Mehr Gitarrenwechsel als Sonic Youth.

Veröffentlicht in ьгышл am November 17, 2009 von idiotery

„Wir sind Jochen Distelmeyer“ sagt Jochen Distelmeyer im Laufe des Konzerts. „Und das nächste Stück heißt:“ Weiter im Text. Ein Konzert, das in gewisser Weise in den 90ern stattfindet – Distelmeyer ignoriert das Rauchverbot, im Publikum wird das Rauchverbot ignoriert, Hauptsache, die Gitarre produziert ein lautes Feedback. Das Publikum besteht zu gefühlten 80 Prozent aus Männern, eine neue „Fanbase“ hat das Solo-Album dem Eindruck nach nicht erschlossen. Es sind dennoch nicht nur die „alten Hits“, die für Begeisterung sorgen – dafür sind gute Distelmeyer-Songs einfach zu „gut“.

Wenn einmal die Geschichte des deutschsprachigen Abschiedsliedes geschrieben worden ist, dann ist „Nur mit Dir“ darin entweder ein Ehrenplatz eingeräumt worden – oder es ist ein Werk geworden, das seiner Aufgabe nicht gerecht wurde. Distelmeyer hat viele großartige, bewegende Songs geschrieben, aber mit „Nur mit dir“ hat er sichergestellt, dass die Zeit nach Blumfeld nicht nur seine Frank Black-Phase ist, sondern eher seine Robbie Williams-Zeit. „Nur mit dir“ ist vielleicht nicht „Angels“, aber schon „Eternity“ – und dann gibt es da ja auch noch „Murmel“. Die beiden Songs alleine rechtfertigen dieses Konzert, rechtfertigen den Eintrittspreis, die Anreise, die Wartezeit. Allerdings nicht die T-Shirt-Preise: 20 €? Junger Mann, das wäre selbst dann nicht gerechtfertigt, wenn Ihnen was total Flottes eingefallen wäre. Für 10 € hätte ich das „heavy“ World Trade Center gekauft, aber nicht für das Doppelte. So bleibt ein Konzert, das auch bei Distelmeyer wohl Spuren hinterlassen mag, denn die letzte Zugabe („Old Nobody“) wirkte wie eine _wirkliche_ Zugabe, wie ein Tribut an die Begeisterung, die Songs wie „Status: Quo Vadis“ und „Pro Familia“ entfachten. Und eben auch „Murmel“ und „Nur mit dir“: Die neuen Stampfer bringen uns nicht weiter, wer hat das Taschentuch?
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Trotzdem: Eine Fussnote zur Geschichte von Blumfeld wird die Existenz als Individuum bleiben, wenn der eigentliche Kulminationspunkt so etwas wie „Pro Familia“ bleibt. Verjüngt sich eigentlich im Fluchtpunkt. Regen oder nicht. Mein eigenes T-Shirt: Die Welle von „Nowhere“. Die 90er, die Wohlfahrtsausschüsse, der Gedanke, es könnte anders kommen können. Jetzt bleibt: Dancing Barefoot. Und mehr Gitarrenwechsel als Sonic Youth, Distelmeyer wechselt ca. nach jedem Lied die Gitarre. Weil: Warum nicht.

Harmony kills the most dedicated star

Veröffentlicht in ьгышл am November 1, 2009 von idiotery

Ich halte ja nun einiges an Harmonie und Wohlgefallen aus. Aber an einem Sonntagabend an einem kalten Berliner Herbstabend muss es etwas mehr sein als nur Harmonie, Schönheit und Sonnenuntergänge in Zeitlupe. Bzw. deren akustisches Gegenstück. Allerdings ist das alles, was Trespassers William zu bieten haben. Und: es reicht nicht.img_0886.jpg

Support your artist, Respect your audience.

