So also wird’s gemacht: Man schreibt einen Mythos her, behauptet, ihn zu erschüttern und kleistert einige hübsche Anekdoten, die mal das eine, mal das andere belegen können, zwischen zwei Buchdeckel. Bringt man’s bei einem halbwegs renommierten Verlag raus, hat man einen zumindest (zunächst) ernstgenommenen Beitrag zu einer zeit- und erinnerungsgeschichtlichen Debatte. Soweit die, hm, Praxis. Ich weiss nun nicht einmal, wie ernst der Beitrag, den Andreas Kossert mit seinem “mythoserschütternden” Buch “Kalte Heimat” zur Erinnerung an die und zur Geschichte der Vertriebenen nach 1945 leistet, in Fachkreisen genommen wird. Ich weiss noch nicht mal, wie ernst der “ausgewiesene Kenner des östlichen Mitteleuropa” insgesamt genommen wird. Aber ich erkenne ein ärgerliches Buch, wenn ich eines lese.
Die Geschichte der Integration der Vertriebenen in die (west-)deutsche Gesellschaft nach 1945 wird gemeinhin als Erfolgsgeschichte verstanden: Eine Geschichte nicht ohne Probleme, aber eine Geschichte, in der diese Probleme gemeistert wurden. Laut Klappentext ist es nun an Kossert, diesen Narrativ zu erschüttern, als Mythos zu entlarven. Seine Methode stellt er hilfreicherweise selbst dar: In einem hübschen Satz (der interessanterweise auf der nächsten Seite im Grunde auch noch widerlegt wird) gegen Ende des ersten Drittels des Buches beklagt Kossert, dass man “auf die Frage nach unschönen Szenen zwischen Einheimischen und Vertriebenen” von Vertriebenen “zumeist abwiegelnde Antworten” erhalte (S. 135 – auf S. 136 bejubelt Kossert dann die Detailfülle der Erzählungen von Vertriebenen, während die Einheimischen auffallend häufig davon gesprochen haben sollen, dass “davon” heute niemand mehr etwas wissen wolle). Das ist Kosserts Perspektive: Es muss schlimm gewesen sein, erzähle also, warum und wie es mit den Einheimischen schlimm war. Kosserts Ausgangspunkt ist klar: Vertreibungen sind immer Unrecht, die Vertreibung der Deutschen aus dem ehemaligen deutschen Osten war eine von vielen. In der Tat wird der deutsche Völkermord an den Juden Europas zwar geflissentlich und schuldbewusst erwähnt, aber “Vertreibung, Deportation und Vernichtung” gehen in einer Schilderung von Vertreibungen geradezu unter. Doch geht es darum noch nicht einmal: Ob Kossert hier nun aufrechnet, Opfernarrative gleichsetzt, relativiert, was auch immer – es ist letztlich nicht entscheidend. Ein solcher Vorwurf kann dem Versuch, die deutsche Opferperspektive auch einnehmen zu wollen, immer gemacht werden, wie diesem Vorwurf auch immer die schlichte “Wahrheit” entgegengehalten werden kann, dass es deutsche Opfer aber nun mal gegeben hat. Wichtiger erscheint etwas anderes: Kossert hat das Material, die Geschichte der Integration der Vertriebenen als Geschichte der Modernisierung der deutschen Gesellschaft durch die Integration und die Vertriebenen zu schreiben (vgl. S. 121). Aber dann wäre sein schöner Klappentext dahin gewesen.
Wie ein tabubrechender Enthüller verkündet Kossert, dass es die “Stunde Null” für die deutsche Gesellschaft “in Wahrheit” 1945 gar nicht gegeben habe (S. 49). Man ist versucht zu sagen: Sapperlot! Hat es nicht? Ja, dann… Es sind solche Kindereien, die dieses Buch zu einem Ärgernis machen. Dass die “Stunde Null” wenig mehr als eine, wenn auch prägnante, Metapher ist, sollte man einem Historiker nicht erklären müssen. Und seitenlang auszubreiten, dass die Vertriebenen nicht mit offenen Armen empfangen wurden, auch und gerade in den noch teilweise intakten ländlichen Gesellschaftsstrukturen in Westfalen oder Bayern, ist letztlich wenig erkenntnisfördernd. Mal wurden die Vertriebenen als rückständig, mal als zu fortschrittlich empfunden: Kossert interessiert nicht dieses widersprüchliche Phänomen, sondern die darin gleichbleibend zum Ausdruck kommende Ablehnung der Neuankömmlinge. Alles schreibt Kossert auf seinen letzten Satz hin: “In dieser Welt war kein Platz für sie [die Vertriebenen].” Dabei demonstriert er damit nur, wie wenig er das Phänomen der “Integration der Vertriebenen” verstanden hat. Der Zwang, sich einen neuen Platz suchen zu müssen, war Folge des Verlustes ihres angestammten Platzes in der Welt. Aber es gab diesen Platz, und sie haben ihn gefunden, mag er sie auch nicht willkommen geheissen haben, mögen sie ihn auch nicht gemocht haben.
Das Ärgerlichste an diesem Buch ist, das es ständig behauptet, etwas zu sein, das es nicht ist. Nämlich eine Darstellung der Geschichte der Vertriebenen (in Westdeutschland) nach 1945. Vielmehr ist es eine Anklage der westdeutschen Gesellschaft, in der die Vertriebenen nicht willkommen waren. Kossert schreibt eine Geschichte, die ihm nicht gefällt, weil er gerne eine andere gehabt hätte. Letzteres ist ihm nicht vorzuwerfen, dass er aber ersteres als Verfehlung der westdeutschen Gesellschaft und jener, die an der Berechtigung zweifeln, die Vertreibung der Deutschen als eine ethnische Säuberung unter beklagenswert vielen zu begreifen, ist es schon. Darunter leidet auch Kosserts Genauigkeit (mit der es allem Eindruck nach eh nicht so weit her ist): Er behauptet, dass solche Kritiker der Erinnerung der Vertreibung der Deutschen als Unrecht bestreiten, diese sei Unrecht (S. 346). Das Zitat, das er zum Beleg anführt, sagt aber etwas anderes: Nämlich, dass diese Kategorie (Unrecht) im Zusammenhang mit der Vertreibung der Deutschen nicht die Passende sei. Dies aber ist genau der Punkt, den es gilt zu erinnern: Vor der Vertreibung der Deutschen aus dem ehemaligen Ostdeutschland liegt ein Bruch, „der Zivilisationsbruch”, der jedenfalls die Einordnung der folgenden Vertreibungen in eine so traditionelle Kategorie wie “Unrecht” fraglich macht. Das ändert am Opferstatus der Vertriebenen nichts, aber es stellt das Unterfangen, ihre Geschichte als Opfergeschichte zu schreiben, in Frage.