashem hinterlegte Erinnerungsprotokolle.

Mendelsohn, Abkömmling einer Familie, die einst in Bolechow lebte, das mal zum Kaiser- und Königreich Österreich-Ungarn, mal zu Polen, mal zur Ukraine, mal zur Sowjetunion und mal zum Dritten Reich gehörte, und jetzt Bolihov heißt und in der Ukraine liegt, beschreibt seine Suche nach den Spuren der Mitglieder seiner Familie, die zurück in Bolechow blieben, als es noch eine funktionierende, multikulturelle Gemeinde war und dort gefangen waren, als die Deutschen einmarschierten. Ein Ehepaar mit vier Töchtern, sechs von sechs Millionen. Mendelsohn geht auf eine Reise durch die Erinnerungen der eigenen Familie, sieht Fotos von vergangenen Zeiten und spricht mit Überlebenden, von denen niemand in seiner Familie wußte, dass sie Erinnerungen an diese sechs Menschen haben. Niemand wußte, dass Erinnerungen an diese sechs Menschen überlebt haben, so dass doch auch durch die Erinnerung an das Lächeln einer jungen Frau, die schon mit 21 sterben musste, ein Stück von ihr überlebt oder immer noch stirbt. Der Bruder des Erzählers wird an einer Stelle zitiert, die das Leben, so wie es in diesem Buch erlebt wird, auf den Punkt bringt: Der Holocaust ist nicht Geschichte, sondern er findet immer noch statt, weil die Kinder und Enkel und Urenkel der sechs Millionen auf ewig fehlen werden. Und deren Enkel. Und deren Urenkel. Die Menschen, die zur Vergangenheit gehören, deren eigentlicher Platz vielleicht gewesen wäre, im Alter von 73 Jahren an so etwas wie Lungenkrebs zu sterben, doch die statt dessen so jung starben, dass niemand weiß, wie sie sich vielleicht mit 15 oder 25, 35 oder 45 verhalten hätten.

Die Suche nach den verfügbaren Erinnerung über sechs dieser Menschen beschreibt Mendelsohn und verbindet sie mit Reflexionen über das Entstehen und Bewahren von Erinnerung, über die Welt, in der diese Erinnerungen ihren Platz haben – die fast ausgelöschte Welt der Juden Osteuropas, ihre Sprache und ihre Bräuche und auch ihr Essen, das zuzubereiten kaum noch jemand übrig ist. So erzählt ihm eine der Überlebenden: „There are very few people from our parts left who know about this food, very few survivors from Galicia. Because them, those from the west, they put in the camps, and so there were more chances of surviving, but us, they finished in the mass graves.“ Dabei ist es beeindruckend zu sehen, wie da eine Geschichte entsteht, die in der Geschichte steht, zur (Zeit-)Geschichte gehört und doch so kaum erzählt wird.

Der Vorleser als Vorbild?

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am März 4, 2008 von idiotery

Mein liebster Geschichtswissenschaftler machte mich ja unlängst darauf aufmerksam, dass es schon länger eine jedenfalls für mich etwas überraschende Kontroverse um Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ gibt. Nun ist „Der Vorleser“ ein Buch, das auch ich schon verschenkt und empfohlen habe. Es ist einige Zeit her, dass ich es gelesen habe – aber ich erinnere mich gut daran, es mit Interesse und auch Genuss gelesen zu haben: Ich mag die Sprache von Schlink, wie ich auch seine Einstellung zu dem, was er „Vergangenheitsschuld“ nennt – jedenfalls im juristischen Kontext, den Schlink in seinem Buch „Vergangenheitsschuld und gegenwärtiges Recht“ bearbeitet – mag. Nebenbei sei allerdings angemerkt, dass ich von Schlinks jüngstem Buch („Die Heimkehr“), gerade auch wegen dem dort gescheiterten Versuch, rechtsphilosophische Grundüberzeugungen in die Erzählung einfließen zu lassen, sehr enttäuscht bin. Dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.