Veröffentlicht in ьгышл am Oktober 29, 2009 von idiotery

The adventure of music is a dialogue between artist and audience. The artists performs, the audience appreciates. But what if the artists performs an act of self-loathing that distracts the audience from the music? Well, then – somebody has a problem.
I‘ve been following the art of Mark Eitzel since, um, 1994. I‘ve been a fan. I‘ve travelled to places as „exotic“ as Brussels and Frankfurt and Bochum just to see him perform. I also saw him in actual cities like Köln and Berlin. Unfortunately, he wasn‘t up to it in Berlin, at least not this time around. He walked onto the stage like someone who didn‘t want to be there. It is understandable, in a way: The stage of the somewhat pretentious Café Zapata is not where Mark Eitzel should be performing. He should be performing at the Berlin equivalent of Brussels‘ La Botanique – whatever that might be. But he‘s not, and there are reasons. One reason is: He‘s grown old, but refuses to acknowledge that. That‘s the saddest thing about his performance: His voice brings shivers down your (my) spine as he hits those sad and lonely notes, but when he makes those lame and tiring comments about sexual encounters, you can‘t help but think – all that self-deprecating humor really lost its shine. But the songs still shine. Kathleen is ever present, with „Why won‘t you stay“ being an early highlight of the set. Yet there is no confidence in Eitzel‘s moves, sometimes sitting down a chair to sing – which might be what lead him here, a sad performance to about 70 to 80 people in an „alternative“ venue instead of a full house with a suitable stage. His songs shine, his voice is compelling. He goes from belting out to caressing the low notes effortlessly and when you get the chance to listen, you know that lives can be changed by these songs.
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But just as he gets distracted by random noises from the audience, he distracts the audience from his songs, constantly explaining how badly he sucks. In previous shows, he would stop a song like „The thorn in my side is gone“ when something didn‘t seem or feel right. And start again and deliver a heartbreaking rendition. This time, he goes through the motions, wastes the song and can‘t leave the stage quickly enough. At one point, he put gaffer tape over his eyes and mouth, promising it would improve the show. It, quite naturally, didn‘t. So in the end, he needs to respond to my shouted request to „respect your audience“, which certainly seemed to strike a note with Marc Capelle who tried his best to keep Eitzel on track the whole night. Indeed, Eitzel did respond by saying that he respected his audiences, but that there were some „fuckers“ here who he wishes would just go and leave. Objectively speaking, it‘s hard to tell who those people could‘ve been. There did not appear to be anyone there that night who didn‘t want to be there and wasn‘t prepared to enjoy and appreciate the art of Mark Eitzel. With the exception of Eitzel himself.

Twee as Camera Obscura.

Veröffentlicht in ьгышл am Oktober 17, 2009 von idiotery

Diese Musikrichtung hat den Hass und die Verachtung, die beispielsweise der leider verstorbene Steven Wells über sie ausschüttete, vollauf verdient. Dieser in Harmoniesucht ertrinkende Wunsch, nirgendwo anzuecken, der doch das Recht auf Traurigkeit verteidigen zu wollen scheint, das fordert den Widerspruch zurecht heraus. Solcherlei zuckersüße Lieblingsmusik hat ca. keine Daseinsberechtigung. Aber man kann sich ja nicht immer mit solchen prinzipiellen Dingen aufhalten, man muss auch mal auf‘s „Herz“ hören.ohnetitel4.jpg
Das „Herz“ sagt schon manchmal seltsame Dinge. „Ja, Lloyd, ich bin jetzt bereit, mir das Herz brechen zu lassen.“ „Eine Woche in einer verstaubten Bibliothek, darauf wartend, dass die Worte mich anspringen.“ „Lass uns dieses Land verlassen, ich gebe zu, ich langweile mich so mit mir.“ Dazu adrett aussehen, ein kleines bisschen Schüchternheit zum Kokettieren. Das Absurde ist, dass dies alles letztlich sogar wirklich gefallen kann, selbst wenn es von Vornherein auch auf nichts anderes ausgerichtet war. Den wahren Herzschmerz gibt es hier nicht, über den wird nur gesungen. Aber das schon schön. Twee as Camera Obscura. Twee as Fuck.

Juli Zeh ist 1 Popstar.

Veröffentlicht in ьгышл am Oktober 12, 2009 von idiotery

Das mit dem Singen bekommt sie hin. SIe sieht gut aus, auf der Bühne. Sie hat Ausstrahlung. Sie geht gut mit Worten um. Aber: Reicht das? Genau da liegt das Problem. Die aktuelle „Schall-Novelle“ „Corpus Delicti“, die Juli Zeh zusammen mit Slut auf Tonträger und auch die Bühnen der Republik bringt, ist genauso gut wie sie gut gemeint ist und heutzutage sollte bekannt sein, dass dies Gegensätze sind.

Das Gute ist: Aus „Corpus Delicti“ spricht eine kompromisslose Haltung, die uns allen gut täte. Aber die Umsetzung dieser Haltung ist von einer gewissen Beliebigkeit, die kaum mitreisst. Irgendwann in der Oberstufe hat vermutlich jeder zweite Gymnasiast, der was auf seine künstlerische Ader gab, mit der ordentlich betroffenen Vertonung von literarischen Texten experimentiert. Und das ist das Schlechte: „Corpus Delicti“ ist nicht an allen Stellen weit genug davon entfernt, einen solchen Eindruck zu machen. Ob das die bedeutungsschwangeren Pausen, die nur leidlich originellen Klangwelten, oder auch die doch bisweilen klischeehafte Verbindung von Wort und Ton sind – vieles ist so offensichtlich gut gemeint, dass es doch schade ist, dass es nicht besser ist.
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Denn das Zusammenspiel auf der Bühne, die jedenfalls in Berlin durchaus merkbaren technischen Probleme mal außen vor, zwischen Slut und Juli Zeh funktioniert schon. Es entstehen vereinzelte Momente, in denen angedeutet wird, was hätte sein können. Einige Songs funktionieren, vielleicht könnten sie sogar für sich stehen. Aber selbst als Slutgutfinder fällt es leicht zu sagen, dass die Songs jetzt keine wesentlich bemerkenswerte Erweiterung des Slut‘schen Oeuvres darstellen. So dass das Experiment insgesamt zwar sicherlich feuilletonkompatibel, aber leider nicht überzeugend ist

Bad Movies: The Debt.

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Mai 26, 2009 von idiotery

So, apparently Helen Mirren will be the star of the remake. That she will outdo Gila Almagor is not a given – the problem with the original version of “The Debt“ lies less with the acting, but very much with the writing. The idea is compelling: An Eichmann-style abduction gone wrong, the failure hidden to save face. But when the failure threatens to come to light, some 30 years later, it is time to kill the Nazi again. That is an interesting, if somewhat farfetched premise. It doesn‘t hold.
The dialogues, if an informed judgement can be based on subtitles, sound like clichés, there is never any sense of the contradictory nature of the fight at the heart of this movie.

This is a trashy movie. And why wouldn‘t it be? Tarantino currently makes a lot of hoop-la with a trashy movie on Nazis. The trash-factor isn‘t what makes this movie annoying, it is its alleged seriousness. Gila Almagor does a good job of representing a woman ashamed of her fame, but the final act of “The Debt“ is pure farce. What‘s worse is that it is farce that takes itself seriously.The most devastating (self-)revelation of (about) the movie comes with Edgar Selge‘s admission that he agreed to do this movie as an act of reconciliation, ultimately asking for forgiveness – not for his acting, but for German history. In German there is a saying: The opposite of good is well-meant. Edgar Selge‘s acting is not so much a cause for embarrasment as it is for pity – to consider a contribution to this movie a contribution to the reconciliation between Jews and Germans is to overestimate a well-meaning movie that has very little to say.

The confrontation between the descendants of victims and perpetrators is reduced to a staring contest between evil and discomfort.It turns ugly when evil takes to action and the Israeli agents fail to be evil enough to respond in kind. Instead, they turn to storytelling that saves their reputation and the Nazi‘s life. So they turn themselves into heroes, but the heroic act never took place. It could have been an interesting exposition, exploring heroism and its content, but instead the movie sends its actors, 30 years older and in fear of their reputation, on what looks like a wild goose chase and plays out as a farce in an old people‘s home. They all die in the end.

The Trivialisation of War Crimes Trials.