Jedenfalls verwundert es mich, zu lesen, dass Schlink vorgeworfen wird, eine „Travestie der Wahrheit“ zu betreiben und die Massenmörderin als „virtuelle Heilige“ oder „Analphabetin im Büßergewand“ zu präsentieren, die dem Leser die reinigende Kraft der Literatur vor Augen führe. Dass, wie Lawrence Norfolk es formuliert, „Der Vorleser“ ein schlechtes Buch sei und allein sein Erfolg einen tieferen Sinn habe. Jeremy Adler schrieb in der Süddeutschen, Schlink präsentiere die Massenmörderin „als virtuelle Heilige“ und bezichtigt den Autor der „Kulturpornographie“ und „Missachtung der Tatsachen“, des „Zynismus“ und der „selbstgerechter Instrumentalisierung der Opfer“, um nur ein paar der Breitseiten, die Adler abfeuert, zu nennen. Nun ist Schlinks Bändchen zu Vergangenheitsschuld und gegenwärtigem Recht später erschienen, und es ist auch gewiss nicht die gewissermaßen theoretische Begleitarbeit, die geeignet wäre, die Vorwürfe zu widerlegen. Aber sollte ich mich wirklich so geirrt haben? Sollte ein Roman, den ich als ernstzunehmende Auseinandersetzung mit Fragen von Schuld und Verantwortung gelesen habe, „tatsächlich“, wie Adler meint, „ungenießbarer, postmoderner Brei“, der „eine ernsthafte Auseinandersetzung zu sein beansprucht, während er tatsächlich eine Travestie der Wahrheit darstellt. Er ist so abstoßend, weil er auf tückische, pornographische Weise aus menschlichen Nöten und Schwächen Kapital schlägt. Warum aber ist dieses Buch dann so erfolgreich? Zum Teil, weil es die Geschichte so vereinfacht, dass sie breiten Leserschichten entgegenkommt, von mitleidigen Liberalen, denen es lieber gewesen wäre, wenn die Auslöschung des europäischen Judentums weniger grausam verlaufen wäre, bis zu verkappten Nationalsozialisten, die gerne behaupten, das große Verbrechen habe gar nicht stattgefunden.“ Diese Charakterisierung gerade auch der Leser, denen „Der Vorleser“ gefallen hat – wie mir selbst – provoziert das Bedürfnis nach Widerspruch. Kann das alleine den Widerspruch rechtfertigen? Oder hat Adler womöglich nicht nur Schlink und den „Vorleser“ durchschaut – sondern auch mich?

Es ist wenig überraschend, aber meine Antwort lautet „Nein“. Hat er nicht. Vielmehr missversteht die Kritik das Buch, und man ist geneigt, hinzuzufügen, sie missversteht das Buch, weil sie es missverstehen will. Es ist nun mal ein Buch über das Volk der Täter, das nach den Taten weiterlebt. Für den Schriftsteller stellt sich, anders als für den Historiker, doch nicht in erster Linie die Frage, ob eine Geschichte zu erzählen ist, bzw. ob die Geschichte zu erzählen (zu schreiben) ist, sondern ob eine Geschichte erzählenswert ist. Und die Geschichte von Hanna und Michael ist erzählenswert und sie zeigt, dass auch Schuldige weitergelebt haben, bisweilen sogar ohne sich ihrer Schuld zu stellen. Bei Hanna kam der Punkt, da sie sich stellen musste. Dazu hat sie sich ihrer eigenen „Wahrheit“ bedient, was Adler „albern“ findet – und damit das „Wesen“ der Lebenslügen, die nach 1945 ein Weiterleben wenn nicht möglich, dann doch wenigstens leichter gemacht haben. All die Täter sind nach 1945 eben nicht verschwunden und ihnen ist auch nicht der Prozess gemacht worden. Sie blieben mehrheitlich unbehelligt (anders als Hanna, der ja der Prozess gemacht wird) und sie haben vermutlich in den Jahren nach 1945, insbesondere in den 1950er Jahren, als sich bekanntlich ein Schweigen über die Bundesrepublik legte und keine nennenswerte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit stattfand, auch nicht in dem Bewusstsein gelebt, für unfassbare Gewalttaten verantwortlich zu sein. Auch das Lächeln dieser Menschen konnte verzaubern, auch sie konnten schön sein. Davon berichtet Schlink, der gleich zu Beginn, bei der Beschreibung der ersten Begegnung Michaels mit Hanna, von dem Eindruck der Schönheit, der entstand, aber im Moment, da diese Erinnerung aufgerufen wird, keinen Bestand mehr hat, erzählt. Zwischen das seinerzeitige Erlebnis der Schönheit und die Erinnerung daran hat sich das Wissen geschoben. Davon berichtet Schlink, nicht von den großen Wahrheiten, die Adler vielleicht vermisst. Davon, dass man dem Antlitz das Bösen nicht ansieht, davon, dass das Böse keine eindeutige Charaktereigenschaft ist, sondern dass die Fähigkeit, Böse zu sein, auch denen innewohnt, denen man das nicht ansieht. Die sich das vielleicht selbst nicht eingestehen.