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am Mai 22, 2009 von idiotery

Is it a scene from the next Tomb Raider-installment? No, it‘s news! Popstars, if you want them: Angelina Jolie and Luis Moreno Ocampo looking seriously serious on the occasion of Ms Jolie‘s visit to the ICC. The photo comes via Melbourne‘s The Age‘s Lifestyle section, which is already somewhat worrying: War Crimes prosecution as a lifestyle-choice.
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Of course, commitment to justice is open to celebrities and campaigns such as the one to stop the situation in Darfur, fruitless as they might be despite raising awareness, rely on celebrities. But everything is wrong about this picture. You can almost hear Moreno Ocampo saying “Yes, yes, serious matter, these war crimes“ to which Angelina Jolie nods her head and puts on exactly the expression she has here. And they’re both thinking, “Image, it‘s all about image, how do we look? Is my expression concerned enough? Do I look cool next to this modern icon? Don‘t I look cool next to this modern icon?“ And just who is the icon here? Moreno Ocampo quite possibly sees himself as one – and would be delighted to find out that (if) Angelina Jolie agrees.

But the attraction of War Crimes Trials as a means to achieve justice remains, as of now, just a promise. Some reports have Jolie down as a witness in the trial against Lubanga, and it would be indeed interesting to hear how she would qualify. Expert witness? Well, if moral outrage at abhorrent behaviour alone would be enough to qualify to serve justice, we‘d all be not only witnesses, but judges! It is way too early to make much of Moreno Ocampo‘s track record, but he certainly knows how to put himself in the spotlight. He‘s far out-Del Ponte-ing Carla Del Ponte, yet the merits of this approach seem questionable. As it is, there is hardly any public understanding of the limits and limitations of international criminal prosecutions – and the self-serving popularisation hardly contributes to furthering this understanding. This, then, is probably what‘s so seriously wrong with this picture: The image appears so familiar, so easy to understand that we can easily believe that not only do we understand the crimes under investigation under international criminal law, but also how to bring them to justice and thus bring justice to the places in which those crimes occurred. Of this we should be very sceptical.

Die Fussnote.

Veröffentlicht in Nutzloses Wissen am Mai 10, 2009 von idiotery

Wer jemals einen längeren wissenschaftlichen Text mit Fussnoten verfasst hat, weiss, dass auch im Endprodukt vermutlich noch einzelne Fehler lauern werden. Die Realität des Wissenschaftsbetriebs bringt es auch mit sich, dass man sich nicht immer darauf verlassen kann, dass es den gut bezahlten Lektor gibt, der noch das letzte fehlende Komma nachträgt.
Natürlich wird die Qualität einer wissenschaftlichen Arbeit denn auch nicht durch den Fußnotenapparat allein bestimmt: Das Argument selbst soll schließlich für sich allein (be-)stehen. Andererseits ist jedenfalls in der Rechts-“Wissenschaft” die Entwicklung eines Arguments wesentlich der Dialog mit anderen Argumenten. Und da wiederum ist die Sorgfalt dann doch ein Zeichen von Qualität. Auch die Sorgfalt erlaubt Fehler, aber es gibt Dinge, bei denen man sich nicht erwischen lassen sollte: So zum Beispiel dabei, nicht zu wissen, ob man einen Autor oder eine Autorin zitiert. Dass man bei der Lektüre einer völkerrechtlichen Dissertation den Eindruck gewinnen muss, dass ein Dr. iur. nicht weiss, dass Rosalyn Higgins eine Frau ist (S. 112, Fn 373), lässt an der Qualität des Promotionsverfahrens zweifeln. Und dass letztlich gerade weil der fragliche Autor es vermutlich sogar weiss: Rosalyn Higgins ist schließlich nicht Evelyn Waugh.

Heimat, kalt.

Veröffentlicht in Erinnerungskultur am März 12, 2009 von idiotery

So also wird’s gemacht: Man schreibt einen Mythos her, behauptet, ihn zu erschüttern und kleistert einige hübsche Anekdoten, die mal das eine, mal das andere belegen können, zwischen zwei Buchdeckel. Bringt man’s bei einem halbwegs renommierten Verlag raus, hat man einen zumindest (zunächst) ernstgenommenen Beitrag zu einer zeit- und erinnerungsgeschichtlichen Debatte. Soweit die, hm, Praxis. Ich weiss nun nicht einmal, wie ernst der Beitrag, den Andreas Kossert mit seinem “mythoserschütternden” Buch “Kalte Heimat” zur Erinnerung an die und zur Geschichte der Vertriebenen nach 1945 leistet, in Fachkreisen genommen wird. Ich weiss noch nicht mal, wie ernst der “ausgewiesene Kenner des östlichen Mitteleuropa” insgesamt genommen wird. Aber ich erkenne ein ärgerliches Buch, wenn ich eines lese.

 

Die Geschichte der Integration der Vertriebenen in die (west-)deutsche Gesellschaft nach 1945 wird gemeinhin als Erfolgsgeschichte verstanden: Eine Geschichte nicht ohne Probleme, aber eine Geschichte, in der diese Probleme gemeistert wurden. Laut Klappentext ist es nun an Kossert, diesen Narrativ zu erschüttern, als Mythos zu entlarven. Seine Methode stellt er hilfreicherweise selbst dar: In einem hübschen Satz (der interessanterweise auf der nächsten Seite im Grunde auch noch widerlegt wird) gegen Ende des ersten Drittels des Buches beklagt Kossert, dass man “auf die Frage nach unschönen Szenen zwischen Einheimischen und Vertriebenen” von Vertriebenen “zumeist abwiegelnde Antworten” erhalte (S. 135 – auf S. 136 bejubelt Kossert dann die Detailfülle der Erzählungen von Vertriebenen, während die Einheimischen auffallend häufig davon gesprochen haben sollen, dass “davon” heute niemand mehr etwas wissen wolle). Das ist Kosserts Perspektive: Es muss schlimm gewesen sein, erzähle also, warum und wie es mit den Einheimischen schlimm war. Kosserts Ausgangspunkt ist klar: Vertreibungen sind immer Unrecht, die Vertreibung der Deutschen aus dem ehemaligen deutschen Osten war eine von vielen. In der Tat wird der deutsche Völkermord an den Juden Europas zwar geflissentlich und schuldbewusst erwähnt, aber “Vertreibung, Deportation und Vernichtung” gehen in einer Schilderung von Vertreibungen geradezu unter. Doch geht es darum noch nicht einmal: Ob Kossert hier nun aufrechnet, Opfernarrative gleichsetzt, relativiert, was auch immer – es ist letztlich nicht entscheidend. Ein solcher Vorwurf kann dem Versuch, die deutsche Opferperspektive auch einnehmen zu wollen, immer gemacht werden, wie diesem Vorwurf auch immer die schlichte “Wahrheit” entgegengehalten werden kann, dass es deutsche Opfer aber nun mal gegeben hat. Wichtiger erscheint etwas anderes: Kossert hat das Material, die Geschichte der Integration der Vertriebenen als Geschichte der Modernisierung der deutschen Gesellschaft durch die Integration und die Vertriebenen zu schreiben (vgl. S. 121). Aber dann wäre sein schöner Klappentext dahin gewesen.

 

Wie ein tabubrechender Enthüller verkündet Kossert, dass es die “Stunde Null” für die deutsche Gesellschaft “in Wahrheit” 1945 gar nicht gegeben habe (S. 49). Man ist versucht zu sagen: Sapperlot! Hat es nicht? Ja, dann… Es sind solche Kindereien, die dieses Buch zu einem Ärgernis machen. Dass die “Stunde Null” wenig mehr als eine, wenn auch prägnante, Metapher ist, sollte man einem Historiker nicht erklären müssen. Und seitenlang auszubreiten, dass die Vertriebenen nicht mit offenen Armen empfangen wurden, auch und gerade in den noch teilweise intakten ländlichen Gesellschaftsstrukturen in Westfalen oder Bayern, ist letztlich wenig erkenntnisfördernd. Mal wurden die Vertriebenen als rückständig, mal als zu fortschrittlich empfunden: Kossert interessiert nicht dieses widersprüchliche Phänomen, sondern die darin gleichbleibend zum Ausdruck kommende Ablehnung der Neuankömmlinge. Alles schreibt Kossert auf seinen letzten Satz hin: “In dieser Welt war kein Platz für sie [die Vertriebenen].” Dabei demonstriert er damit nur, wie wenig er das Phänomen der “Integration der Vertriebenen” verstanden hat. Der Zwang, sich einen neuen Platz suchen zu müssen, war Folge des Verlustes ihres angestammten Platzes in der Welt. Aber es gab diesen Platz, und sie haben ihn gefunden, mag er sie auch nicht willkommen geheissen haben, mögen sie ihn auch nicht gemocht haben.