Ist es nur ärgerlich, dass Adler ein Buch kritisiert, dass er gelesen hat, aber nicht das Buch, das Schlink geschrieben hat? Oder ist es bezeichnend, dass Adler, der Schlink Ungenauigkeiten und Unwahrscheinlichkeiten und Irrtümer vorwirft, es selbst mir der Genauigkeit nicht so genau nimmt? Dass Adler sich genau Zahlen denkt, wo Schlink nur Schätzungen ausspricht (bei der Lesegeschwindigkeit bei Tolstois „Krieg und Frieden“), ist noch zu verschmerzen und lediglich ärgerlich. Dass der Literaturwissenschaftler Adler aber meint, den Juristen Schlink auf dem Gebiet „Strafverfahren gegen Nazis“ vorführen zu können, ist bezeichnend: Adler macht einen Unterschied zwischen dem Auschwitz-Prozess und dem bei Schlink geschilderten aus und verkennt dabei, dass genau die Argumentationen, die er Schlink vorwurfsvoll in den Mund legt, im Auschwitz-Prozess von der Verteidigung vorgebracht worden sind. Die Bagetellisierung der Rolle der Täter bei der Selektion an der Rampe, sie wurde im Auschwitz-Verfahren nicht nur von der Verteidigung vorgebracht, sie schlägt bis ins Urteil durch, das die Täter von der Rampe in Auschwitz in den meisten Fällen lediglich als „Gehilfen“ verurteilt hat. Dabei ist auch dieser Misstand nicht Schlinks Thema. Sein Thema ist es viel eher, wie er ziemlich genau in der Mitte des Buches es anspricht, darüber nachzudenken, was aus dem Wissen-wollen und dem Wissen-können folgt oder folgen kann. Liest man die Besprechungen von Norfolk oder Adler, könnte man glauben, „Der Vorleser“ reihe sich ein die jüngere Flut von „Wir-hatten-es-auch-schwer“-Betroffenheitskitsch (sei es wie bei Eichingers „Der Untergang“ oder dem Ausgangspunkt von Wortmanns „Wunder von Bern“ oder Grass‘ „Im Krebsgang). Tatsächlich aber ist „Der Vorleser“ das Buch, das offensichtlich weder Adler noch Norfolk lesen wollten, weswegen sie es als ein Buch, das sie gelesen haben, verrissen haben, ohne sich dabei mit dem Buch auseinanderzusetzen, das Schlink geschrieben hat.

Das ist dann vielleicht wirklich nur noch ärgerlich. „Der Vorleser“ ist kein Buch für Leser, die wissen wollen, wie wenig oder sehr grausam die Auslöschung des europäischen Judentums ablief, sondern es ist viel eher ein Buch für Leser, die dies wissen und sich der daraus fließenden Verantwortung stellen wollen oder doch wenigstens – nach Schlink – sollen.

Are You Deaf Or Don’t You Care?

Veröffentlicht in Hopeful am März 3, 2008 von idiotery

ordontyoucare.jpgthat is the question.