 

Das Ärgerlichste an diesem Buch ist, das es ständig behauptet, etwas zu sein, das es nicht ist. Nämlich eine Darstellung der Geschichte der Vertriebenen (in Westdeutschland) nach 1945. Vielmehr ist es eine Anklage der westdeutschen Gesellschaft, in der die Vertriebenen nicht willkommen waren. Kossert schreibt eine Geschichte, die ihm nicht gefällt, weil er gerne eine andere gehabt hätte. Letzteres ist ihm nicht vorzuwerfen, dass er aber ersteres als Verfehlung der westdeutschen Gesellschaft und jener, die an der Berechtigung zweifeln, die Vertreibung der Deutschen als eine ethnische Säuberung unter beklagenswert vielen zu begreifen, ist es schon. Darunter leidet auch Kosserts Genauigkeit (mit der es allem Eindruck nach eh nicht so weit her ist): Er behauptet, dass solche Kritiker der Erinnerung der Vertreibung der Deutschen als Unrecht bestreiten, diese sei Unrecht (S. 346). Das Zitat, das er zum Beleg anführt, sagt aber etwas anderes: Nämlich, dass diese Kategorie (Unrecht) im Zusammenhang mit der Vertreibung der Deutschen nicht die Passende sei. Dies aber ist genau der Punkt, den es gilt zu erinnern: Vor der Vertreibung der Deutschen aus dem ehemaligen Ostdeutschland liegt ein Bruch, „der Zivilisationsbruch”, der jedenfalls die Einordnung der folgenden Vertreibungen in eine so traditionelle Kategorie wie “Unrecht” fraglich macht. Das ändert am Opferstatus der Vertriebenen nichts, aber es stellt das Unterfangen, ihre Geschichte als Opfergeschichte zu schreiben, in Frage.

It’s not enough to have all the right ingredients.

Veröffentlicht in ьгышл am Februar 25, 2009 von idiotery

 

I really want to like Asobi Seksu. I want to like them so much that for a brief moment some time ago, I actually did. And I still want, if only because I like the shirt I have of theirs so much. Dream pop universelle. That‘s good. Unfortunately, their music only too rarely actually fulfils that promise. Witness tonight‘s show: They have a reasonably good drummer laying a solid foundation, a snappy bass that sometimes even grooves. They have a cute chick singer who does the ethereal wailing pretty well and they have, in theory, a huge enough wall of sound from the guitarist. But it‘s not enough to know the formula – you also have to know how to use it. Songs like „Familiar Light“ and „Nefi + Girly“Magnet Club Berlinshow that sometimes, Asobi Seksu do. 

But the way they insist on playing the game also shows that they don‘t really understand it. They repeatedly end very unremarkable songs in the pointless cacophony of white light and white noise that long ago ceased to be rebellious. Yes, My Bloody Valentine still do the twenty minute „holocaust“, but it‘s bloody boring is what it is. And same goes for Asobi Seksu: If you have to come back out from backstage (because you can‘t go anywhere backstage) for an encore nobody had the chance to cheer for cos your amp was feedbacking so loudly, then it‘s really not that graceful if you end up doing that twice. Because you have nowhere else to go. Maybe that‘s why they‘re doing this. Maybe they have nowhere else to go. Their music, at its washed out worst, drowning in echo and feedback, sounds that way. Fortunately, there are those moments when it‘s all so much better. Tonight wasn‘t one of them.